In diesen Tagen ist es im „La Gata“ so voll wie sonst nur am legendären Faschingsdienstag. Der Rauch liegt schwer wie eine Decke auf den Frauen in der einzigen Lesbenkneipe Frankfurts. Immer mehr Gäste drängen sich in die wohnzimmergroße Bar mit mehreren Tischen und einem Tresen, hinter dem an diesem Abend nur eine Frau steht und den Laden schmeißt: Sylvia, die schon seit 1980 dort arbeitet.
Später am Abend werden die Stammgäste mit anpacken, Gläser von den Tischen einsammeln und Aschenbecher leeren. Geteilte Verantwortung ohne Hektik, wie in einer großen, funktionierenden Wohngemeinschaft.
Wer neu hereinkommt, setzt sich an irgendeinen Tisch: ganz junge und Lesben im Rentenalter, Transpersonen, Menschen, die sich als queer, pan, bi oder nonbinär verstehen. Alle begegnen sich freundlich, offen. Doch die eine Frau, mit der sich die meisten hier verbunden fühlen, die sie nach Kräften unterstützen wollen, fehlt.
Ricky ist der Fixpunkt im „La Gata“
Erika Wild, von allen nur „Ricky“ genannt, die Starke, der Fixpunkt in dieser Kneipe, kann zum ersten Mal nicht alles allein tragen: die drohende Zwangsräumung am Monatsende und die Trauer um ihre Partnerin, mit der sie 30 Jahre zusammenlebte und die vor wenigen Wochen gestorben ist. Zurzeit schafft es die 85 Jahre alte Wirtin nur ab und zu nachmittags in ihr Lokal, um nach dem Rechten zu sehen. Von alldem, was gerade geschieht, um das „La Gata“ zu retten, berichten ihr andere.

Es ist in der Bar nun noch voller, seit eine Petition gegen die Schließung viral gegangen ist und auch junge Lesben auf Instagram und Tiktok für die Kneipe werben. Annette Kühn, im Vorstand des Queeren Kulturhauses, treibt die Kampagne voran. Der Kündigung sei ein Rechtsstreit mit der Vermieterin vorausgegangen, den der Anwalt von Wild ohne deren Einwilligung vorschnell beendet habe, sagt Kühn. Im Moment gehe es vor allem darum, die Kündigung zum Monatsende aufzuschieben, dafür setzen sich nun auch Magistratsmitglieder ein. An diesem Samstag wollen die Unterstützerinnen auf dem Paulsplatz demonstrieren. Um 15 Uhr soll ihre Demo beginnen.
Nur wenige Männer sind im „La Gata“ willkommen
Die Kneipe in der Seehofstraße ist nur durch ein einfaches Namensschild zu erkennen, die Fenster sind verdeckt. Früher musste jede Besucherin klingeln und sich erst durch den Türspion mustern lassen. Vor allem wegen der Männer, die ebenfalls reinwollten. Die wurden und werden in der Regel verbindlich abgewiesen, nur wenige Freunde sind ausgenommen.
Seit September 1971 ist die Bar fast unverändert, sie wirkt wie in einer Zeitkapsel gefangen: das Gasthaus-Inventar aus dunklem Holz, die Bilder schöner Frauen an den Wänden. Die Jukebox, die so bekannt ist, dass das Historische Museum, das Frankfurter Stadtmuseum, Interesse daran angemeldet haben soll. „Aber das geht net, die brauche meine Meedsche“, soll „Ricky“ Wild dazu gesagt haben. Ein Foto von ihr aus den Siebzigerjahren im Minirock ist ein seltenes Relikt, den meisten ist sie nur im Holzfällerhemd bekannt. Am Zapfhahn, mit Blick auf die Tür. Dann kann sie Bekannte mit Namen begrüßen und neue Besucherinnen in ein Gespräch ziehen. Jede fühlt sich bei „Ricky“ willkommen, sagen ihre Gäste.

In Frankfurt gibt es elf queere Bars. Zehn, die hauptsächlich von Männern frequentiert werden, und eine, das „La Gata“, für Frauen. In den Achtzigerjahren gab es noch mehr: „Katakombe“, „Blue Moon“, „Come down“ oder „Ladyboot“ hießen die Treffpunkte für Lesben und Transfrauen. Die meisten fanden sich im Stadtteil Nordend, doch nach einigen Jahren sind sie wieder verschwunden. Nur Wild mit ihrer Kneipe in Sachsenhausen überstand alle gesellschaftlichen Veränderungen, Aufbrüche, Trends – und die Corona-Zeit. Für Ältere ist das „La Gata“ ein Ort voller Erinnerungen, an Partys, die dort gefeiert wurden, Beziehungen, die hier begannen oder auch mal endeten. Für Jüngere ist es ein Safe Space. Ein Ort, um sich zu zeigen – gerade wenn man sich noch nicht geoutet hat.
Erst vor Kurzem hat Wild an einem Nachmittag die CDs in der Jukebox neu geordnet: Fasching raus, Hitparadenmusik rein. Musik kostet hier nichts. Und wenn eine Frau traurig ist und zwanzigmal hintereinander „Atemlos durch die Nacht“ hören muss, halten das auch alle zusammen aus. Das Bier ist billig, dazu steht auf jedem Tisch Knabberzeug. Geht aufs Haus. Eine Gelddruckmaschine ist das „La Gata“ nicht, aber als Treffpunkt für die lesbische Szene Gold wert.
Veranstaltungen, bei denen einmal im Monat Locations von lesbischen Frauen übernommen werden, gibt es auch in der Stadt. Aber es sind geliehene Orte, das „La Gata“ dagegen gehört der Szene. Nicht im rechtlichen Sinne, aber vom Gefühl her. Es ist ein Rückzugsort, ein Treffpunkt der Wahl- und manchmal Ersatzfamilie. Ein Stück Heimat.
