
Ein halbes Jahr nach dem Sturz der Regierung hat die sogenannte Gen-Z-Protestbewegung in Nepal ein weiteres Ziel erreicht: Das Land zwischen Indien und China steht vor einem politischen Generationswechsel. Dem am Donnerstagabend verkündeten offiziellen Ergebnis zufolge bekommt die junge Rastriya Swatantra Party (RSP) die absolute Mehrheit der Sitze im Unterhaus. Das bedeutet nicht nur, dass der 35 Jahre alte Spitzenkandidat der Partei, der frühere Rapper und Bürgermeister von Kathmandu, Balendra Shah, Regierungschef wird – der jüngste in der Geschichte des Landes. Der Triumph der Partei führt auch zu einer deutlichen Verjüngung des Parlaments.
Shah wird zudem der erste Ministerpräsident sein, der aus der Bevölkerungsgruppe der Madhesi stammt, die in der Tiefebene im Süden Nepals lebt und die sich in der Politik des Landes seit Langem benachteiligt fühlte. Shah, der in Kathmandu als Sohn eines Arztes aufgewachsen war, war einst als Gewinner eines TV-Wettbewerbs bekannt geworden, in dem mehrere Rapper gegeneinander antraten. Nach einem Bauingenieurs-Studium in der indischen Metropole Bengaluru und einigen Jahren Berufstätigkeit war er erst vor vier Jahren in die Politik gewechselt. Mit einer Social-Media-Kampagne gelang es ihm, Bürgermeister von Kathmandu zu werden – damals noch als unabhängiger Kandidat ohne Partei.
Der zukünftige Regierungschef scheut keine Konfrontation
Als Verwaltungschef der nepalesischen Hauptstadt setzte er sich für eine bessere Müllentsorgung ein, richtete verkehrsberuhigte Zonen ein und brachte die Digitalisierung der Verwaltung voran. Seine Methoden waren mitunter drastisch, etwa wenn er Straßenhändler verjagen und illegale Gebäude abreißen ließ. Manche beschreiben ihn auch als relativ unzugänglich: Die Augen versteckt er auch in Innenräumen hinter seinem Markenzeichen, einer rechteckigen Sonnenbrille. Er gibt kaum Pressekonferenzen und Interviews, sondern kommuniziert direkt mit seinen Millionen Followern auf den Plattformen Facebook oder X.
Dass er keine Konfrontation scheut, zeigte er mit seinem Entschluss, den 74 Jahre alten gestürzten Ministerpräsidenten Khadga Prasad Sharma Oli direkt in dessen eigenen Wahlkreis anzugreifen, den dieser über viele Wahlzyklen immer wieder gewonnen hatte. Er hat richtig kalkuliert: Am Ende hatte er dort mehr als dreieinhalb Mal so viele Stimmen bekommen wie sein Konkurrent. Mit ihm bekommt die Gen-Z-Protestbewegung, was sie wollte: Eines ihrer Kernziele war es, das Machtmonopol der Riege der mehr als 70 Jahre alten Politikerriege zu brechen, die seit Jahren in verschiedenen Konstellationen das Land regiert hatte. Denn Nepal ist ein ausgesprochen junges Land: 52 Prozent der Wahlberechtigten waren zwischen 18 und 40 Jahren alt.
Wie wenig Verständnis die Machtelite für die Bedürfnisse der Jungen zeigten, hatte sich im vergangenen Jahr mit der Blockade von Social-Media-Plattformen durch die Regierung erwiesen. Die dadurch ausgelösten Proteste richteten sich im September dann auch gegen Vetternwirtschaft, Ämterhäufung und Machtmissbrauch. Damit ähnelten die Unruhen in Nepal auch anderen Gen-Z-Aufständen der vergangenen Jahre, etwa in den südasiatischen Nachbarländern Sri Lanka und Bangladesch. Doch während etwa in Bangladesch bei der jüngsten Wahl eine altbekannte Partei mit einem 60 Jahre alten Kandidaten gewonnen hat, erscheint der Wandel in Nepal durch den Sieg Shahs konsequenter als dort.
Die hohen Erwartungen könnten schwer zu erfüllen sein
Auch wenn in Nepal nun ein wichtiges Ziel der Protestbewegung erreicht ist, beginnt die Arbeit jetzt erst richtig – so sehen es zumindest die Kommentatoren in den Zeitungen des Himalajastaats. Die Erwartung laute nun, dass sich die Politik nun stärker an den Bedürfnissen der jungen Generationen ausrichtet und sich Themen wie der Jugendarbeitslosigkeit und dem Klimawandel widmet, schreibt „The Kathmandu Post“. Immerhin bringt die deutliche Mehrheit im Parlament mehr politische Stabilität. In einem Land, in dem seit der Ausrufung der Republik im Jahr 2008 14 Mal der Regierungschef gewechselt hat, ist das schon ein Wert an sich.
Laut der Zeitung „The Nepali Times“ bedeutet der Wahlerfolg der RSP aber noch nicht, dass alle politischen Probleme Nepals gelöst sind. „Tatsächlich markiert er den Beginn einer komplizierteren Phase“, so die Zeitung. Shah, der über wenig Politikerfahrung verfügt, muss noch zeigen, dass er der Richtige für den Posten ist. Die hohen Erwartungen, die in ihn gesetzt werden, könnten schnell in Unmut umschwingen, wenn es nicht schnell zu Verbesserungen komme, schreibt die „Nepali Times“. „Ohne sichtbare Fortschritte könnte die anfängliche Begeisterung für Veränderungen schnell nachlassen“, so die Zeitung. Manche rechnen auch schon mit einem Machtkampf zwischen Shah und dem 50 Jahre alten Chef der RSP, dem ehemaligen Fernsehmoderator Rabi Lamichhane.
