Zu Popmusik auf Deutsch zu singen, war einst sehr mutig – und selbst nachdem Pioniere wie Udo Lindenberg den Weg geebnet hatten, gab es immer wieder Phasen, in denen Englisch, sogar nur rudimentär beherrschtes, vielversprechender schien. Zumindest, wenn man Erfolg haben wollte.
Aber Ausnahmen bestätigen die Regel: Als Inga Humpe 1995 mit einer Band namens Bamby zu Babytechno „Ding-ding-dong, something’s going on“ sang, floppte das englischsprachige Album „Walls of Sugar“. Als sie fünf Jahre später mit Tommi Eckart das Duo 2raumwohnung gründete und wieder auf Deutsch sang, diesmal melancholisch-witzige Chansons wie „Wir trafen uns in einem Garten“, bescherte ihr dies bald Hit um Hit, etwa auch mit „36 Grad“.
Ein Sausen im Schritt
Sie kehrte damit zu ihren Wurzeln zurück – denn Inga Humpe ist selbst eine Wegbereiterin der deutschsprachigen Popmusik. Nachdem die im westfälischen Hagen Geborene zunächst in Aachen Kunst- und Literaturgeschichte studiert hatte, wechselte sie Mitte der Siebzigerjahre nach Berlin, wo sie zunächst mit ihrer älteren Schwester Annette Punk und New Wave auf Deutsch probierte: Mit ihrer Band Neonbabies bildeten sie eine Keimzelle der Neuen Deutschen Welle. Auch wenn Annette Humpe ohne ihre Schwester mit der Nachfolgeband Ideal („Ich steh’ auf Berlin“, „Monotonie“) noch stilsicherer wurde, sorgte Inga für einen der größten NDW-Ohrwürmer.
So sang sie mit dem Projekt DÖF („Deutsch-Österreichisches Feingefühl“) 1983: „Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt“. Ein Astronaut namens Codo bringt in diesem Lied den verdorbenen Erdenmenschen die Liebe zurück: Die Faszination des space age war somit von David Bowie („Space Oddity“, 1969) über Lindenbergs Panikorchester („Galaxo-Gang“, 1976) humoristisch verzerrt in den deutschen Mainstream-Pop eingegangen.
Eine enorme Gelassenheit
Von den hippiehaften Sternenträumen hat Humpe sich über die Neunziger, als sie Botschafterin der Love-Parade wurde, bis in die Gegenwart einiges bewahrt: Sie spricht gern über Drogenerfahrungen und Polyamorie und strahlt enorme Gelassenheit aus.
Vor Kurzem wiederveröffentlicht wurde nach vierzig Jahren das Album „Humpe & Humpe“, auf dem die beiden Schwestern gemeinsam singen. Das erinnert daran, dass sie sich auch noch in anderen Sprachen versuchten, nämlich auf Spanisch und auf Französisch – und mit dem Song „Careless Love“ sogar in den englischen Charts landeten. Was Inga Humpe neben diesen Erfolgen, auch als Produzentin, noch auszeichnet, ist ein erstaunliches Gefühl für Clubkultur, das sie mit Tommi Eckart auf einzigartige Weise in elektronische Tanzmusik gegossen hat. Am heutigen Dienstag wird sie siebzig Jahre alt.
