Viele Wildtierbestände der Erde nehmen einem Bericht der Umweltorganisation WWF zufolge weiterhin stark ab. Von 1970 bis 2022 seien die darin erfassten Wirbeltierpopulationen im Durchschnitt um 73 Prozent geschrumpft. Der WWF fordert vor diesem Hintergrund einen systematischen Schutz der Artenvielfalt.
Dem Bericht zufolge waren Flüsse, Seen und andere Süßwasserlebensräume am stärksten betroffen. Dort betrug der Rückgang durchschnittlich 85 Prozent. An Land gebe es einen Rückgang von 69 Prozent, in den Meeren von 59 Prozent, teilte der WWF mit. Der Grund sei menschengemacht. Die Lebensmittelproduktion, Energieversorgung und das Finanzsystem seien mehrheitlich für den Verlust von Lebensraum und dessen Verschlechterung verantwortlich.
In den Ozeanen vollziehe sich der Rückgang der Tierbestände etwas langsamer. Niedrigere Fangquoten und verstärkte Kontrollen hätten beispielsweise bei bestimmten Thunfischarten dazu beigetragen, den starken Negativtrend umzukehren. Negativ sei die Entwicklung dagegen weiterhin bei vielen Haien und Rochen.
Stärker betroffen sind dem WWF zufolge Tiere, die in Süßwasser leben. Sie seien zahlreichen Umwelteinwirkungen des Menschen ausgesetzt, wie Gewässerverschmutzung, Übernutzung, Kanalisierung und Dammbauten. Diese bedrohten Fischbestände. Von Infrastrukturprojekten seien außerdem Arten wie Flusspferde, Otter, Krokodile und große Schildkröten betroffen.
Populationen können sich erholen
»Ohne die biologische Vielfalt auf diesem Planeten fehlen Lebensmittel, Medikamente, sauberes Wasser und sichere Orte zum Leben«, sagte Kathrin Samson, Vorständin Naturschutz beim WWF Deutschland. Sie warnte, dass die Menschheit die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlagen subventioniere.
Den Angaben nach fließt weltweit rund 33-mal so viel Geld in naturschädigende Aktivitäten wie in den Schutz und die Wiederherstellung der Natur. »Politik, Banken und Investoren müssen diese Geldflüsse umlenken und den Schutz der Natur zur Bedingung für Finanzierungen machen«, sagte Samson.
Sie sieht jedoch Grund zur Hoffnung: »Der Abwärtstrend lässt sich umkehren, wenn wir den Schutz der Natur verbindlich in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verankern.« Der Bericht zeige, dass gezielte Schutzmaßnahmen etwa für die Grüne Meeresschildkröte, den Tiger und einzelne Elefantenbestände im südlichen Afrika eine Erholung ermöglichen können. Entscheidend seien häufig politischer Wille und eine Zusammenarbeit von Regierungen, Naturschutzorganisationen und der lokalen Bevölkerung.
Zentrale Datengrundlage für den Living Planet Report ist der von der Zoologischen Gesellschaft London erstellte Living Planet Index. Er erfasst die Größe von Wirbeltierbeständen weltweit seit 1970. Darin sind 5.790 Arten von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und Amphibien vertreten. Damit enthält er laut WWF Daten zu etwa 7,4 Prozent aller bekannten Wirbeltierarten.
