Tintenfische stehen in den Nahrungsketten gewöhnlich in der Mitte. Sie fressen – meist kleine Krebse und Fische – und werden gefressen, dann enden sie zwischen den Zähnen großer Fische, in Mägen von Pottwalen oder als Calamari fritti und Insalata di Polpo. Die Ozeane der späten Kreidezeit vor 100 bis 72 Millionen Jahren sollten für alle Vertreter dieser Tiergruppe nicht weniger gefährlich gewesen sein, herrschten dort doch riesige Wirbeltiere mit mächtigem Appetit auf Seafood: langhalsige Plesiosaurier oder die Mosasaurier, die in den letzten „Jurassic World“-Filmen auftraten, wo sie allerdings entweder zu krokodilähnlich dargestellt waren oder viel zu groß. Immerhin, die Abmessungen des zwölf Meter langen Buckelwals Timmy erreichten diese marinen Reptilien durchaus.
Nun gibt es aber konkrete Hinweise darauf, dass Vertreter einer Tintenfischgruppe, der Oktopusse, in der Oberkreide ebenfalls zu solchen Dimensionen heranwachsen konnten. Zu diesem Schluss kommt ein Team um Yasuhiro Iba von der Universität von Hokkaido in einer gerade in Science publizierten Untersuchung. Demnach gab es damals zumindest eine Molluskenart, die sich den Rang des Apex-Prädators mit Mosasaurus & Co. zumindest teilte: Nanaimoteuthis haggarti könnte bis zu 19 Meter groß geworden sein und das größte bekannte marine Reptil damals, Mosasaurus hoffmannii, sogar noch übertroffen haben.
Nanaimoteuthis haggarti wäre damit das von der Körperlänge her größte bekannte Weichtier der gesamten Erdgeschichte, größer selbst als der heute lebende Riesenkalmar Architeuthis dux oder der etwas kürzere, dafür aber schwerere Koloss-Kalmar Mesonychoteuthis hamiltoni aus dem antarktischen Ozean – zwei Lebensformen, die umgangssprachlich zuweilen „Riesenkraken“ genannt werden, obwohl es sich nicht um Kraken, sondern eben um Kalmare mit insgesamt zehn Fangarmen handelt. Nanaimoteuthis aber war trotz seines Namens (das griechische Wort „Teuthis“ bedeutet explizit „Kalmar“) tatsächlich ein echter und damit achtarmiger Oktopus.
Das konnten Yasuhiro Iba und seine Kollegen allerdings nicht aus komplett oder auch nur teilweise fossilisierten Tierkörpern ableiten. Mollusken, die keine Schalen oder Gehäuse bilden, haben nur äußerst geringe Chancen zu versteinern. Wenn überhaupt, dann bleiben von urzeitlichen Kalmaren und Oktopoden nur ihre Mundwerkzeuge: scharfe, ursprünglich aus Chitin bestehende Schnäbel, fachsprachlich auch als Kiefer („Jaws“) bezeichnet, die jeweils in einer Spitze enden, dem sogenannten Rostrum.
Digitale Suche nach versteinerten Krakenschnäbeln
Fossile Kopffüßerschnäbel sind allerdings sehr spezifisch – so sehr, dass Iba und sein Team insgesamt 27 untersuchte fossile Exemplare aus der späten Kreidezeit Japans und Westkanadas nicht nur den achtarmigen Tintenfischen (Octopodiformes) zuordnen konnten, sondern sogar der Untergruppe der Cirrentragenen Kraken. Cirren sind dabei paarige, flossenartige Anhänge am hinteren Teil ihrer Körper und unterscheiden diese Tiere von den Cirrenlosen Kraken im engen Sinne, zu denen der aus der mediterranen Küche bekannte gewöhnliche Krake Octopus vulgaris gehört.
Von den 27 untersuchten Schnäbeln waren 15 der Forschung bereits bekannt, die übrigen zwölf isolierten die Forscher aus Hokkaido, indem sie fossilhaltiges kreidezeitliches Gestein in dünnen Schichten abtrugen, die jeweils entstandene Oberfläche scannten und die Daten unter Einsatz Künstlicher Intelligenz analysierten. „Digitale Fossilsuche“ nennen die Forscher diese Methode.
