
An Kraftausdrücken mangelte es nicht auf der Mitgliederversammlung bei Borussia Mönchengladbach, wo die große und immer noch sehr präsente Geschichte einen Dauerkontrast zur grauen Gegenwart darstellt. Der Präsident Reiner Bonhof sprach von einem „Scheißjahr“, das hinter dem Klub liege, Tränen liefen über sein Gesicht.
Der angeschlagene Trainer Eugen Polanski wünschte sich „auch ein paar Arschlöcher in der Mannschaft“, in der es im Moment überwiegend „liebe Spieler“ gebe, denen „ein bisschen die Gier auf Erfolg“ fehle. Und Aufsichtsratschef Michael Hollmann verkündete, er und seine Kollegen in dem Kontrollgremium hätten „auch die Schnauze voll. Von der Tabellensituation. Aber auch von der Art und Weise, wie wir uns dahin manövriert haben“. Zumindest diese Mitgliederversammlung enthielt eine ordentliche Portion dieses Grundelixiers, das für guten und erfolgreichen Fußball unerlässlich ist: Intensität.
Im Alltag hingegen ist Borussia Mönchengladbach zu einem Verein geworden, der das Bundesligamittelmaß verkörpert wie kaum ein anderer Klub zuvor. Drei Saisons beendeten die Gladbacher zuletzt auf Platz zehn, zwischendurch waren sie einmal Vierzehnter. In dieser Zeit wurden Trainer, Sportchefs, Präsidiumsmitglieder, Geschäftsführer und selbstverständlich auch Spieler getauscht.
Das Ergebnis: Gladbach ist Elfter, und für die nähere Zukunft erklärte der Klubchef Stefan Stegemann in einer Journalistenrunde vor der Mitgliederversammlung einen „stabilen Mittelfeldplatz“ zum Ziel. Das klingt verdächtig nach einem weiteren wenig aufregenden Bundesligajahr, wobei die Gladbacher sich mit Ursachen und Auswegen beschäftigen.
„Jeder Verein hat seine Zyklen“
Stegemann hat ChatGPT gefragt, wie es denn anderen Traditionsvereinen geht, was sehr „spannend“ gewesen sei. „Jeder Verein hat seine Zyklen“, habe die Künstliche Intelligenz erwidert, berichtete der Klubchef. Das sei gerade bei den Traditionsvereinen gut sichtbar, beim VfB Stuttgart, beim 1. FC Köln, bei Schalke 04 oder bei Werder Bremen, die im Gegensatz zur Borussia im aktuellen Jahrzehnt alle schon abgestiegen seien. Damit wollte er sagen: So schlecht läuft es doch gar nicht.
Aber die Kölner, die Bremer und besonders die Stuttgarter haben viel mehr erlebt, zum Beispiel Aufstiege, im Fall des VfB sogar einen Sieg im DFB-Pokal und eine Champions-League-Teilnahme. Während Mönchengladbach seit Jahren festhängt in einem Dauerzustand latenter Abstiegsgefahr, die zwei, drei, vier Spieltage vor Schluss doch irgendwie gebannt wird. Mehr Eintönigkeit geht kaum.
Ein Grund für diese Stagnation ist eine Falle, in die auch schon andere Klubs hineingeraten sind: In Phasen des Erfolgs oder der Zuversicht werden Spielerverträge mit Gehältern abgeschlossen, die eigentlich zu hoch sind für einen Tabellenzehnten. Bei der Borussia haben sie immer vor dieser Gefahr gewarnt, auf die Frage, ob der Klub trotzdem in die Falle getreten sei, erwiderte Stegemann schlicht: „Ja.“ Das sei allerdings „menschlich“, weil einige der besten Spieler den Verein ablösefrei verlassen haben und frühere Manager aus Angst, weitere wichtige Profis zu verlieren, bereit waren, viel zu viel Geld an Fußballspieler zu zahlen, die jetzt als zu lieb und zu wenig gierig gelten.
Kaderkosten müssen gesenkt werden
Solche Unwuchten im Kader seien eine Last, die „drei bis vier Jahre“ nachwirke, sagte Stegemann nun, und Sportchef Rouven Schröder erklärte auf der Mitgliederversammlung: „Wir müssen die Kaderkosten senken.“ Im Geschäftsjahr 2025 machte die Borussia fast vier Millionen Euro Verlust, und die TV-Gelder sinken aufgrund der mittelmäßigen Tabellenplätze weiter.
Zuletzt hat sich Stegemann, der im Januar 2025 von einem Sponsor aus der Elektronikbranche zur Borussia wechselte, ein wenig in anderen Klubs umgesehen. „Gladbach war einmal die Referenz, jetzt sind es andere“, sagte er und nannte den SC Freiburg als „Musterbeispiel“. Offenkundig wollen die Verantwortlichen sich künftig an dem auf einem ähnlichen wirtschaftlichen Niveau agierenden Europa-League-Halbfinalteilnehmer orientieren.
Was der Sportclub anders macht
Das wird aber nicht so schnell gehen. Der Umsatz mag sich ähneln, aber der SC hat eine viel stabilere Substanz entwickelt. Das Eigenkapital sank bei der Borussia von 48 auf 44 Millionen Euro und beträgt bei Freiburg ungefähr 150 Millionen. Außerdem wird beim Sportclub aus dem Schwarzwald akribisch darauf geachtet, dass keine „Arschlöcher“ in den Kader geholt werden.
Ungewiss ist vorerst, wie die Forderung des Gladbacher Trainers nach solchen Typen bei der Klubführung angekommen ist. Allerdings deutete Stegemann an, dass die Frage nach dem künftigen Chefcoach den wichtigsten Ansatz für eine Wende bietet. Der Geschäftsführer zeigte eine Grafik mit einer Kurve, die die Entwicklung des Eigenkapitals seit 2010 darstellt. Seit 2013 ging es stetig nach oben, von 2019 an steil nach unten.
Es seien „meistens besondere Trainer“, die einen Aufschwung bewirken, sagte Stegemann und meinte vor allen Dingen Lucien Favre, der Mönchengladbach einst aus dem Abstiegskampf bis in die Königsklasse führte.
Die Frage, ob im Trainerbüro der Schlüssel für das Tor zu einer besseren Zukunft liege, mochte er nicht beantworten, die Entscheidung über den Trainer fällt in den Verantwortungsbereich Schröders. Und der sagte: „Wir brauchen Mut. Bei allem, was passiert. Mut zur Veränderung. Mut zu Entscheidungen. Mut zur Konsequenz.“ Aber nach einem Wundertrainer der Kategorie Favre/Klopp/Kompany suchen fast alle Klubs.
Und die Unwuchten im Gehaltsgefüge bleiben selbst dann, wenn ein solcher gefunden wird, so dass ein Teil der Zukunftshoffnungen auf den Schultern von Tim Kleindienst ruht: Der Stürmer war fast die gesamte Saison verletzt und hätte dem Klub mit seinen Toren und seiner Willenskraft vielleicht wirklich fünf, sechs Punkte mehr beschert, wie Stegemann mutmaßte. Aber der Ausbruch aus der Gefangenschaft im Mittelmaß wäre damit auch nicht möglich gewesen.
