Im Oktober 1928 hält Virginia Woolf in Cambridge zwei Vorträge über „die Frauen und die Literatur“. Geladen haben Newnham und Girton, die einzigen Colleges der Universität, die damals Frauen zuließen. Im Jahr darauf erscheint der Essay „Ein Zimmer für sich allein“. Darin erfindet Woolf eine Erzählerin und schickt sie durch ein fiktives Oxbridge, um der Frage nachzugehen, warum die Literaturgeschichte so wenige Frauen kennt. Die Antwort ist von entwaffnender Nüchternheit: Wer schreiben will, braucht fünfhundert Pfund im Jahr und ein Zimmer mit einem Schloss an der Tür. Woolfs Feminismus ist ein materialistischer, er handelt von den Produktionsbedingungen der Literatur.
Beweise sammelt die Erzählerin des Essays am Campus: Ein Pedell verscheucht sie vom Rasen des Colleges, die Bibliothek bleibt ihr ohne männliche Begleitung versperrt. Im Männercollege werden Seezunge und Rebhuhn aufgetragen, bei den Frauen dünne Suppe und Backpflaumen. In ihr Tagebuch schreibt Woolf, sie rechne damit, für das Buch als Feministin angegriffen zu werden.
Meta wiederholt, was Woolf vorschlug
Obgleich Woolfs Essay aus heutiger Perspektive klar zum feministischen Kanon zählt, haderte die Autorin mit diesem Begriff selbst. Neun Jahre später, in „Drei Guineen“, schlug sie vor, das Wort „Feministin“ zu verbrennen, ein „verdorbenes“, „verbrauchtes Wort“, das viel Schaden angerichtet habe. Ihr Argument war praktisch: Was der Begriff einst bezeichnete, das Recht der Frauen auf eigenen Broterwerb, sei errungen. Nun trenne der Begriff nur noch, wo Männer und Frauen längst für dieselbe Sache einstehen könnten, und versperre das Gespräch, das zu führen wäre.
Fast ein Jahrhundert später stört sich der Algorithmus von Meta noch immer an diesem Begriff. Und empfiehlt, offenbar ganz im Sinne Woolfs, die Streichung. Betroffen war eine Anzeige des Teatre Raval aus Barcelona für die spanische Bühnenfassung von Woolfs Essay, einen Monolog mit Clara Sanchis, der seit einem Jahrzehnt durch ausverkaufte Häuser tourt.
Am selben Tag, an dem dort über Woolf, den Feminismus und die Macht großer Konzerne diskutiert wurde, bemerkte das Theater eine automatische Nachricht von Meta: „Wir lehnen Ihre Anzeige ab“, die Werbung betreffe „soziale Themen, Wahlen oder Politik“ in der Europäischen Union und verstoße gegen die Richtlinien. Auf Nachfrage konkretisierte der Konzern: Jede Erwähnung von Bürgerrechten, Feminismus oder Sozialreformen werde vom automatischen System herausgefiltert. Abhilfe sei möglich, indem man „Schlüsselwörter“ entferne.
Feminismus ohne Feminismus bewerben
Das Theater tat daraufhin, was die Maschine verlangte, und wandte sich an die Medien. Es beantragte eine Überprüfung und veröffentlichte unterdessen eine zensierte Fassung der Anzeige, die stehen blieb: Die beiden o in Woolfs Namen ersetzte es durch Sternchen, die Hinweise auf Feminismus strich es. So ließ sich das Theaterstück feministischen Inhalts weiterhin bewerben – nur ohne es so zu nennen. Erst als spanische und britische Medien über den Fall berichteten, erklärte Meta, die Anzeige sei „versehentlich entfernt“ und anschließend wiederhergestellt worden.
Wäre es nicht ein geistloser Algorithmus, der hier zur Unterlassung des Feminismusbegriffs aufrief, könnte man Meta fast in der Tradition Woolfs sehen: Sie verbannte ein Wort, um die Sache weiterverhandeln zu können. Das Teatre Raval streicht nach Metas Aufforderung Begriffe aus seiner Werbung, um Menschen für die feministische Sache zu erreichen. Das wiederum steht parallel zu Woolfs Erzählerin, die den Kiesweg nehmen musste, weil sie den Rasen nicht betreten darf, und so trotz allem ans Ziel kam. Auf Metas Plattformen heißt Kiesweg nun „W**lf“.