Die digital herauspräparierten Schnäbel erlauben aber nicht nur Rückschlüsse auf die taxonomische Stellung der Tiere, von denen sie stammen, sondern auch auf deren Größe. Denn bei modernen Tintenfischformen gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Größenwachstum des Schnabels und dem der sogenannten Mantellänge – das ist der Abstand zwischen den Cirren und dem Kopfende – sowie zwischen dieser und der Gesamtlänge des Tieres. Für die beiden Arten Nanaimoteuthis jeletzkyi und Nanaimoteuthis haggarti, die Iba und Kollegen in ihrem Fossilmaterial unterscheiden können, kommen sie so auf eine Länge von etwa 2,8 bis 7,7 Metern respektive 6,6 bis 18,6 Metern.
„Die Größe der Kiefer dieser kreidezeitlichen Art lässt wohl schon auf eine erhebliche Größe der Tiere schließen“, sagt der Paläozoologe Ulrich Jansen vom Forschungsinstitut des Frankfurter Senckenberg-Museums zum Rekordoktopus Nanaimoteuthis haggarti. Die quantitativen Schlüsse der Studienautoren hält er dagegen nicht für zwingend. „Warum sollte die Größe des Kiefers immer direkt mit der Länge des Tieres korrelieren und dieses Verhältnis genauso sein wie bei den heutigen Vertretern? Die Größe des Kiefers könnte auch eine Anpassung an die bevorzugte Nahrung sein.“
Nun können die japanischen Forscher aus den fossilen Krakenschnäbeln aber auch etwas über die Ernährungsgewohnheiten jener Riesenkraken ablesen. „Die Kiefer erwachsener Tiere zeigen Absplitterungen, Kratzer, polierte Oberflächen und abgerundete Kanten“, erklärt Yasuhiro Iba. „Diese Merkmale weisen auf wiederholten Kontakt mit hartem Skelettmaterial hin, etwa mit dicken Schalen und möglicherweise auch mit Knochen. Der Abrieb ist deutlich stärker als das, was man üblicherweise bei modernen Kopffüßern sieht, die harte Beute fressen.“

Daher, so Iba weiter, dürfte Nanaimoteuthis häufig harte Beute verarbeitet haben: große Muscheln, Ammoniten, Krebstiere sowie andere Kopffüßer- und Wirbeltiere, zumindest Fische. Auch Meeressaurier, wie eine die Science-Veröffentlichung begleitende Pressemitteilung insinuierte? So weit will Iba nun nicht gehen. „Wir behaupten nicht, dass diese Oktopusse regelmäßig Mosasaurier jagten“, sagt er. „Vielmehr zeigen wir, dass Nanaimoteuthis haggarti eine Körpergröße erreichte, die mit großen Wirbeltierräubern – einschließlich Mosasauriern – vergleichbar ist, und wahrscheinlich dieselbe Top-Räuber-Ebene im kreidezeitlichen marinen Ökosystem einnahm“.
Ulrich Jansen hat da Zweifel. „Ob diese fossilen Formen tatsächlich zu den Topprädatoren gehörten, scheint mir etwas fraglich“, sagt er. „Der Körperbau ist im Vergleich zu den Mosasauriern und Haien doch eher plump, die Fortbewegung war vielleicht zeitweise schnell, aber sicher doch nicht so schnell, ausdauernd und wendig wie die dieser Wirbeltiere.“ Manche Fische oder andere Kopffüßer, etwa Ammoniten, konnten sie sicher erwischen, sagt Jansen. Aber Mosasaurier, sehr wendige und schnelle Verwandte der heutigen Warane, eher nicht.
„Denkbar wäre auch, dass die großen Oktopoden auf dem Meeresboden liegendes Aas gefressen haben“, sagt Jansen. Das könnten dann auch verendete marine Reptilien gewesen sein. Freßmechanisch dürften die kreidezeitlichen Riesenkraken auch mit großen Kadavern ohne Weiteres klargekommen sein. „Die Beißkraft eines heutigen Oktopusses ist erheblich“, sagt Jansen. „Auch die Saugnäpfe und besonders die Arme sind sehr kräftig. Damit kann er einen ausgewachsenen Hummer durchreißen“.
So oder so dürfte die Studie von Yasuhiro Iba und seiner Kollegen nun insbesondere in Hollywood mit großem Interesse aufgenommen werden – insbesondere auch die künstlerische Rekonstruktion durch die Forscher, die sich an heutigen Cirrentragenden Oktopoden orientiert. Deren Fangarme spannen eine gespenstisch wirkende, an den Mantel eines Vampirs erinnernde Haut auf, mit deren Hilfe sich die Tiere Quallen gleich durch die Tiefsee bewegen. Eine Szene mit Nanaimoteuthis haggarti im nächsten Streifen der „Jurassic World“-Reihe ist eigentlich unvermeidlich.
