
In der schier unendlichen Geschichte des Wiesbadener Palasthotels wird nun ein weiteres Kapitel geschrieben. In seiner jüngsten Sitzung soll sich der Aufsichtsrat der Eigentümergesellschaft GWW dafür ausgesprochen haben, dass das ehemalige Luxushotel an einen Investor verkauft wird. Damit dies geschieht, muss die Stadtverordnetenversammlung einen entsprechenden Beschluss fassen. Dies soll noch in diesem Jahr geschehen, sodass die Vermarktung des Gebäudes zu Beginn des nächsten Jahres beginnen kann.
Auch wenn sich aktuell niemand öffentlich zum Beschluss des Aufsichtsrates äußern möchte, scheint doch sicher, dass die Wiesbadener Politik abermals einen Richtungswechsel einschlägt, was den Umgang mit der 1902 gebauten Immobilie am Kochbrunnenplatz betrifft. Das Palasthotel sollte schon früher verkauft werden, und es hatten sich auch Investoren gefunden. Doch ein einstimmiger Beschluss des SPD-Unterbezirksparteitags verhinderte dies. Das damalige Linksbündnis von SPD, Grünen, Volt und Linken änderte in der Folge das Verfahren, die Immobilie sollte nur noch in Erbpacht vermarktet werden. Eine sogenannte Markterkundung wurde begonnen.
Dem Vernehmen nach gibt es bislang aber nur wenig Hinweise darauf, dass ein Erbpacht-Modell tatsächlich funktionieren könnte. Kritiker hatten zuvor darauf hingewiesen, dass Investoren im Regelfall Eigentum erwerben möchten, wenn sie zweistellige Millionenbeträge in die Hand nehmen.
Zustimmung der Stadtverordneten ist wahrscheinlich
Der politische Wind in der Landeshauptstadt hat sich mittlerweile gedreht. CDU, FDP, Grüne und Volt haben eine Koalition gegründet – die SPD ist außen vor. Christdemokraten und Liberale hatten immer für einen Verkauf plädiert, und es war ein offenes Geheimnis, dass auch Andreas Kowol (Die Grünen) diesen favorisierte. Kowol ist nicht mehr Verkehrs-, aber dafür Sozialdezernent und somit auch Aufsichtsratsvorsitzender der GWW. Eine Stellungnahme zur Zukunft des Palasthotels lehnte er ab.
Die Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung für einen Verkauf der denkmalgeschützten Immobilie gilt nach Einschätzung von Insidern als sicher. Die SPD hatte sich unter anderem gegen einen Verkauf ausgesprochen, weil man kein „Tafelsilber“ veräußern wolle. Zugleich aber wurde die Immobilie, in der sich viele Jahre auch Sozialwohnungen befanden, jahrzehntelang vernachlässigt, was ihren derzeitigen Zustand erklärt.
Vermutlich in der Dezembersitzung werden die Stadtverordneten beschließen, dass das Gebäude im Rahmen eines städtebaulichen Gesamtkonzepts veräußert werden soll. Dass die Politik einem Investoren vollkommen freie Hand bei der Zukunft dieser wichtigen Immobilie lässt, erscheint unwahrscheinlich. Was aber genau mit dem Palasthotel nach einem möglichen Verkauf geschehen soll, ist noch offen. Es gibt wohl mehrere Interessenten, die aber der Idee, dort ein Fünfsternehotel zu eröffnen, eher skeptisch gegenüberstehen.
Viele Hürden für ein neues Fünfsternehotel
Wahrscheinlicher ist, dass ein gemischtes Nutzungskonzept für die Immobilie in Eins-a-Lage erarbeitet wird. Es soll dabei eine Kombination aus Wohnen, hochwertigem Seniorenwohnen und Gastronomie sowie Einzelhandel im Erdgeschoss favorisiert werden. Beim Seniorenwohnen soll es nicht um betreutes Wohnen, sondern um Wohnungen für ältere Menschen mit entsprechender Kaufkraft gehen, die im Herzen der Innenstadt leben möchten.
Nach Auskunft von Thomas Keller, Geschäftsführer der GWW, wäre eine solche Nutzung möglich, ohne den Bebauungsplan zu ändern. Sollten ein Hotel oder eine gewerbliche Nutzung mit Büros infrage kommen, müsste der Bebauungsplan geändert werden. Das Palasthotel verfügt laut Keller über keine Parkplätze, und er sieht auch keine Möglichkeit, dort welche zu errichten. Das gilt auch für das nahe gelegene Parkhaus mit dem Zugang über die Saalgasse. Daher geht Keller davon aus, dass ein Fünfsternehotel allein deswegen nicht infrage komme. „Es ist für ein Hotel ein Riesenproblem, dass das Gebäude keine Parkplätze hat und man auch keine Tiefgarage bauen kann“, stellte er im Gespräch klar.
Trotz dieser Schwierigkeiten gibt es offenbar mehrere Interessenten, die das Gebäude erwerben möchten. Darunter soll eine Stiftung sein, die Erfahrung in der hochwertigen Sanierung solcher Immobilien hat. Keller und Kowol hatten sich vor Jahren ein Gebäude angeschaut, das von der Stiftung aufwendig saniert worden war. „Das sah schon sehr schön aus“, bestätigte der GWW-Geschäftsführer. „Es gibt aber auch noch weitere Interessenten, die im Kontext mit alten Häusern ordentlich Erfahrung und viele Denkmäler saniert haben.“ Das Gebäude sei besonders, und er werde jemanden finden, der es kaufe und etwas Gescheites damit mache, meint der GWW-Chef. Von einer strengen Vorgabe der Politik, etwa nur ein Hotel dort zu erlauben, rät der Immobilien-Experte ab, denn dann werde ein Verkauf sehr schwierig, weil sich die Zahl potentieller Käufer verringere.
Wer auch immer den Zuschlag erhält, benötigt eine gut gefüllte Börse. Die Sanierungskosten für das Palasthotel schätzt Keller, je nach Nutzungskonzept, mittlerweile auf eine Summe von bis zu 50 Millionen Euro. Das ist teurer als noch vor einigen Jahren und hängt auch damit zusammen, dass der Baupreisindex stetig steigt. Sollte ein Fünfsternehotel oder eine gewerbliche Nutzung den Zuschlag erhalten, könnte die Sanierung laut Keller noch teurer werden. Hinzu kommt der gewünschte Kaufpreis für die Immobilie, zu dem Keller jedoch keine Auskunft erteilt.
Für die derzeitigen Mieter des Gebäudes entspannt sich die Situation indes erst einmal. Das Künstlerhaus 43, die Palast-Bar, die Weinbar „Oechsle“ und viele andere, die eigentlich zum Jahresende hätten ausziehen müssen, bekommen auf Wunsch ihre Verträge um ein halbes Jahr verlängert, verspricht Keller. Zudem sei nicht ausgeschlossen, dass die Verträge noch einmal verlängert werden. Auch wenn Keller das nicht so deutlich sagt, geht er davon aus, dass kein Investor schon 2027 mit den Arbeiten im Palasthotel beginnt.
