Selten passte ein Künstler derart in das Duisburger Lehmbruck Museum wie Anish Kapoor. Wie kaum einem anderen Zeitgenossen eignet seinen Werken eine Transzendenz, die sehr ähnlich den Figuren Wilhelm Lehmbrucks eingeschrieben ist: ganz Körper und ganz Geist zugleich. Doch andererseits auch wieder nicht, würden Kapoors Verächter dagegenhalten, die in dem in Indien geborenen, in Israel aufgewachsenen und heute in London lebenden Künstler nur einen Gleißner mit optischen Taschenspielertricks sehen, der jährlich Millionen Menschen in Chicago mit seiner gnadenlos instagrammablen Hochglanz-Spiegelbohne, in Versailles mit seinem Himmelsspiegel und ansonsten Museumsbesucher rund um den Globus mit blutrotem Wachsgequietsche in den Bann schlägt (was es in Duisburg auch gibt) oder amerikanische Touristen in mit dem schwärzesten Schwarz der Welt ausgekleidete Löcher plumpsen lässt. Die Bewunderer seiner Werke hingegen, deren es mindestens so viele wie Kritiker gibt, sehen, nein spüren die Poesie und Philosophie hinter Kapoors Effekten.
Vulven aus rosafarbenem Onyx
Und die ist buchstäblich tief – und häufig endlos. Wobei eine Philosophie „hinter“ den Werken die falsche Metapher wäre: Seine Objekte verkörpern eine Haltung und Ideen; sie sind die Gedanken selbst, getreu seinem Credo, „Erde zu Himmel“ zu machen und Schweres schwerelos luftig. Das ist offensichtlich ein Widerspruch, steht man den Werkgruppen im Duisburger Lehmbruck Museum direkt gegenüber. Das Physisch-Körperliche springt einen da geradezu an, droht einen bisweilen zu überwältigen, und doch löst es sich im allerselben Moment wieder auf in etwas Geistiges und entzieht sich.

So sieht man bereits von Weitem auf der Empore meterhohe fleischfarbene Körperteile wie Vulven und Ohren aufragen (klug „gehängt“ hinter Alicja Kwades Mobile „Heavy Skies“ aus schweren Felsbrocken im Geschoss darunter). Sie entpuppen sich als tonnenschwere Skulpturen aus rosafarbenem afghanischen Onyx, einem wertvollen Schmuckstein, handwerklich perfekt gemeißelt und weich wirkend, doch an den Seiten zugleich noch raue Abbruchkanten sowie die Bohrkanäle und Spuren des Heraussprengens aus dem Steinbruch zeigend.
Beim Nähertreten jedoch werden die Onyxskulpturen immer diaphaner, die kristalline Struktur des Materials lässt sowohl Licht hindurch wie sie gleichzeitig auch selbst – typisch für edles Gestein – ein sehr eigenes Farblicht auszustrahlen scheint. Es wirkt, als hätte Kapoor eine verwirrende Version von Courbets „Ursprung der Welt“ schaffen wollen – qua Gewicht sehr präsent und doch auch wieder durch den kristallenen Onyx immateriell schwebend.
Beides – Kernideen früherer Künstler und den ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen – verwandelt Kapoor gern in seine eigene Bildsprache. Die Arbeit „When I’m pregnant“ wölbt sich wie der Bauch einer Schwangeren in weißem Material meterweit und groß aus der gleichfarbigen Wand. Erneut scheint es kaum etwas Physischeres zu geben als das Wachsen eines Organismus aus einer zuvor annähernd planen Fläche – und abermals löst sich die doch unübersehbare Wölbung durch das lichte Weiß vor unseren Augen nahezu vollständig auf und wirkt wie eine nur kurzzeitig gedehnte Membran, die im nächsten Moment wieder auf ihren Ausgangspunkt zurückschrumpft.

