
Helge Schmidt hat wieder zugeschlagen. Der Spezialist für investigative Inszenierungen zu gesellschaftlich relevanten Themen, der bereits 2019 für sein Recherchestück zum Cum-Ex-Finanzskandal mit dem Theaterpreis Faust ausgezeichnet wurde und vor zwei Jahren am Staatstheater Wiesbaden mit „Tax me if you can“ provokant die Erbschaftssteuer beleuchtete, widmet sich nun ganz konkret der Stadt Wiesbaden und ihren Schwierigkeiten. „Wem gehört die Stadt?“ ist wie der Vorgänger eine bunte Doku-Revue, die versucht, sehr viele Themen unter einen Hut zu bringen und Fragen an die Stadtgesellschaft zu stellen.
In der Vorbereitung wurden elf Interviews geführt sowie eine Umfrage ausgewertet und mit vielen Einwohnern der Landeshauptstadt gesprochen. Dabei zeigte sich vor allem, dass Wiesbaden zwar eine vergleichsweise reiche und mit einer der schönsten nicht im Krieg zerbombten Architekturen gesegnete Stadt ist, aber naturgemäß mit sämtlichen Problemen aller deutschen Großstädte zu kämpfen hat: Mietpreise und mangelndem Wohnraum, vom Autoverkehr verstopften Straßen, leerstehenden Geschäften in bester Innenstadtlage, sozialer Spaltung und trotz vieler Bäume und Parks Problemen mit der Anpassung an den Klimawandel. Der wird hier immer als „Klimakatastrophe“ bezeichnet, wie ohnehin die Tonlage besonders der von den Schauspielern (Hannah Lindner, Martin Plass, Felix Strüven, Ujjol Teichmann, Klara Wördemann) gesprochenen Texte tendenziell alarmistisch ist.
Provokante Vorlage als Selbstverständigungsangebot
Helge Schmidt und seine Dramaturgin Cosma Corona Hahne haben dabei unübersehbar versucht, viele Aussagen aus Gesprächen zu einem dichten, möglichst lebendig wirkenden Dialogteppich zu verweben. Das gelingt größtenteils, und das Bühnenbild von Lani Tran-Duc und Anika Marquardt mit vielen beweglichen Elementen, überall herumliegenden, surreal großen Taubenköpfen und dem großen Talkshow-Sofa am vorderen Rand suggeriert über weite Strecken Schauspielatmosphäre. Einmal ruft einer selbstironisch nach einer Spielszene: „Huch, das war ja eben richtig Theater!“ In Wirklichkeit ist der neunzigminütige Abend, gefolgt von einem Nachgespräch mit dem Publikum, doch eher ein mit auflockernden Elementen versüßter Sachtext, eine bisweilen provokante Vorlage als Selbstverständigungsangebot für die Stadtgesellschaft.
Die Fragen, um die sich die eingeblendeten Statements der Interviewpartner (darunter der Architekt Dieter Brell, der Leiter des Stadtplanungsamts Camillo Huber-Braun, „Schlachthof“-Chef Gerhard Schulz, Sprecher verschiedener Bürgerinitiativen, eine Schülergruppe sowie ein ehemaliger Obdachloser) drehen, sind bisweilen austauschbare Großstadtnöte: fehlender Parkraum, teure Mieten, zu wenige Bänke, zu wenig behindertenfreundlich.
Doch geht es auch um konkrete Probleme wie etwa den Streit um das Ostfeld oder um die Renovierung des Walhalla. Vieles davon löste beim Premierenpublikum eingeweihtes Gelächter und spontanen Applaus hervor, unterhaltsam war der Abend auf jeden Fall. Sehr schön und musikalisch stimmungsvoll, aber dramaturgisch bei Lichte besehen vollkommen unnötig waren auch die Auftritte des gemischten Chors der Stadt Wiesbaden (Leitung: Jud Perry).
Es ist gewiss aller Ehren wert, dass das Staatstheater sich zum Forum für aktuelle Diskussionen der Stadtgesellschaft macht, auch wenn immer wieder im Stück selbst darauf hingewiesen wurde, dass nur ein kleiner Teil der Bürger sich engagiere. Aber ein wenig vorhersehbar war es dann doch, was Helge Schmidt und sein Team auf die Bühne brachten, und da Schmidt nicht nur Fragen stellte, sondern auch Antworten geben wollte, fielen die entsprechend plattitüdenhaft aus: Ja, eine offene Gesellschaft mit möglichst wenig Polarisierung und Segregation, gute Luft und günstige Wohnungen, lebendige Kultur und Partizipationsmöglichkeiten für alle, egal welcher Herkunft, Geschlecht und Religion, und bitte mehr Barrierefreiheit, das wünschen sich doch in Wiesbaden und nicht nur dort alle. Zu zeigen, warum das so einfach nicht geht, wäre womöglich der spannendere Abend gewesen.
Nächste Aufführung am 8. Oktober um 19.30 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters Wiesbaden. Im Anschluss gibt es wieder ein Nachgespräch mit dem Publikum.
