Vor einigen Jahren machte die Mailänder Buchhandlung Hoepli mit einer netten Geschichte von sich reden. Ein Kunde hatte auf einen Schlag die gesamte Auslage des großen Schaufensters in der Via Hoepli gekauft, so gut hatten ihm die Bücher darin gefallen. Es waren zweihundert Bände im Wert von insgesamt etwa 10.000 Euro. Der Mann lud den Bücherschatz in ein Taxi und fuhr davon. Jetzt ist die internationale Buchhandlung, die gleichzeitig auch ein Verlagshaus ist, abermals in den Schlagzeilen. Allerdings mit einer unerfreulichen Nachricht.
Das in fünfter Generation geführte Familienunternehmen hat seine Auflösung und Liquidation beschlossen. Italiens Buchwelt und das Mailänder Kulturbürgertum sind entsetzt, ebenso die 89 Mitarbeiter des Hauses. Hoepli ist die größte unabhängige Buchhandlung des Landes, ein Wahrzeichen des kulturellen Mailands und die Familie Hoepli ein Symbol von Italiens Verlagswesens. Eine 156 Jahre alte Geschichte ist plötzlich an ihrem Ende angelangt.
Das Ingenieursbuch in 85. Auflage
Sie begann 1870 mit dem Thurgauer Ulrico Hoepli, der, bevor er mit 23 Jahren nach Mailand kam, in Deutschland, Triest und in Kairo lebte, wo er im Auftrag der lokalen Behörden einen ägyptischen Bibliotheksbestand neu ordnete. Ohne Italienisch zu können, übernahm der Schweizer nahe der Scala eine verschlafene Buchhandlung und ergänzte sie zwei Jahre später durch einen gleichnamigen Verlag, der sofort mit den „Manuali Hoepli“, praxisbezogene Handbücher zu allen erdenklichen Themen wie römische Küche, Thermotechnik, Mechanik oder Landwirtschaft, erfolgreich wurde. Das 1877 veröffentlichte „Manuale dell’ingegnere“ (Handbuch für Ingenieure) von Giuseppe Colombo wird noch immer von Hoepli verkauft, mittlerweile in der 85. Auflage.

Später kamen Schulbücher und Bücher zum Sprachenlernen hinzu, außerdem Werke mit technischem Spezialwissen, Bücher über Gärtnern, Autobau oder Architektur sowie Lexika. Das Unternehmen öffnete sich früh für den Onlinehandel, aber mit Giganten wie Mondadori oder Feltrinelli konnte es nie konkurrieren. Die wirtschaftliche Lage ist seit Längerem angespannt. Wirklich zu Fall gebracht hat das Unternehmen aber ein scheinbar unüberbrückbarer Familienstreit, der, in Literatur verwandelt, ein düsteres und packendes Familienepos abgäbe. Romane dieses Genres waren in den Regalreihen Hoeplis immer unterrepräsentiert.
Es gab einen zehn Jahre dauernden Rechtsstreit in der Schweiz, es gibt ein Gerichtsverfahren in Italien. Auf der einen Seite stehen die Geschwister Barbara, Giovanni und Matteo Hoepli, auf der anderen der Cousin Giovanni Nava, der einen 33-Prozent-Anteil am Unternehmen hält. Sein Anteil könnte durch einen Gerichtsbeschluss auf über fünfzig Prozent ansteigen. Laut des Cousins sei der Entschluss zur Liquidation erfolgt, um diesem Szenario zuvorzukommen.
In Mailand formiert sich Widerstand, und in der Via Hoepli herrscht ein reges Treiben von treuen Kunden und Menschen, die ihre Verbundenheit bekunden wollen. Ein Leben ohne Hoepli können sich viele nicht vorstellen. „Wir sehen uns bei Hoepli: Das ist einer dieser Sätze, durch die ich mich als Mailänder gefühlt habe“, erklärte der Jazzmusiker Paolo Jannacci in einem Zeitungsinterview.
Der Buchladen und Verlag seien ein kulturelles Erbe der Stadt, das es zu verteidigen gelte, sagte Bürgermeister Beppe Sala: „Die Verantwortung für Mitarbeiter und Leser sollte Vorrang vor familiären Streitigkeiten haben.“ Massimo Nunzio Barrella, der Direktor des Mailänder Parini Gymnasiums, das von der Buchhandlung seine Schulbücher bezieht, setzte sich am Donnerstag drei Stunden lang an dessen Eingang, um gegen die Schließung zu protestieren. Auch die Gewerkschaften machen mobil, an diesem Samstag soll es einen „Flashmob“ geben. Eine Petition auf Change.org fordert die Stadt auf, der Buchhandlung den Status eines „historischen Geschäfts“ zu verleihen, um dessen Schließung zu verhindern und es wirtschaftlich abzusichern. Sie hat schon 38.000 Unterschriften gesammelt.
Möglicherweise hätte es Hoepli geholfen, wenn jeder der Unterzeichner regelmäßig dort ein Buch gekauft hätte. Zuletzt waren in der Buchhandlung immer nur eine Handvoll Kunden anzutreffen gewesen.
