Das Meer brüllt. Lauter Wirbel in Schiefergrau. Für den Menschen ist hier kein Platz. Obwohl die Bewegung der Wellen die Zeit ins Bild zeichnet, ragt das Bild selbst in unsere Zeit hinein wie aus der Zeit vor der Zeit. „Sarmatische Zeit ist Vorzeit, Zeit, ‚da Geschehn noch sichtbar war‘, von Märchenerzählern tradiert und von einer Landschaft, die Erinnerung an die alten Götter und Mythen bewahrt“, schrieb Uwe Grüning 1985 in seinem Essay „Himmel: Schatten und Licht“ über Johannes Bobrowskis Gedichtband „Sarmatische Zeit“. Volker Koepps neuer Film „Chronos“ beginnt mit dem aufgewühlten „Sarmatischen Ozean“, der Ostsee, als einem Bild vorzeitlicher Wucht.
Auf das geschichts- und gesichtslose Meer folgt das Gesicht eines Mannes, der uns verschlossen und schweigsam über die Schulter anblickt. In der Hand hält er die Zügel eines Pferdes, das ein Fuhrwerk über die teerverfugten Platten einer Straße zieht. Nur der Beton und der überholende rote Polski Fiat verraten, dass wir uns überhaupt schon in einer motorisierten Welt befinden.

Diese zwei archaischen Bilder vermessen in „Chronos“ einen Raum: von der Ostsee bis nach Transnistrien, kurz vor dem Schwarzen Meer. Es ist der Raum jener Landschaft, der auf einer spätantiken Landkarte des Claudius Ptolemäus „Sarmatien“ hieß, jene Landschaft, die Bobrowski in seiner Lyrik nicht porträtierte, sondern beschwor, als Magier, wie Grüning in seinem Essay schrieb. Bobrowski und Sarmatien sind das große Lebensthema Koepps. Und „Chronos“, fast 200 Minuten lang, zieht bildgewaltig und bedeutungssatt die Summe aus Koepps gut fünfzigjähriger filmischer Arbeit.
„Chronos“ ist auch der Name eines Flusses, der auf jener alten Landkarte östlich der „Vistula“, der Weichsel, in den Sarmatischen Ozean mündet. Man streitet sich, ob damit der Pregel oder die Memel gemeint war. Koepp entscheidet sich für die Memel. An deren Ufer, in Tilsit, dem heute russischen Sowjetsk, wurde Bobrowski 1917 geboren. Nach der Vermessung des Raumes folgt im Film eine Vermessung der Zeit mit Bildern von der Memel durch Zitate aus Koepps eigenen Filmen der Jahre 1972, 1994, 2016 und 2021. Und noch einmal, wie schon 1972, hören wir Rolf Hoppe mit Versen aus dem Schlussgedicht der „Sarmatischen Zeit“: „Feuer, / aus Blut die Lockung: / der schöne Mensch. Und wie Schlaf / das Vergangene, Träume / an Flüssen hinab, / auf den Wassern, / segellos, in der Strömung … Ich bin ein Mann, / mit seinem Weibe ein Leib, / der seine Kinder aufzieht / für eine Zeit ohne Angst“.

„Chronos“ ist die Chronik von Sehnsüchten und Hoffnungen nach Sarmatien und in Sarmatien während der langen Zeit zwischen den Kriegen: die ersten Annäherungen eines Deutschen, dessen filmischer Blick durch das dichterische Wort gelenkt war, an das verlorene deutsche Land nach dem Zweiten Weltkrieg; die hoffnungsvolle Öffnung des kulturellen Raums Sarmatien nach dem Ende der Sowjetunion; die neue Schließung des Kaliningrader Gebiets nach der russischen Krim-Annexion 2014; die Sorge des litauischen Bauern Walter Valentius vor neuen Spannungen mit Russland im Sommer 2016; am Ende der Krieg in der Ukraine mit Bombenalarm in Czernowitz und dazu die Angst vor der Annexion im benachbarten Moldawien. Die Nachkriegszeit ist vorbei.
Noch einmal werden die menschlichen Hoffnungsträger dieser Zeit, inzwischen schon verstorben, beschwört: der kurische Schiffer Erdmann Jurgeneit; die letzten Deutsch sprechenden Juden von Czernowitz: Matthias Zwilling und Rosa Roth-Zuckermann; die einzige Überlebende der Pogrome im ukrainischen Dorf Waschkautz: Rosa Liebermann; die zwei deportierten Juden in Rauschen bei Königsberg: Bluma Timofejewa und Samuel Moissejewitsch. Und die für Koepps Filme stilbildenden Bilder der verstorbenen Kameramänner Christian Lehmann und Thomas Plenert.
Und doch ist dieser Film nicht nur Rückschau. Die neuen Hoffnungsträgerinnen sind die Übersetzerin Tanja Kloubert aus Czernowitz, die jetzt in Augsburg lebt; die Filmemacherin Ana-Felicia Scutelnicu aus Chişinau, die jetzt in Berlin arbeitet; die belarussische Dichterin Volha Hapayeva, die jetzt in München schreibt – allesamt kluge, schmerzgezeichnete, aber ungebrochene Frauen, die unverzagt ihre Stimme erheben für einen zentralen Teil Europas, von dem jenes „Europa“ der karolingisch dominierten Europäischen Union, der Westen, der sich für die Mitte hält, nichts weiß und nichts wissen will.
„Noch einmal einen Hitler, noch einmal einen Stalin wird es nicht geben“, war sich Frau Zuckermann 1998 sicher. Obwohl der Hitler-Stalin-Pakt über die Aufteilung Polens, der Ukraine, des Baltikums und Finnlands im Jahre 1939 nur einmal im Film erwähnt wird, spielt er doch die ganze Zeit eine Rolle. In den Gesprächen Koepps mit Anetta Kahane, der Gründerin der Amadeu-Antonio-Stiftung, klingt die lange Kontinuität einer Allianz zwischen deutschem Rechtsextremismus und russischem Imperialismus an. Der Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 hat auch zu einer Revision des Russland-Bildes bei jenen geführt, die kulturelle Sympathien für dieses Land hegten wie Debora Fiora und Gabriel Karl Hageni, die Betreiber des Berliner Programmkinos Krokodil, das sich ursprünglich dem russischen Film verschrieben hatte.
„Chronos“ ist die epische Überwölbung eines Genres, das Koepp selbst wesentlich geprägt hat: des Dokumentarfilms als visueller Dichtung. Zugleich ist er Trost über zeitgeschichtliche Verluste, weil er sie filmisch mit erleidet und deren Schwere anerkennt. Auch die Langzeitperspektive tröstet, weil sie die Erfahrung birgt in einer langen Ahnenreihe. Am Ende schämen sich Koepp und sein Kameramann Uwe Mann nicht für ein biblisches Bild der Hoffnung, wie es schon Noah geschaut hat: den Regenbogen über dem Meer. Wo kämen wir sonst auch hin, wenn die Kunst nicht mehr über ihre eigene Zeit hinausschauen könnte?
