Anne Karges Blick huscht über das Publikum: „2800 Euro, höre ich mehr?“, fragt sie. Sofort hebt der Mann im blau karierten Hemd seine Bieterkarte hoch. Ein Auktionsbesucher flüstert: „Den kenn’ ich, der würde alles zahlen für diese Zinnfiguren.“ Das scheint zu stimmen. Bei 3000 Euro hat er die Schmerzgrenze seines Konkurrenten erreicht. Der Aufrufpreis lag bei 100 Euro. Karges Mundwinkel zucken: „Zum Ersten, zum Zweiten“, sie zögert – „zum Dritten!“ Der Hammer knallt.
Es ist Anne Karges dritte Auktion. Im Oktober vergangenen Jahres hat sie ihr Auktionshaus in der Dresdener Neustadt eröffnet. Das Versteigerungswesen kennt sie gut. 20 Jahre hat sie zuvor in anderen Häusern der Branche gearbeitet. Zwölf Jahre war die Kunsthistorikerin bei ihren Kindern zu Hause. „Jetzt ist meine Zeit“, sagt sie. Im Auktionshaus Karge soll vieles anders laufen als bei der traditionellen Konkurrenz. „Mir liegt dieses Unpersönliche nicht“, sagt Karge. „Ich will das auf meine Art machen.“
Mit einer Wohnzimmerauktion fing alles an
„Dieses Unpersönliche“ hat auch den Berliner Auktionator Sebastian Greber zuerst vom Kunstmarkt ferngehalten. In Auktionshäusern habe er sich oft unwohl gefühlt, erzählt er. „Alles war so förmlich, meine Schuhe haben auf dem Boden gequietscht.“ Nach einer Bankausbildung studierte Greber BWL. In die Kunst habe er sich „reingefuchst“. Im November 2021 gründete er dann das Auktionshaus am Grunewald. Seine erste Versteigerung hielt er während der Corona-Pandemie in seinem Wohnzimmer ab. Ein Unternehmen allein hochziehen wollte er aber nicht.
Als Partnerin hat er Lena Winter gewonnen. „Ich konnte mein Glück nicht fassen“, sagt sie. Das Auktionshandwerk hat Winter bei Grisebach und Ketterer Kunst gelernt; sie brachte Expertise und ihr Netzwerk mit. Wie gut sich Greber und Winter ergänzen, beweist der Erfolg: „Bei der Auktion im Mai haben wir so viel Umsatz gemacht wie im gesamten Jahr 2024“, sagt Winter. Zweimal sind sie mit ihrem Versteigerungsunternehmen schon umgezogen, weil es ihnen zu eng geworden sei. Mit Kunst von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart handeln sie aktuell in einem Industriebau in Berlin-Charlottenburg, zehn Minuten von der S-Bahnstation Jungfernheide entfernt, gegenüber von Lidl.
Kunst für alle
Was das mit dem Grunewald zu tun habe? Greber lacht. „Ich wollte damals einen altehrwürdigen Namen. Das fand ich lustig.“ An der Vision der beiden habe sich nach fünf Jahren und 3,2 Millionen Euro Jahresumsatz nichts geändert. Sie wollten Kunst für alle bieten, an einem Ort, an dem sich jeder willkommen fühlt.

Zugänglichkeit ist auch Anne Karge wichtig. Bei ihr weist ein verschnörkelter Pfeil auf eine Tafel im Eingangsbereich die Treppe hinauf nach links „zur Auktion“ und einer nach rechts, „zur Anmeldung“. Dort kann man sich registrieren lassen und eine Bieterkarte abholen, aber auch stöbern. Zwischen Nähtischen und Kommoden aus der Biedermeierzeit stehen Vitrinen mit Meissener Porzellan. An der Wand hängen Aquarelle und Ölgemälde, größtenteils aus dem 19. und 20. Jahrhundert, und in einer Ecke überblickt eine rote Karl-Marx-Plastik von Ottmar Hörl den Raum.
