
Triumphieren mag Alexander Kalouti lieber nicht, dazu ist er viel zu anständig. Aber der Oberbürgermeister von Dortmund hat offenkundig Freude an dem Gedanken, dass seine Stadt genau an diesem Abend stärker als München abschneidet. Während der FC Bayern 540 Kilometer weiter südlich die deutsche Fußballmeisterschaft gewinnt, jubeln die Dortmunder über 68,2 Prozent Zustimmung für die Idee, bei der Bewerbung der Region „KölnRheinRuhr“ für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 mitzumachen. Die Münchner hatten sich bei ihrer Umfrage mit 66,4 Prozent Zustimmung bereits als großer Sieger gesehen.
Das klare Votum aus den insgesamt 17 an der Abstimmung beteiligten Kommunen für eine Beteiligung an dem Olympiavorhaben zeige „Mut, Zusammenhalt und den dringenden Wunsch, unsere Städte international weiterzuentwickeln“, sagt der CDU-Politiker Kalouti.
Gerade Köln schneidet vergleichsweise schwach ab
Kurz vor Mitternacht erstrahlt nach einer vor allen Dingen in der „Leading City“ Köln zähen Auszählung verspätet und zumindest für einige Minuten die Deutzer Brücke vor der Kulisse des Doms in den olympischen Farben. Der Kölner Oberbürgermeister Thorsten Burmester, SPD, spricht angesichts eines in seiner Gesamtheit überraschend guten Ergebnisses von einem „Schub“ für das Olympiaprojekt und verkündet am Morgen danach im Deutschlandfunk: „Ich bin sehr zufrieden, weil das ein breiter Rückhalt für die Olympia-Bewerbung ist. Köln sagt Ja!“ Auch wenn gerade seine Stadt als sogenannte Leading City mit 57,3 Prozent vergleichsweise schwach abschneidet.
Für das Verfahren, in dessen Verlauf der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) im September aus dem Kandidatenkreis Berlin, Hamburg, „KölnRheinRuhr“ und München den endgültigen deutschen Bewerber festlegt, sind die exakten Ergebnisse der Befragung aber ohnehin zweitrangig. Für diesen Schritt geht es lediglich um eine mehrheitliche Zustimmung, die überall erreicht wurde. Emotional ist allerdings schon relevant, ob 57 oder 75 Prozent der Menschen sich für die Gastgeberrolle eines solchen Events begeistern können. Und so hat noch während der Auszählung der Stimmen der Kampf um die Deutungshoheit begonnen.
Zustimmungswerte von über 70 Prozent
Die Befürworter weisen auf die größte Befragung hin, die jemals im olympischen Kontext stattfand. „Wir können mit Fug und Recht sagen: Ein historischer Rückhalt für eine Bewerbung Deutschlands um Olympische und Paralympische Spiele kommt heute Abend aus Nordrhein-Westfalen“, sagt Ministerpräsident Hendrik Wüst. Gerade Köln fällt gegenüber München allerdings deutlich ab. Zudem hält die „NOlympiaColonia“-Bewegung der allgemeinen Begeisterung entgegen, dass „die Mobilisierung in den Städten des Ruhrgebiets gering“ gewesen sei, weil die Leute „andere Sorgen“ hätten. Nur deshalb seien „die Zustimmungswerte der Befürworter so hoch“. Gelsenkirchen (74,1 Prozent), Recklinghausen (72,85) und Duisburg (72,95) wurden nur von Aachen (76,92) und Mönchengladbach (74,45) übertroffen.
Die vergleichsweise vielen Neinstimmen aus Köln empfindet der NOlympia-Aktivist Jörg Detjen unterdessen als „Rückenwind“ im Kampf gegen die Ausrichtung der Spiele. Das Kritikerbündnis ist „weiterhin der Meinung, dass die von Ministerpräsident Wüst prognostizierten Durchführungskosten von 4,8 Milliarden Euro bei Weitem nicht ausreichen werden“. Die Frage nach der Finanzierung und einer sinnvollen Kosten-Nutzen-Rechnung wird umstritten bleiben.
Die Befürworter halten die Chancen auf eine beschleunigte Erneuerung der Infrastruktur, auf eine grundlegende Aufbruchstimmung und ein verändertes Image der Region und einen neuen Zusammenhalt von Rheinland und Ruhrgebiet für derart bedeutend, dass auch Defizite akzeptabel sein könnten. Die Kritiker sagen, die breite Bevölkerung werde kaum profitieren. Denn letztlich würden die Mittel für Dinge eingesetzt, die überhaupt nur wegen der Spiele nötig seien und keinen bleibenden Vorteil böten. Es ist auch eine Glaubensfrage. Burmester verspricht immerhin, „alles“ unternehmen zu wollen, um für größtmögliche Transparenz zu sorgen und „beim Thema Nachhaltigkeit deutlich nachzuschärfen“.
Wer auf nationaler Ebene den Zuschlag erhält, wird nun im September mithilfe eines komplizierten Kriterienkatalogs vom DOSB ermittelt werden, wobei „KölnRheinRuhr“ sportpolitisch Vorteile zu haben scheint. Beim Organisieren von Mehrheiten in Verbänden geht es schließlich immer auch um Verbindungen und Interessengemeinschaften, und hier ist Nordrhein-Westfalen gut positioniert. Burmester war einst Vorstandsvorsitzender des DOSB. Der auch in der Politik gut vernetzte DFB-Präsident Bernd Neuendorf ist tief im Rheinland verwurzelt, der heutige DOSB-Vorstandsvorsitzende Otto Fricke ist stellvertretender Vorsitzender des FDP-Kreisverbandes Krefeld. Und der frühere DOSB-Vorstandschef Bernhard Schwank gehört zu den treibenden Kräften der Bewerbung in der Düsseldorfer Staatskanzlei.
Im Hintergrund agiert außerdem der offiziell neutrale Kölner Michael Mronz, der vor fünf Jahren mit einem Versuch scheiterte, die Olympischen Spiele 2032 nach Nordrhein-Westfalen zu holen. Heute ist Mronz Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee und stellt damit eine direkte Verbindung aus Köln ins Zentrum der olympischen Macht dar. Mronz spricht am Sonntag von einem „Ergebnis, das sicher auch international Beachtung finden wird“. Erst mal geht es aber um den nationalen Wettbewerb, der im Mai mit einer Befragung der Bürger Hamburgs fortgesetzt wird.
