
Er ist schlicht nicht mehr wegzudenken aus dem Programm des Lichter Filmfests. Sicher, auch das regionale Filmprogramm oder der Kongress Zukunft deutscher Film, der die Lichter in diesem Jahr zum sechsten Mal bereichert, setzen Jahr für Jahr identitätsstiftende Akzente. Und die gerade einmal 1000 Euro, die es beim von Saul Judd initiierten und erstmals 2011 vergebenen Preis zu gewinnen gibt, sollten in Zukunft vielleicht doch einmal aufgestockt werden. Und doch hat der Wettbewerb Jahr für Jahr an Renommee gewonnen, was sich beim nun 19. Lichter Filmfest nicht zuletzt auch in der Rekordzahl von 180 Einreichungen aus aller Welt niederschlägt.
Vor allem aber erlaubt die von drei Juroren ausgewählte Shortlist noch stets Einblicke in die Befindlichkeiten des Genres. Inhaltlich wie formal. Nicht nur wurden die Beiträge in den vergangenen Jahren immer länger, traten zum klassischen Screening aufwendige Mehrkanalinstallationen ebenso, wie man mal die Rückkehr des filmischen Erzählens und dann wieder die zunehmende Verortung des Dokumentarfilms in der Welt der Kunst feststellen mochte. Stets aber spiegelte die Auswahl der fünf in einer eigenen Ausstellung vorgestellten Finalisten die relevanten, eine ganze Generation umtreibenden Themen wider auf eine Weise, die dem Betrachter manchmal fremd erscheinen mochte und manchmal gar zu sehr vertraut. Nur kalt ließ einen diese Konkurrenz nie.
Was sich in der aktuellen Schau in den schwierig zu bespielenden Räumlichkeiten des Haistudios an der Berliner Straße wieder bestätigt. Lädt einen die Konkurrenz doch zu allerlei Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft ein. Dabei erzählen die Arbeiten durchaus von unserer Gegenwart. Etwa wenn Maria Maylands „A Wideness, Opening and Closing“, der einzige auf Film gedrehte Wettbewerbsbeitrag, Möglichkeiten, Sinn und Relevanz einer queeren Historiographie hinterfragt. Maylands Interviewpartner setzen dagegen entschieden eigene, die queere Identität als eine Facette ihrer Persönlichkeit unter anderen vorstellende Akzente, während die Bilder die Idee eines Zuhauses formulieren, die sich von Genderfragen gänzlich unabhängig stellt.
Das narrative Potential der Bilder steht unterdessen auch im Zentrum von Lydia Marx’ „Little Pictures“, wenn die 1995 geborene Künstlerin eine Drohne als Erzählerin der Familiengeschichte etabliert. Dabei erzählt das Flugobjekt, wie wir es im Grunde alle tun: anhand von Bildern. Bildern, die wir uns von den Menschen und den Dingen machen. Und darauf kommt es „Little Pictures“ ganz entscheidend an. Bis sich der Betrachter in einer zunehmend surreal sich gestaltenden Welt der Sechzigerjahre wiederfindet, in der Hanna, Lilly und die Drohne leben „wie drei Schwestern, Brüder oder alte Freunde“, wie es einmal heißt, „die sich manchmal hassten, manchmal liebten und sich manchmal nicht kannten“. Das ist ganz hübsch abgedreht.
Wir erzählen alle in Bildern
Mit einer ganz eigenen Filmsprache überzeugt derweil Angel Wus „Force Times Displacement“, der entschieden experimentellste unter den Finalisten. Was zunächst den teils handgezeichneten, teils gefundenen Bildern und dem Schnittrhythmus zu danken ist, mit dem die in Münster und Taipeh lebende Künstlerin Begriff und Wert der Arbeit reflektiert. Dagegen sind es in „Rapture I“ die Bilder im Kopf des Protagonisten wie des Zuschauers, die man so bald nicht wieder loswird. Ist doch auf der Leinwand zunächst nicht wirklich viel zu sehen in Alisa Bergers im vergangenen Jahr im Forum der Berlinale gezeigter Dokumentation. Nichts und niemand – bis auf Marko, der mithilfe einer VR-Brille eine Reise in die eigene Vergangenheit und in die von Russland besetzte ukrainische Heimat und die seit dem Tod der Mutter verwaiste Wohnung antritt.
Und wieder sind es Bilder, stilllebenartige, freilich virtuell begehbare Bilder, die das dem Außenstehenden meist weitgehend abstrakt bleibende Kriegsgeschehen endlich erschütternd konkret werden lassen. Unberührt lässt einen derweil auch Artūras Ustinovas’ „Father Says“ nicht. Wiewohl man zunächst nichts sieht in diesen kurzen acht Minuten als den Künstler als Performer vor der Kamera, während der Vater aus dem Off dem Ungesagten, dem Unverständnis und der eigenen Ignoranz vor allem eine Stimme gibt: „Wohin hat dich die Kunst und das Theater geführt? Nirgendwohin.“ Arzt hätte er werden sollen und sich mal zusammenreißen. Und aufhören, sich als schwul auszugeben. Eine Zeitreise, möchte man wünschen, auch hier. Doch auch „Father Says“ erzählt am Ende von nichts anderem als von unser aller Gegenwart.
Die Ausstellung zum 16. „Lichter Art Award“ im Haistudio, Berliner Straße 27, Frankfurt, ist bis 3. Mai geöffnet. Die Preisverleihung findet am 3. Mai um 20 Uhr im Festivalzentrum Massif E statt.