Farbliche und räumliche Irritationsmomente fesseln Kapoor maßlos, und so bekannte er auch in seiner Dankesrede zur Verleihung des Lehmbruck-Preises 2026 am Donnerstagabend unverhohlen, wie sehr ihn Pollocks Schubumkehr der Kunst von der Horizontalen des Bodens hin zur vertikalen Wand als werdenden Künstler fasziniert hat. Konkret bestand die Faszination für ihn darin, wie aus Pollocks Malerei des Drippings mit „Herzblut“ innerhalb der abgespannten Leinwand auf der Erde allein durch den fundamentalen Akt des Hängens an die Wand aus den eben noch „geerdeten“, weil zu Boden gefallenen Farbkonglomeraten in einer radikalen Transformation ad hoc ein schwebendes, gleichsam kosmisches Diagramm erwuchs.
Und auch bei den beiden je mehr als zehn Meter langen und sphärisch in sich gewölbte Edelstahlskulpturen der „Double S-Curve“ könnte mancher an Richard Serras nur wenige Meter entfernt vor dem Museumssaal stehende gebogene Cortenstahlplatten erinnert sein. Doch verwandelt Kapoor seine hochglanzpolierten Spiegelwände in zusätzlich in sich gewundene Riesenschlangen und damit in einen panoptikalen Prüfstand der Wahrnehmung: Zerrspiegeln gleich wandert man an ihnen entlang, schrumpft, steht kopf oder wird gleich seines Hauptes entledigt und verschwindet in der nächsten Sekunde in pechschwarzen Schlieren. Unser Anblick erfährt ständige Metamorphosen, der eigene Blick schlägt Kapriolen, auf den Sehsinn scheint plötzlich kein Verlass mehr. Unweigerlich muss man sich aufs Denken verlegen und das, was hinter den gleißenden Oberflächen liegen könnte.
Hochglanzpolierter Edelstahl oder Naturstein und Knochen
Die permanente Verwandlung, die Neugier auf das, was vor der Geburt eines Wesens oder Objekts wie auch nach Tod oder Zerstörung derselben gewesen sein oder geschehen könnte, führte Kapoor beinahe zwangsläufig zu Marcel Duchamps Gedankenwelt der Readymades. Im Moment der Musealisierung verwandelt sich ein Objekt zum Kunstwerk und umgekehrt. Dabei wirkten schon Duchamps Readymades so wie auch Kapoors Objekte scheinbar nicht von Menschenhand berührt – die Perfektion eines Rads oder die ideale Form des von ihm gewählten Pissoirs ist nicht mehr zu verbessern und erscheint somit göttlich. Der Ursprung der Idee des Readymades in den mittelalterlichen „Acheiropoieta“, den ebenfalls nicht von Menschenhand gemachten, vielmehr den Legenden zufolge vom Himmel gefallenen Ikonen offenbart sich hier deutlich. So geht auch jedes der vorgefertigten Objekte Kapoors über die bloße physische Erscheinung hinaus und birgt eine transzendente Ebene.

Zwei weitere wichtige Künstler-Referenzen hätte er in seiner Rede nicht einmal benennen müssen, denn sie sind offenkundig. Die Arbeit mit dem organischen Material Wachs erinnert stark an den ersten Lehmbruck-Preisträger Joseph Beuys, den Kapoor verehrt. Dabei arbeitet kaum ein anderer mit einer derartigen Bandbreite von auf den ersten Blick widersprüchlichen Materialien: Hochglanzpolierter Edelstahl wird ebenso verarbeitet wie Naturstein oder Knochen, rohe Pigmente und Ruß ebenso wie hochraffinierte Farben wie das von ihm patentrechtlich erworbene schwärzeste Schwarz der Welt.
Dieses Faible für die Extremisten unter den Farben hat er von Malewitsch geerbt, dessen „Schwarzem Quadrat“ Kapoor zwei von ihm sogenannte „Non-Objects“ widmet, die hinter jene Urform und -farbe des russischen Suprematisten schauen wollen, um sie mit dem ultraschwarzen „Vantablack“ in schwarze Löcher zu verwandeln. Sein höchstes Ziel sei es, durch sein Schwarz Werke und Objekte in eine andere Dimension zu bringen oder durch sein intensives Rot das Innere des Menschen hörbar und spürbar werden zu lassen. Ein gutes Kunstwerk balanciere für ihn immer auf dem schmalen Grat zwischen Bedeutung und Nichtbedeutung. Diese Lücke zwischen den beiden Zuständen muss der Betrachter füllen.
Die Stärke der Schau liegt gerade in ihrer beständigen Bezugnahme auf die im Lehmbruck unerreicht dichte Geschichte skulpturaler Meisterwerke und der Quantenmechanik der Gleichzeitigkeit von Physis und Transzendenz. Kapoor setzt sich bescheiden mit seinen Werken zu diesen in Bezug – und fügt der Meistererzählung gerade dadurch Wesentliches hinzu.
Anish Kapoor. Lehmbruck Museum, Duisburg; bis zum 30. August. Katalog folgt.
