In der sechsten Stunde hat die 5b am Donnerstag DiBi. Das steht für „Digitale Bildung“ und ist an der kirchlichen Bischof-Neumann-Schule in Königstein im Taunus ein ganz normales Schulfach, genauso wie Deutsch, Mathematik und Geographie. Noten gibt es darin aber nicht. Lehrer Dominik Christ hat ein paar Aussagen vorbereitet. Wer zustimmt, soll aufstehen. Los geht es mit: „Mir ist es wichtig, dass ich mit meinen Freunden einen Gruppenchat habe.“ Alle Mädchen und Jungen an den sieben Vierertischen bleiben sitzen. „Man sieht die Leute ja in der Schule“, sagt ein Mädchen. Als es darum geht, am Handy Spaß zu haben, interessante Dinge zu sehen, stehen einige zögerlich auf. „Jedes Kind guckt sich mal Videos an“, sagt ein Junge. Ein Mädchen berichtet, mit dem Handy die Wartezeit an der Bushaltestelle zu überbrücken.
Mit dem Fach „Digitale Bildung“ in der Unterstufe hält die St. Hildegard-Schulgesellschaft des Bistums Limburg daran fest, den Digitalunterricht als reguläres Fach zu unterrichten. Außer der Bischof-Neumann-Schule sind drei weitere Schulen beteiligt, eine davon die St.-Angela-Schule ebenfalls in Königstein. Das Land Hessen dagegen beendet nach vier Jahren einen entsprechenden Schulversuch, wie Ende März bekannt wurde. In dem Versuch war das Fach „Digitale Welt“ an 80 Pilotschulen in den Klassen 5 und 6 auf Probe unterrichtet worden. Jetzt soll es stattdessen Teil des Ganztagsprogramms an den weiterführenden Schulen im Land werden. Schüler können es dann freiwillig besuchen, etwa in einer Arbeitsgemeinschaft.
Die Bischof-Neumann-Schule weitet den Digital-Unterricht im Stundenplan dagegen aus. Anfang des Schuljahres ging es in Klasse 5 mit einer Stunde los, sodass die Kinder nun 31 statt 30 Pflichtstunden besuchen. Damit soll im neuen Schuljahr nicht Schluss sein: Wenn die Kinder in die sechste Klasse kommen, werden sie das Fach weiterhin haben. Und die neuen Fünftklässler bekommen es auch. So soll „DiBi“ nach und nach mit den Kindern in die höheren Klassen hineinwachsen – auch, was den Stoff angeht.
Ethische Komponente ist wichtig
Als Christ die Kinder zu Schuljahresbeginn fragte, wer schon ein Handy habe, meldete sich etwa ein Drittel. Bei manchen war es kein Smartphone, sondern ein Mobiltelefon mit Tasten. Die Themen Cybergrooming und pornographische Inhalte hat Christ auf Stufe 6 verschoben, wenn die Kinder auch Sexualkunde bekommen.
Als Nächstes klappen die Kinder die Schul-iPads auf. „Ihr bekommt gleich ein Arbeitsblatt geairdroppt“, kündigt Christ an, der auch der Klassenlehrer ist. Schon vor Monaten hat er den Kindern beigebracht, die Schulplattform zu nutzen. Sie lernen auch, Texte zu bearbeiten und Ordner zu erstellen. Aber das Fach soll einem umfassenden Begriff von „Digitaler Bildung“ folgen, im Sinne von „sich bilden“, wie Schulleiter Jens Henninger sagt. Diese „ethische Komponente“ grenzt DiBi seiner Ansicht nach auch vom hessischen Fach „Digitale Welt“ ab. Auch die Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz liegen Henninger am Herzen. Mehr als das Programmieren, denn das übernehme ohnehin bald die KI.

Die Schüler sollen lieber erkennen, wie ein Messengerdienst aufgebaut ist, was mit den eigenen Daten geschieht. Außer den eigenen Rechten und den Rechten anderer im digitalen Raum gehören auch ein paar Regeln zum digitalen Schriftverkehr ins Curriculum. Die bisher vier DiBi-Lehrer bringen den Kindern bei, mit welcher Anrede eine korrekte E-Mail beginnt, mit welcher Grußformel sie endet.
Die 5b hat noch keinen Klassenchat. Trotzdem projiziert Christ einen fiktiven an die Tafel. Ein Mädchen wird darin gemobbt, unter anderem wegen der Frisur. Die Kinder sollen sich nun in einzelne Chat-Mitglieder hineinversetzen, schreiben, wie die sich verhalten und fühlen. Die digitale Arbeit kostet viele Minuten. Sobald die Geräte angeschaltet sind, werden die Kinder lauter. Das Airdroppen klappt nicht bei allen, ständig ruft jemand: „Herr Christ!“ Der Lehrer läuft von einem Tablet zum anderen. Das Tippen auf der Tastatur mit zwei Fingern braucht auch seine Zeit.
Christ und seine Kollegen sind nicht für das Fach ausgebildet. Sie haben sich die Inhalte gemeinsam erarbeitet. Material nutzen sie etwa aus einem Gratisangebot der Europäischen Union. Henninger ist überzeugt: „Man muss kein Experte sein, um das zu unterrichten.“ Aber alle sollen profitieren, auch die Lehrer, die das Fach mit ihren anderen Fächern in den Klassen verzahnen können.
Am Ende der Stunde airdroppen die Mädchen und Jungen die ausgefüllten Arbeitsblätter, klappen die Geräte zu und stapeln sie auf dem Pult. Nächste Woche will Christ mit ihnen über den fiktiven Klassenchat reden. Und darüber, was sich vielleicht besser machen lässt.