Nicht alles von dem, was hier ausgestellt ist, wird versteigert. Vieles kann man einfach kaufen. Karges Ladengeschäft ist auch geöffnet, wenn keine Auktionen stattfinden. „Es soll ein Ort sein, wo jeder gern reinkommt“, sagt sie. Die Erfahrung, mit echter Kunst zusammenzuleben, dürfe nicht für einen kleinen Teil der Bevölkerung reserviert sein, findet sie, denn echte Kunst habe Aura. Sie mache das Leben besser. Ein Vermögen auf dem Konto brauche man dafür nicht.
„Ich will verzaubert sein. Darum geht es“
Im Auktionshaus am Grunewald gibt es Kunst ebenfalls schon für kleines Geld: Bei jeder Versteigerung sind Werke ab einem Schätzpreis von 100 Euro dabei. Damit verdienten sie nichts, räumt Winter ein, aber nur so könne man vor allem jungen Leuten den Einstieg ermöglichen. Die Strategie scheint aufzugehen. Einige Bieter seien in ihren Zwanzigern und inzwischen Stammgäste bei den Auktionen. Diese finden alle live statt. „Es geht uns um die Leute. Das soll Spaß machen“, meint Winter. Teuerstes Los bei der jüngsten Auktion wurde ein Bild von Franz Radziwill mit Zuschlag bei 70.000 Euro, leicht unterhalb des Schätzpreises. Applaudiert werde nicht nur nach Weltrekorden, sagt Winter: „Wir klatschen immer.“
Werke weniger bekannter Künstler zu versteigern, sei eine Herausforderung, sagt Sonja Hauschild, eine Jugendfreundin von Anne Karge, und meint: „Einen Monet kann jeder versteigern, aber jemandem vermitteln, welcher Tiefgang hinter einer Druckgrafik steckt, das muss man können.“ Hauschild hilft bei Karges Auktionen mit. Im Haus arbeiten außerdem drei Festangestellte und zwei Minijobber. Die Versteigerungen leitet Karge selbst. An die tausend Lose ruft sie auf. Zwölf Stunden hinterm Pult seien ein Kraftakt, sagt sie, aber das sei es ihr wert: „Ich mag diesen schnellen Wechsel. Diese Anspannung, die Überraschung und auch die Enttäuschung.“ Wie man Menschen dazu bringt, viel zu bieten? „Man muss die Geschichte hinter einem Werk glaubhaft vermitteln“, sagt sie. „Und ein bisschen charmant sollte man auch sein.“ Kunst nähere sie sich als Kunsthistorikerin, nicht als Unternehmerin. „Ich will verzaubert sein. Darum geht es.“
Ähnlich geht es Sebastian Greber. Neu hereinkommende Kunst auszupacken, sei für ihn immer noch ein Erlebnis, sagt er: „Ich mache dabei oft komische Geräusche.“ Als kleines Auktionshaus seien sie agil und könnten viel ausprobieren. Streetart hat nicht funktioniert, bestickte Taschentücher von Louise Bourgeois waren dagegen sofort weg. Wenn sie Sammlungen sichten, interessierten sie sich für alle Werke, nicht nur für die großen. Anders könne man Einlieferer nicht von sich überzeugen.
„Einliefern ist Vertrauenssache“, meint auch Anne Karge. Ein Sammler sei mit seiner Frau zu einer Auktion bei Karge gekommen, um zu sehen „wie das hier läuft“. In der Kaffeepause habe er vom Urlaub an der Ostsee erzählt, von langen Autofahrten durch Brandenburg und wie ihm „alles nachgeworfen wurde“: Porzellan, Vasen, Biedermeiermöbel. So sei er zum Sammeln gekommen. Übernehmen wolle das, was er zusammengetragen hat, niemand. Wer eine Kollektion sichte, müsse Zeit und Neugier mitbringen, sagt Anne Karge. „Die Objekte haben für die Sammler oft eine Bedeutung.“ Solche Geschichten faszinierten sie.
