
Schon in den Stunden nach der fehlgeschlagenen Exekution der Amerikanerin Christa Pike waren Zweifel an der Qualität des Hinrichtungsgiftes laut geworden. Während die Ärzte die verurteilte Mörderin in einem Krankenhaus in Nashville im Südstaat Tennessee an ein Beatmungsgerät legten, machten ihre Anwälte „degraded drugs“ für das Scheitern verantwortlich.
Augenzeugen hatten nach der versuchten Hinrichtung von zwei Spritzen mit dem Barbiturat Pentobarbital innerhalb von 60 Minuten berichtet. Bevor Pike bewusstlos wurde, soll sie nach mindestens sieben Injektionsversuchen über Schmerzen in den Armen geklagt haben. Die Fünfzigjährige, die laut ihren Anwälten ungewöhnlich dünne Venen aufwies und unter Thrombozytose litt, bewegte sich vor Schmerz angeblich so heftig, dass sie das Laken, mit dem sie zugedeckt war, herunterriss. Ob ihre Anwälte mit dem Vorwurf zu „minderwertigen Medikamenten“ auf altes oder nicht ordnungsgemäß hergestelltes Pentobarbital verwiesen, blieb offen.
Gegner der Todesstrafe warnen immer wieder
Auf Druck von Gegnern der Todesstrafe hatten europäische und amerikanische Pharmaunternehmen schon vor Jahren die Herstellung von Hinrichtungsgiften wie Pentobarbital eingestellt. Wie viele Bundesstaaten beauftragt auch Tennessee inzwischen sogenannte compounding pharmacies mit der Lieferung der Giftspritzen. Da die Apotheken in der Regel nicht den strengen Auflagen der Behörde für Arzneimittelzulassung (FDA) unterliegen, warnen Gegner der Todesstrafe immer wieder vor der Gefahr schmerzhafter Hinrichtungen.
Auch Pike, die im Jahr 1996 wegen der Ermordung ihrer Mitschülerin Colleen Slemmer zum Tode verurteilt wurde, hatte eine Hinrichtung durch Erhängen oder auf dem elektrischen Stuhl verlangt. Woher das Pentobarbital stammte, das in der vergangenen Woche bei dem Versuch verwendet wurde, das Todesurteil gegen sie zu vollstrecken, bleibt ungeklärt. Wie in vielen der 27 Bundesstaaten, die weiterhin Todesurteile sprechen, dringen Einzelheiten zu Hinrichtungsprotokollen auch in Tennessee selten an die Öffentlichkeit.
In der Vergangenheit hatten die meisten Bundesstaaten Todeskandidaten mit einer Mischung aus drei Medikamenten hingerichtet: einem Narkosemittel, einem Muskelrelaxans und Kaliumchlorid, um den Herzstillstand herbeizuführen. Nach Bedenken, bei der möglichen Unwirksamkeit des Narkosemittels könne der Todeskandidat wegen des Muskelrelaxans keine Schmerzen mehr äußern, beschränken sich Tennessee und weitere Bundesstaaten inzwischen auf Pentobarbital. Auch der amerikanische Präsident Donald Trump ersetzte die Mischung aus Medikamenten für Hinrichtungen auf Bundesebene schon bei seinem ersten Einzug in das Weiße Haus Anfang 2017 durch das „one-drug protocol“.
Im vergangenen Mai war in Tennessee bereits die Exekution des Mörders Tony Carruthers gescheitert. Auch der Neunundfünfzigjährige bleibt vorerst in Haft, nachdem es im Hinrichtungsraum des Gefängnisses Riverbend nicht gelungen war, ihm eine Injektionsnadel an Arm, Fuß oder Brust zu setzen. Wie schon im Jahr 2022 setzte der Gouverneur von Tennessee, Bill Lee, die Vollstreckung der Todesstrafe nach Carruthers und Pike jetzt abermals aus. Der Leiter der Gefängnisbehörde des Bundesstaates, Frank Strada, kündigte derweil seinen Rücktritt an.
