„Ich war fünfzig, als ich die Einladung nach Lwiw bekam. Sie hat mein Leben vollständig verändert. Ich fuhr hin, weniger wegen meiner Vorlesung, sondern weil ich die Chance nutzen wollte, das Geburtshaus meines Großvaters Leon Buchholz und den Schlüssel zu seiner Geschichte zu finden.“ Was Philippe Sands nebenbei entdeckte: Seine juristischen Leitfiguren Hersch Lauterpacht und Raphael Lemkin hatten in Lemberg studiert. Lauterpacht war es, der den Straftatbestand Verbrechen gegen die Menschlichkeit in die Welt brachte, Lemkin jenen des Genozids.
Die grundstürzende Erfahrung in Lemberg, wie Lwiw hieß, als es noch zum Habsburger Reich gehörte, machte den heute Fünfundsechzigjährigen endgültig zum Schriftsteller. Keineswegs seine einzige Beschäftigung. Sands ist auch ein mit allen Wassern gewaschener Prozessanwalt und ein international gefragter Universitätslehrer. Wie er das alles unter einen Hut bringt? In seiner Arbeit, erzählt er im F.A.Z.-Gespräch, führe eines zum anderen. „Ich arbeite im Team mit Kollegen aus der Anwaltschaft, mit unermüdlich fleißigen Promotionsstudenten, die Ukrainisch, Polnisch, Russisch, Deutsch sprechen. Aber wie das alles zusammenkommt, weiß ich in Wirklichkeit auch nicht.“
Alle Familien gehen ähnlich mit Geheimnissen um
Was er weiß, ist, dass seine Arbeit „durch einen unsichtbaren Strang verbunden ist“. Es geht in ihr „immer um die Rolle des Individuums und des Rechts, es geht um Verantwortung, Erinnerung, Identität.“ Und es geht um Familien, die, so Sands, auf der ganzen Welt ähnlich mit ihren Geheimnissen umgingen. Er selbst versuche „so frei wie irgend möglich von Tribalismus zu sein“. Aber als er in der Nähe von Lwiw auf einem jüdischen Massengrab stand, sei es ihm unmöglich gewesen, „keine Verbindung zu diesen Toten zu spüren“.
Sands ist seit vielen Jahren mit Natalia Schiffrin verheiratet, einer Tochter des amerikanischen Verlegers André Schiffrin, sein Schwager ist der mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnete Ökonom Joseph Stiglitz. Seine Frau sei für seinen Erfolg ein wesentlicher Faktor – als erste und strengste Leserin. Das Paar hat drei erwachsene Kinder, einen Wohnsitz in London und einen im südfranzösischen Bonnieux. Sands hat herausgefunden, dass Bruce Chatwin dort seinen 1977 erschienenen Reiseroman „In Patagonien“ schrieb und dass Leonard Cohen, von dessen Musik er besessen ist, einige Jahre dort lebte. „Wie geschieht so etwas? Meine Frau sagt: reiner Zufall. Ich glaube das nicht, ich bin da spiritueller.“

Geboren wird Philippe Sands als Kind jüdischer Eltern in London. Seine Mutter Ruth war als Kind 1938 von der protestantischen Missionarin Elsie Tilney vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Frankreich in Sicherheit gebracht worden, wo sie von katholischen Familien versteckt wurde. Vater Alan Sands war Zahnarzt, die Mutter führte ein Antiquariat für Kinderbücher. Ein jüngerer Bruder, middle class. Über die Vergangenheit, zumal jene der mütterlichen Linie, wird nicht gesprochen. Schon gar nicht vom Großvater, der sich als einer der wenigen Überlebenden der Familie nach Paris retten konnte.
Das Betriebswirtschaftsstudium gibt Sands bald auf, wechselt zu Jura und stößt auf das Orchideenfach Menschenrechte. Er studiert am Cambridge Research Center for International Law bei Elihu Lauterpacht, dem Sohn von Hersch Lauterpacht, der in späteren Jahren eine überragende Rolle in Sands’ Leben spielen wird. 1984 wird er Anwalt, engagiert sich nach Tschernobyl im Umweltrecht, vertritt etwa die Alliance Of Small Island States. Er lehrt in Cambridge und am Kings College London, Gastprofessuren führen ihn an die Harvard Law School, an die New York University, an die Sorbonne, nach Toronto und Melbourne. Weltweite Vortragstätigkeit, Kommentator bei der BBC, beim CNN und der „New York Times.“ Preise, Auszeichnungen, Ehrenmitgliedschaften, drei Staatsbürgerschaften (Vereinigtes Königreich, Frankreich, Mauritius).
Saddam Hussein zu verteidigen, hat er abgelehnt
Als Anwalt ist Sands in Den Haag tätig am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, am Internationalen Gerichtshof, der Streitfälle zwischen Staaten verhandelt, sowie am Internationalen Strafgerichtshof, der Einzelfälle verhandelt. Er vertrat Kroatien, als das Land Serbien wegen Völkermordes verklagte, war am Strafverfahren gegen den Diktator Liberias, Charles Taylor, beteiligt. Er erhob Anklage gegen den ehemaligen chilenischen Diktator Augusto Pinochet, der 1998 in London verhaftet wurde.
