
Mit Gurten haben Helfer in der Bucht von Wismar am Dienstag den Buckelwal in einen großen Lastkahn gezogen. In diesem soll der Wal bis in die Nordsee gefahren werden. Über Stunden zogen sie an dem Tier. Immer, wenn der Wal atmete und eine Fontäne ausstieß, riefen sie laut „zieh“ und stemmten sich gegen die Gurte. Zunächst lange ohne Erfolg, später gelang es, das Tier um 180 Grad zu drehen, danach verharrte es zunächst wieder. Ein Helfer hielt bei dem Versuch, das Tier zu bewegen, wiederholt dessen Schwanzflosse fest, ein Mann schien auf den Wal geklettert zu sein. Am frühen Nachmittag dann schwamm das Tier selbst in den Kahn. Bei den Helfern brach im Anschluss laut Jubel aus.
Der Wal war Ende März in der Bucht von Wismar gestrandet, hatte sich später selbständig freigeschwommen, um im Anschluss wieder zu stranden. Er ist krank und geschwächt. Meeresbiologen gehen davon aus, dass er gezielt seichtes Wasser aufsucht, um nicht zu ertrinken. In einem vom Land Mecklenburg-Vorpommern in Auftrag gegebenen Gutachten des Deutschen Meeresmuseums und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung von Anfang April heißt es: „Das Tier würde die Belastung eines langen Transportes in die Nordsee nicht überstehen, der mit Stress, Lärmbelastung und Manipulation des Tierkörpers verbunden wäre. Aufgrund dessen ist eine Lebendbergung und Transport nicht möglich und vertretbar.“ Allerdings setzt sich der zuständige Landesumweltminister Till Backhaus (SPD) darüber hinweg; das Land duldet die derzeitigen Bemühungen der Helfer.
Wal laut beteiligten Tierärztinnen transportfähig
Backhaus übte am Dienstag deutliche Kritik an den Wissenschaftlern. Er bitte diese um Verständnis, „diejenigen, die das vielleicht nicht so 100 Prozent beurteilen könnten“, sollten doch mal hinterfragen, was sie aufgeschrieben hätten. Der Wal sei „transportfähig“, das hätten die beiden am Wal tätigen Tierärztinnen bescheinigt, so Backhaus. Demnach sei seine Haut „in guter Heilung“, die Atmung tief ohne Nebengeräusche. Backhaus zeigte ein Papier vor, das die Tierärztinnen unterschrieben hatten.
Allerdings haben die beim Wal tätigen Tierärztinnen keine Erfahrung mit Buckelwalen. Zudem ist sehr fraglich, ob der Rettungsversuch wie von Backhaus oft beschrieben „minimalinvasiv“ ist. Backhaus bezeichnete die Bergung als einen „einmaligen Versuch“. Dieser sei es „auf jeden Fall wert“, denn „wer nichts macht, macht auch keine Fehler“. Man folge damit dem „australischen Modell“. In Australien war kürzlich ein Wal mit Hilfe von Gurten ins tiefe Wasser gezogen worden. Allerdings war der Zustand des Tiers deutlich besser, auch erfolgte die Rettung angeleitet durch Walfachleute innerhalb von 24 Stunden. Zudem wurde das Tier nicht in einen Lastkahn gezerrt, sondern in tieferes Wasser.
Meeresbiologen hatten wiederholt davor gewarnt, das sterbende Tier aus der Wismarer Bucht mit Aktivitäten zu quälen, demnach sei es manchmal besser, nichts zu tun – auch wenn das für Menschen schwer aushaltbar sei.
