
Der FDP-Vorsitzende Christian Dürr ist derzeit so oft in Baden-Württemberg, dass er sich dort schon fast heimisch fühlt. Das will etwas heißen für einen Niedersachsen. Aber die nähere Zukunft der FDP entscheidet sich eben im Südwesten, und so hat der Parteichef seinen Lebensmittelpunkt kurzfristig dorthin verlagert. Mehr als fünfzig Termine absolvierte er dort seit Anfang Januar. Keine Bühne war ihm zu klein: ob beim Neujahrsempfang der FDP Heilbronn, beim Ärztinnen- und Ärztegipfel Südwest, beim Freundeskreis der Wirtschaftsjunioren Freiburg, der Liberalen Hochschulgruppe Tübingen oder dem Familienbetrieb DD Kabelkonfektion Dropulic in Frickenhausen, Dürr erschien.
Er kämpft dafür, dass die Leute der FDP wieder etwas zutrauen. Und sie am Sonntag in den baden-wüttembergischen Landtag wählen. Das dürfte knapp werden. In den Umfragen legten die Liberalen zwar zuletzt zu: Nun stehen sie bei sechs Prozent. Davor waren es öfter fünf gewesen.
Während die Optimisten den Aufschwung wittern, fürchten andere, das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Spitzenkandidaten von CDU und Grünen könnte sie Stimmen kosten. Was, wenn FDP-Sympathisanten auf den CDU-Mann Manuel Hagel umschwenken, um einen grünen Ministerpräsidenten zu verhindern? Was, wenn die Katastrophe eintritt – die FDP in einem weiteren wichtigen Landtag nicht drin?
Viele in der Partei sind schlicht ratlos
Dann wäre bis auf Weiteres die Hoffnung erstickt, dass die Liberalen wieder stark werden können. Die ist sowieso nur ein zarter Keim. Seit die Partei vor einem Jahr aus dem Bundestag geflogen ist, versucht sie vergeblich die Trendwende. In bundesweiten Umfragen steht sie einbetoniert zwischen drei und vier Prozent. Was kann sie noch tun, was sie bisher nicht getan hat?
Viele in der Partei sind da schlicht ratlos. Häufig ist zu hören, Dürr sei ein anständiger Kerl, und als Fraktionsvorsitzender im Bundestag habe er gute Arbeit gemacht. Er „habe sich nichts zuschulden kommen lassen“, fasst eine frühere Bundestagsabgeordnete zusammen. Aber als wichtigstes Gesicht der Partei sei er zu blass. Man brauche jetzt einen Charismatiker. Wenn dann aber die Rede darauf kommt, wen die Partei da zu bieten habe, kommt nichts. Viele schätzen Wolfgang Kubicki oder Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Aber als Chefs? Zu kontrovers. Charismatiker allein reicht eben auch nicht.
Radikale Mitte und ungeduldige Optimisten
Andere finden, der FDP fehle inhaltlich der Fokus. Wofür stehe die Partei denn? Die Schlagworte kennen alle, Freiheit, Wirtschaft, Bürokratieabbau. Dürr will die „leere politische Mitte“ mit neuen Ideen füllen, wie er im Sommer ankündigte. Aktuell spricht er von der „radikalen Mitte“, die die FDP repräsentiere. Das sei „die Mitte unserer Gesellschaft, die radikale Veränderung fordert, die sich wünscht, dass unser Land wieder läuft“. Also so etwas wie ungeduldige Optimisten. Aber von denen, die sich so sehen, setzen zu wenige auf die FDP.
Womöglich auch, weil zwei Erzählungen der FDP kollidieren: Einerseits beruft sie sich darauf, aus der Ampelregierung ausgeschieden zu sein, weil ihr Prinzipien wichtiger gewesen seien als Ämter. Andererseits will sie nun zurück in Ämter. Der Vize-Parteichef Henning Höne versuchte Anfang des Jahres im Gespräch mit der F.A.Z., den Widerspruch aufzulösen, indem er der FDP selbst die Schuld am Rausflug aus dem Bundestag gab. Seine Partei sei als Spieler wahrgenommen worden, die sich selbst wichtiger genommen habe als das Land. „Das war ein großer Fehler.“ Kritiker dieser Deutung halten dagegen, dass der Fehler, wenn überhaupt, gewesen sei, so lange in der Regierung mit SPD und Grünen zu bleiben. So oder so: Es sind Zweifel an der Teamfähigkeit der FDP entstanden, die diese nicht so leicht ausräumen kann.
Darum versucht die Partei erst einmal, selbst zuversichtlich zu wirken. Generalsekretärin Nicole Büttner ging im Januar eine riskante Wette ein: Der „Schwäbischen Zeitung“ sagte sie: „Ich rasiere mir eine Glatze, wenn wir den Einzug in den Landtag verpassen.“ Sie liebe ihre Haare. „Aber Sie werden mich niemals mit Glatze erleben. Weil wir sicher in den Landtag einziehen.“ Damit machte sie immerhin Schlagzeilen, was der Partei sonst zuletzt selten gelang.
Ein Wiedereinzug in Baden-Württemberg ist nun das Minimalziel. Mit gut zehn Prozent wie beim letzten Mal rechnet niemand. Die Hälfte wäre schon ein Grund zur Freude. Hauptsache, drin. Zumal die Zeichen darauf hindeuten, dass sie zwei Wochen später bei der Wahl in Rheinland-Pfalz aus dem Landtag fliegt. Klappte es in Stuttgart, wäre das ein Zeichen, dass die FDP noch Grund zum Jubeln hat. Neben dem symbolischen Wert des Wiedereinzugs gibt es auch einen ganz praktischen: Sichtbarkeit im Parlament und damit Präsenz in den Nachrichten. Das Schlimmste, was der FDP passieren kann, ist, vergessen zu werden.