Die Verteidigung Saddam Husseins vor einem internationalen Gericht lehnte er 2003 ab. Der syrische Machthaber Assad holte sich 2005 bei Sands Rat, ob und wie er als Staatsoberhaupt Immunität bekommen könnte, da es Gerüchte gab, Syrien stecke hinter der Ermordung des libanesischen Premiers Rafik Hariri. Man müsse ab und zu auch mit den Bösen sprechen, hat Sands immer wieder betont.

Aktuell vertritt er Gambia, das Myanmar wegen des Genozids an den Rohingya vor Gericht gebracht hat. Die Vokabel „Genozid“ ist leicht dahingesagt, aber vor Gericht schwer durchzusetzen. Anwälte müssen beweisen, dass die Absicht bestand, „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Für diese Zerstörungsabsicht gelten strengste Maßstäbe.
Die Kärrnerarbeit des Aktenfressers, untrennbar mit seinem Beruf verbunden, macht ihm keine Probleme. Im Gegenteil. „Ich liebe Dokumente und Archive. Das ist meine größte Freude, herauszufinden, was sie bedeuten. Ich bin sehr methodisch, lese jede Seite.“ Vor Gericht müsse man klassifizierbare Fakten präsentieren. „Mein Hirn arbeitet mit dem sechsten Sinn des Prozessanwalts. Ich kann große Informationsmengen verdauen, und ich kann schnell schreiben – ein zwanzigseitiges Plädoyer an einem Tag ist kein Problem.“

Das gilt auch für seine Buchproduktion. In den Neunzigern tritt er mit Fachliteratur hervor, später wird die Zielgruppe breiter – und politischer. Titel wie „From Nuremberg to The Hague: The Future of International Criminal Justice“ (2003), „Lawless World: Making and Breaking Global Rules“ (2005) oder „Torture Team: Rumsfeld’s Memo and the Betrayal of American Values“ (2008) sind am deutschen Publikum vorbeigegangen. Hierzulande wurde Sands 2018 mit dem ersten Band einer Trilogie schlagartig bekannt: „Rückkehr nach Lemberg“. Es folgten „Die Rattenlinie. Ein Nazi auf der Flucht. Lügen, Liebe und die Suche nach der Wahrheit“ (2020) und „Die Verschwundenen von Londres 38. Über Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien“ (2025). Zudem erschien 2023 „Die letzte Kolonie. Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Indischen Ozean“.
Die Trilogie werde noch um einen Band erweitert, kündigt Sands an: „Er wird vom Krieg gegen die Ukraine handeln. Darin wird es auch um den gewaltsamen Tod der ukrainischen Schriftstellerin Victoria Amelina gehen, mit der ich befreundet war.“ Seine Bücher wurden in dreißig Sprachen übersetzt, doch besonders ins Herz geschlossen haben Sands offenkundig deutsche Rezensenten und Leser. Warum das so ist, darüber rätselt der Autor. „Ich vermute, die besondere Resonanz meines Denkens und Schreibens in der deutschsprachigen Welt kommt eher aus meinem Erbe als von meiner britischen Erziehung.“
„Verzweifelt nicht, es gibt viel Arbeit“
Deutschland sei in seiner Familie kein Gesprächsgegenstand gewesen. Durch die Familie seiner Frau, die stark von der europäischen Literatur geprägt sei, kam er der deutschen Geisteswelt näher. Für die englische Neuausgabe von Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“, 1939 im Londoner Exil verfasst, hat Philippe Sands ein Vorwort geschrieben. Er rechnet den deutschen Juristen und Historiker zu seinen prägenden Lektüren. „Haffner beschreibt, wie er während seiner juristischen Ausbildung langsam alle Freunde verliert, bis er allein ist. Diese Passagen habe ich immer meinen Studenten vorgelegt, um ihnen zu zeigen: Das Recht ist wichtig, aber vergesst nicht die Literatur. Und verzweifelt nicht, es gibt viel Arbeit. Jetzt ist der Moment, um neue Ideen zu entwickeln.“
Die bewusstseinsbildende Kraft von Literatur hat Sands besonders im Fall Chiles erlebt. Bei den beinahe ein Jahrzehnt beanspruchenden Recherchen über den ehemaligen SS-Standartenführer Walther Rauff, der mobile Gaswagen für den Judenmord entwickelte und nach dem Krieg Folterberater des chilenischen Diktators Pinochet wurde, sei ihm das besonders deutlich geworden. „Von 1973 bis 2001 gab es in Chile keinen einzigen Prozess, der mit den Verbrechen der Generäle zu tun hatte. Aber nur weil die Gerichte untätig blieben, heißt das nicht, dass nichts geschah. Autoren schrieben, Geschichten wurden festgehalten, Wissen wurde weitergetragen.“ Nicht zuletzt durch die Bücher von Roberto Bolaño. Sands sagt, wo immer auf der Welt es ihn hinwehe, lese er erst Romane des Landes, um wirklich etwas zu verstehen.
