
Alles neu macht der Mai. Strenggenommen zeichnete sich das schon im Februar ab, berichtet die Freundin, die ob des jungen Glücks ihres deutlich älteren Kollegen ein bisschen frustriert wirkt. Sie arbeitet in einer Branche, die auf Fakten, Zahlen, messbare Ergebnisse setzt und in der Menschen, die sich beruflich mit den schönen Dingen des Lebens, Sprachen und Künsten beschäftigen, oft mit leisem Argwohn und einer Prise Neid betrachtet werden. Einer ihrer extrovertierten Kollegen betrieb das sehr beharrlich, sich „solche Künstlertypen“ – es klang nie freundlich, wie er das aussprach – vom Leib zu halten. Abstand war vorvorgestern. Denn in sein durchgetaktetes Leben ist eine aparte Geisteswissenschaftlerin getreten, nennen wir sie Veronika.
Über den Flur wehen Textfetzen
Gegensätze haben sich angezogen. Der ältere Kollege und langjährige Single hat quasi über Nacht seine Abwehr und Vorurteile ins Gegenteil verkehrt. Das, was ermüdende Diskussionen im Kollegenkreis nie auslösten, nämlich an eine gewisse Offenheit zu appellieren, ist der Frau gelungen. Glücklich zeigt er Handyfotos seiner Angebeteten. Was Liebe so alles bewirkt. Der Kollege fühlt sich durch ein experimentelles Theaterstück inspiriert, schwärmt vom Besuch einer Galerie und bekennt, dass er immer schon eine Schwäche für Schlagermusik hatte.
Diese, so es denn überhaupt eine Schwäche ist, lebt er nun bei beseelten Gängen in die Kaffeeküche oder Toilette aus. Er summt Melodien, über den Flur wehen Textfetzen à la „Ich will dich jetzt und hier für immer, weil ich die Sehnsucht nicht ertrag“.
Verschenkte Herzen, schwingende Hüften, reisende Tränen, bergseeblaue Augen, eingeschlagene Liebesblitze, loderndes Begehren – „ich will dich ewig küssen, von Flensburg bis nach Füssen“. Der Kollege strahlt, „und jedes Wort ist wahr!“. Wahrlich, der Lenz ist da. Der verliebte Rosenkavalier flutet in einer Art positivem Stresszustand seine Umgebung mit unerträglich guter Itsy-Bitsy-Laune. Und wühlt die anderen mit ihren emotional stabilen Beziehungen auf, die hormonelle Ausnahmezustände nur noch bei ihren Teenagerkindern erleben. Gutmütig freuen sich alle für ihn mit. Kitsch-Offensive und die Macht der Liebe tragen zur Wohlfühlatmosphäre im Büro bei. Marmor, Stein und Eisen bricht, hoffentlich seine Liebe so schnell nicht. In der Kantine wird Spargel kredenzt.
In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.
