
Als ich zum ersten Mal den Kühlschrank meiner neuen WG öffnete, traute ich meinen Augen kaum: Am Boden hatte sich ein kleiner See aus Kühlwasser gebildet. Darin schwammen Lebensmittel, die dort vermutlich schon länger wohnten. Die Farbe des Wassers war längst nicht mehr klar, sondern hatte einen Farbton, den man sonst eher von anderswoher kennt. Dabei konnte ich noch nicht ahnen, dass das erst ein Vorgeschmack auf mein neues Leben sein sollte.
Mein größter Traum war einer, den wohl viele kennen: eine neue Stadt, ein Studium, ein Job und eine erste eigene Wohnung. Vor allem aber wollte ich nicht mehr jeden Tag drei Stunden in Zügen und Bussen verbringen, um in die Uni zu kommen. Drei Stunden, in denen zuverlässig mindestens eine Sache schiefging. Nur konsequent habe ich also nach einer passenden WG in Köln gesucht. Täglich habe ich unzählige Bewerbungen abgeschickt, während die Rückmeldungen auf sich warten ließen. Als dann doch eine Einladung kam, hatte ich gedanklich meine Koffer schon gepackt.
Brüder waren gestern
Kurze Zeit später befand ich mich in einer Wohngemeinschaft mit zwei Männern. Und hatte damit scheinbar plötzlich vieles von dem, was ich mir lange Zeit so gewünscht habe.
Für eine Männer-WG hielt ich mich übrigens für bestens gewappnet: Schließlich bin ich mit zwei Brüdern groß geworden. Was also sollte schiefgehen? Aber schnell musste ich lernen, dass es zwischen Brüdern und Mitbewohnern einen enormen Unterschied gibt.
„Augen auf bei der Mitbewohnerwahl“
Dass die beiden eine völlig andere Definition von Sauberkeit und Hygiene hatten, blieb nicht lange ein Geheimnis. Ungespültes Geschirr, benutzte Töpfe auf dem Herd und verteilte Klamotten in der Wohnung waren hier alltäglich. Nach mehreren Gesprächen haben wir sogar einen digitalen Putzplan per App eingeführt, bei dem man Sterne für erledigte Aufgaben sammeln konnte. Doch während ich fleißig meine Aufgaben erledigt habe, blieb das Punktekonto meiner Mitbewohner leer. Mein persönliches Highlight war der Ratschlag der Freundin eines Mitbewohners: „Du musst ihm auch sagen, dass er putzen soll.“ Spätestens da war ich mir nicht mehr sicher, ob ich Mitbewohnerin oder Erziehungsberechtigte bin.
Bei einem Großputz kam es dann zu einer weiteren Pointe: Unwissend, dass ich in meinem Zimmer saß, unterhielten sich meine beiden Mitbewohner direkt vor meiner Türe über meine heutige Putzaktion. Offensichtlich amüsierten sie sich mehr darüber, dass ich mich wieder an die Arbeit gemacht hatte, als über das Ergebnis. Während sie lachten, sagten sie: „Augen auf bei der Mitbewohnerwahl!“ Ich war sprachlos.
Kommunikation fehlgeschlagen
Obwohl wir uns eine Wohnung teilten, fand unser Zusammenleben fast ausschließlich online statt – mal wurde kurzerhand angekündigt, dass ein Elternteil in unserer WG übernachten würde, mal wurde ein abgebrochenes Kühlschrankfach gemeldet.
Den Rest gab mir die kurze Whatsapp-Nachricht eines Mitbewohners gegen Abend: Seine Freundin sei jetzt vorübergehend bei uns eingezogen, er hoffe, das sei kein Problem – versehen mit lieben Grüßen und einem lächelnden Smiley zum Abschluss.
Alles auf Anfang
Irgendwann hatte ich genug. Nicht von Köln, nicht vom Konzept „WG“ und schon gar nicht von meinem Wunsch, endlich auf eigenen Beinen zu stehen – nur von dieser konkreten Kombination aus dieser Wohnung und diesen beiden Menschen. Also lud ich mir wieder „WG-gesucht“ herunter – die App, die mich überhaupt erst in diese Lage gebracht hatte.
Und noch eine andere Person hatte diese Idee: Einige Wochen später erzählte uns einer meiner Mitbewohner, er wolle nächsten Monat ausziehen. Meine Freude darüber behielt ich zunächst für mich. Schließlich mussten der andere Mitbewohner und ich nun gemeinsam nach Ersatz suchen. Die Suche übernahm, wenig überraschend, vor allem ich. Mitten im zweiten Casting kam dann der verbliebene Mitbewohner nach Hause und erzählte, er habe gerade eine Wohnungsbesichtigung gehabt. Am nächsten Morgen war klar: Auch er würde ausziehen.
Das Warten sollte sich gelohnt haben. Bei meinem anschließenden WG-Casting habe ich mein perfektes Match gefunden. Aus der kalten Wohnung ist endlich ein richtiges Zuhause geworden. Mit meinen neuen Mitbewohnerinnen fühle ich mich in meinen eigenen vier Wänden so wohl, wie ich es mir am Anfang erträumt habe. Männliche Mitbewohner werden uns wohl so schnell nicht mehr ins Haus kommen.
