Wir alle tragen das Böse in uns. Kaum radikaler könnte William Goldings dystopischer Roman „Lord of the Flies“ die romantische Vorstellung der kindlichen Unschuld brechen. Nun legt eine vierteilige Serie der BBC den Roman aus dem Jahr 1954 neu auf. Sie erzählt die Geschichte der Jungen, die auf einer tropischen Insel stranden und sich dort gegenseitig das Leben zur Hölle machen, aus der Perspektive jeweils eines Protagonisten: Ralph, Piggy, Simon und Jack. Mit diesen vieren verkehrt die Serie Goldings Botschaft ins Gegenteil.
Jede Episode gilt einer Figur und gibt der Psychologie großen Raum. Rückblenden erklären frühere Traumata und das Fehlen von Vorbildern: Ralphs Pflichtgefühl hat mit einem Aufwachsen in einem Marinehaushalt zu tun, Jacks Machtstreben geht auf seine Vergangenheit als Chorleiter an einer Eliteschule zurück, Simons Zerbrechlichkeit erwuchs aus familiärem Missbrauch. Das soll ihr Verhalten auf der Insel erklären. Der Mord an zwei Kindern erscheint geradezu absehbar, die Eskalation zeichnet sich ab. Einen solchen deterministschen Ansatz vertrat der Drehbuchautor Jack Thorne schon in der Netflix-Serie „Adolescence“. Nun stülpt er ihn Goldings „Lord of the Flies“ über.
Die BBC-Adaption von Jack Thorne setzt auf Horrorelemente
Ist die Botschaft über das Wesen der Menschen weniger düster, müssen die Bilder nachhelfen. Die namenlose Pazifikinsel scheint ebenso paradiesisch wie feindlich: Tagsüber ist das Grün der Palmen fast giftig, während nachts Infrarotkameras Flora und Fauna in eine blutrote Landschaft verwandeln. Die Farbgebung verschluckt die Protagonisten förmlich und erinnert an Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Die extreme Hitze, das ununterbrochene Insektensummen zersetzen den Verstand der Jungen.
Peinigend gibt sich auch die Kamera. Piggys Folge arbeitet mit Nahaufnahmen und verzerrten Perspektiven, die sein eingeschränktes Sehvermögen spiegeln. Wacklige Handkamerabilder betonen Jacks hitziges Gemüt, während verschwimmende Bildränder Jagd und Machtrausch zu einem visuellen Tunnelblick verdichten. Spätestens ab der zweiten Folge wird das anstrengend. Da schon die erste Folge mit visuellen Effekten überladen ist, verliert die Erzählung durch diese visuelle Ablenkung an Dramatik.
Ein starker Cast voller Schauspieldebüts
Die Entscheidung, pro Folge nur einen Charakter zu erklären, schwächt die Erzählung nachhaltig. Besonders deutlich zeigt sich das bei Jack: Nach seiner Episode wirkt seine Charakterentwicklung nahezu abgeschlossen – obwohl vor allem er die Handlung vorantreibt und die Eskalation auf der Insel befeuert. Weil zuvor eine Beziehung zu Simon aufgebaut wurde, fehlen Einblicke in seine inneren Brüche. In der Romanvorlage übernimmt Ralph am ehesten die Rolle der Hauptfigur, doch in Thornes Adaption bekommt er am wenigsten Raum. Neben den starken Persönlichkeiten von Jack und Piggy wirkt seine Figur unglaubwürdig und zu passiv für den charismatischen Anführer, dem alle Jungen blind vertrauen.
Obwohl die Filmmusik gelegentlich die Emotionen und die Dramatik der Ereignisse verstärkt, fördert ihr übermäßiges Crescendo letztlich eine distanzierte Perspektive. Hans Zimmers orchestraler Bombast und Cristobal Tapia de Veers Klänge übersteuern viele Szenen und nehmen ihnen die Zwischentöne. Auch das rhythmische Keuchen in Jacks Episode wird zum störenden Hintergrundgeräusch. Mehr Vertrauen in und mehr Platz für das schauspielerische Können der jungen Darsteller hätte der Serie gutgetan. Ihr Schauspiel zählt zu den Pluspunkten der Serie – allen voran das zentrale Quartett mit Winston Sawyers (Ralph), Lox Pratt (Jack), David McKenna (Piggy) und Ike Talbut (Simon).
Lox Pratt sticht heraus: Sein Jack ist eine komplexe Figur zwischen binären und zerbrochenen Vorstellungen von Männlichkeit. Die BBC-Adaption von „Lord of the Flies“ führt vor Augen, wie grausam Teenager sein können und wie Kinder die Kriege der Erwachsenen kopieren. Goldings Botschaft über die Abgründe der menschlichen Natur muss hier ohne Tiefe auskommen.
Lord of the Flies läuft bei Sky und Wow.