Kann das Völkerrecht den Ökozid stoppen?
Sein ehemaliger Londoner Nachbar John Le Carré entfachte mit seiner ansteckenden Deutschland-Zuneigung nebenbei auch das Feuer für das literarische Schreiben. Tatsächlich sitzt Sands derzeit an seinem ersten Roman. Er handelt von Elsie Tilney, die 2013 von Yad Vashem in die Ehrenliste der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen wurde. Sie traf im französischen Internierungslager Vittel auf dessen Kommandanten Otto Landhauser, einen Gymnastiklehrer aus Hannover. Sands: „Man weiß fast nichts über ihn. War er gut, war er böse? Welche Beziehung unterhielt er zu Elsie? Vieles lässt sich nicht mehr herausfinden, deshalb muss ein Roman diese Fragen beantworten.“ Der Unterschied zu einem Sachbuch? „Man sagt, Romane zu schreiben hieße, sich an etwas zu erinnern, was noch nicht geschehen ist.“
Sein nächstes Buch wird im April 2027 erscheinen, sein deutscher Hausverlag S. Fischer wird es unter dem Titel „Das fünfte Verbrechen. Wie das Völkerrecht den Ökozid stoppen kann“ veröffentlichen. Es wird darin um eine Gesetzeslücke gehen, sagt Sands: „Wer der Umwelt schwere Schäden zufügt, muss dafür belangt werden. Das ist meine These: Wenn man zur Verantwortung gezogen werden kann, weil man ein Massenmörder ist, muss das auch für Umweltverbrechen gelten.“ Wenige Wochen nach der Flutkatastrophe in Nepal sagt er deshalb: „Nepal hätte eine reelle Chance, wenn es das Gericht wegen der Sturzflut anrufen würde.“

Worüber er in der Paulskirche sprechen wird? „Über Gaza und Palästina“, sagt Sands, mehr will er noch nicht verraten. Außer, dass er „sehr besorgt“ ist „über die Position, die Deutschland in der Israel-Palästina-Frage eingenommen hat. Ich wurde kritisiert, dass ich das, was in Gaza geschieht, nicht als ,Völkermord‘ bezeichnet habe. Ich habe durchaus meine Ansichten, aber ich habe sie nicht geäußert, weil ich Berater in dem Verfahren Gambia gegen Myanmar bin und auf das Urteil warte. Danach kann ich freier sprechen. Denn Richter mögen es überhaupt nicht, wenn Anwälte in der Öffentlichkeit vor dem Urteil darüber sprechen, ob es Völkermord war oder nicht.“
Wenn er für das palästinensische Recht auf Selbstbestimmung argumentiere, heiße das nicht, „dass ich antiisraelisch oder antisemitisch wäre – ich mache meine Arbeit als Anwalt, und ich habe das Recht darauf, sie zu tun, ohne kritisiert zu werden“. Doch gerät diese Arbeit in einer Welt, in welcher der amerikanische Präsident sagt, er brauche kein internationales Recht, für einen Anwalt wie Philippe Sands nicht immer mehr unter Legitimationsdruck? Er antwortet auf die Frage so: „2019 habe ich als Vertreter Gambias in Den Haag Aung San Suu Kyi erlebt, die ich durchaus kritisch sehe. Aber ihre Einschätzung, die einzige Sprache, die uns eint, sei das internationale Recht, teile ich. Die Welt muss erkennen, dass wir ein regelbasiertes System brauchen.“
Seinen Studenten rät er im Übrigen, sich anzusehen, was Lauterpacht und Lemkin in den Dreißiger- und Vierzigerjahren getan haben: „Sie waren in einer viel übleren Lage als wir heute. Und – haben sie sich in die Ecke verkrochen und geweint? Nein, sie hatten Ideen, sie schrieben Bücher, und am Ende veränderten sie die Welt.“ Wenn Institutionen und Regelwerke durch einen Krieg auseinanderfielen, bauten Menschen immer wieder neue Strukturen auf. „Das ist die Erfahrung, die meine Großeltern und Eltern gemacht haben, und die steckt wohl in meinen Genen.“
Und dennoch. Er frage sich, ob das Verhalten der Menschheit nicht von einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit befeuert wird – angesichts des Zustands der Natur und drohender Katastrophen. „Es verleitet sie dazu, extremer zu werden, auch wenn die allermeisten den Frieden dem Krieg vorziehen.“ Er sei eigentlich Optimist, „aber in den kommenden fünf Jahren könnte sich die Weltlage dramatisch verschlechtern. Wir steuern auf ein Desaster zu, politisch wie ökologisch.“
