
Nachdem wir hier vor einiger Zeit Kritik am Umgang einiger deutscher Weinbaubetriebe mit dem 2024er Jahrgang geübt hatten („Wer soll das trinken?“), erreichten uns zahlreiche Zuschriften auch aus der Winzerschaft selbst, die uns beipflichteten.
Unsere Kritik fokussierte seinerzeit darauf, dass vermeintlich „großen“, durch ihre besondere Herkunft geprägten Weinen vor allem seitens der Winzerschaft oft nicht zugetraut wird, in sonnenarmen Jahrgängen auch in „schlank“, also mit weniger Alkohol, eindrucksvoll schmecken zu können. Die einen reichern ihre frischen Moste daher mit Zucker an, damit der Wein am Ende mehr Alkohol aufweist, als die Natur vorgesehen hatte. Das ist legitim, aber: Ist es auch vonnöten?
Jeder Wein braucht eine Geschichte
Eine weitere kellertechnische Maßnahme ist es, die geernteten Trauben länger zu maischen, damit ihre Schalen, Kerne und Stile mehr Inhaltsstoffe (flavonoide Phenole) abgeben, die man traditionell mit Rotwein in Verbindung bringt. Insbesondere in sogenannten „Spitzenweinen“ finden sich heute zahlreiche Weißweine mit gesteigerter Mund- und Körperfülle, Geschmacksintensität und mehr oder weniger bitter schmeckenden Gerbstoffen.
Diese von Fachleuten wie Konsumenten mitunter enthusiastisch gefeierten Weine stehen im Kontrast zum klassischen deutschen Weißweinstil, der mit fruchtbetont, schlank und langlebig treffend beschrieben ist. Denn im Gegensatz zu den im Pulpsaft der Traubenbeeren gelösten Säuren (Nichtflavonoide) sind die zumeist absichtsvoll extrahierten Phenole anfällig für Oxidation und vorzeitige Alterung. Daran ändert auch der höhere Einsatz schwefeliger Säure nichts, der diese Weine in der Jugend oft scharfkantig und extrem bissig schmecken lässt. Mit der Zeit und zunehmendem Sauerstoffeintritt werden diese in der Jugend blassen Weine hochfarbig, verlieren fruchtige Aromen und zeigen stattdessen Anzeichen von Altersfirnis. Sie schmecken relativ bitter und im Abgang adstringierend: eine Enttäuschung – und das schon nach nur wenigen Jahren. Großer Wein?
Immer neue Produkte bereichern den längst gesättigten Markt
Das Blöde daran: Man glaubt ja gerne, was Weinexperten wortreich unterstellen. Das Prinzip des Manufactum-Katalogs hat sich längst dort durchgesetzt, wo teure Produkte aufwendige Katalogtexte benötigen, um als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden. Auch die ach so traditionsreiche Weinwelt ist Teil der Welt des Scheins. Immer neue Produkte bereichern den längst gesättigten Markt, und jede neue Idee, jeder neue Wein, der zumeist auf Prestige aus ist anstatt auf Trinkvergnügen, braucht seine exklusive Geschichte.
Die Weinwelt befindet sich im Rausch, der jede Analytik fremd ist, während sie sich eigentlich in einem dramatischen Transformationsprozess befindet. Weingüter wie Weinhandlungen werden auch dieses Jahr den Insolvenzverwalter bestellen, Weinberge und Keller aufgegeben und Trauben wie Weine billig wie nie abgeben. Die Nerven liegen blank und, so ein Beobachter auf der Fachmesse „Wine Paris“ Anfang des Monats: „Es ist erstaunlich zu sehen, wie sich die Winzer im freien Fall noch gegenseitig die Fresse polieren.“
Es gibt keinen Kompass mehr. Die Weinwelt hat sich von der Kritik entwöhnt, weil diese ihren Gegenstand zu oft nur hofiert, so, als wollten die Kritiker etwas abhaben vom Glanz der Welt, aus der sie berichten. Und nun sehen alle miteinander: Der Glanz verfliegt, die Menschen trinken Softdrinks, Tee und Cocktails. Und die Weinwelt? Sieht ratlos zu und schafft sich selber ab.
