
Zwei deutsche Grundlagenforscher und ein ehrgeiziger amerikanischer Visionär bekommen den diesjährigen Medizin-Nobelpreis. Das ist natürlich zuerst ein riesiger Erfolg der deutschen Wissenschaft. In der Tat gibt es nicht viele Ehrungen aus Stockholm, die wie dieser Preis die Handschrift des deutschen Wissenschaftsverständnisses tragen.
Aber es passt eben auch in das mithin stereotyp wirkende Bild, das hierzulande seit Langem kursiert: Deutschland kann Grundlagenforschung, doch wenn es darum geht, bahnbrechende Entdeckungen rasch in Ideen umzumünzen, die sich technisch nutzen und monetarisieren lassen, da packen andere schneller zu.
Anfangs nicht entsprechend honoriert
Tatsächlich verhielt es sich mit den Entdeckungen der beiden Optogenetik-Pioniere Hegemann und Nagel genau so. Zehn Jahre lang, so erzählt es Hegemann gelegentlich, habe er mit den Amerikanern zusammengearbeitet, weil die Deutschen kein Interesse hatten. Seine und Nagels Entdeckung, wie die ursprünglich aus Bakterien isolierten Kanalrhodopsine die Zellen im Körper dazu bringen können, wahlweise aktiver zu werden oder aber Aktivität zu bremsen und damit Fehlfunktionen zu korrigieren, wurden im eigenen Land zu wenig beachtet. Jedenfalls wurden sie anfangs nicht entsprechend honoriert. Förderorganisationen, Geldgeber und Wissenschaftler in den USA und längst auch in China haben das Potential sehr viel schneller erkannt.
Das hat sich zwar geändert, nachdem die Optogenetik als Werkzeug quasi jeden Anwendungszweig der Biomedizin erobert hat. Aber eben Jahrzehnte zu spät. Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts hatten deutsche Forscher einen satten Entwicklungsvorsprung. Auf den großen Konferenzen brillierten die Grundlagenforscher in großer Zahl, sie alle werden jetzt immer wieder genannt, wenn es um das Verteilen der Lorbeeren geht.
Doch heute, wo es bereits um konkrete medizinische Hoffnungen geht, auch um die ökonomischen Erwartungen, die diese Technologie verspricht, sind andere am Drücker. Immerhin: Das Nobelpreis-Komitee hat den bärenstarken deutschen Beitrag gerechterweise anerkannt. Das war nicht immer so.
