Mrs. Sarandon, welche Gedanken lassen Sie abends mit einem Lächeln einschlafen, und welche halten Sie wach?
Oh Gott, alles hält mich wach. Ich habe einen schlechten Schlaf. Manchmal spreche ich ein Mantra: „Ich bin in Sicherheit, ich werde geliebt, ich bin ruhig.“ Manchmal denke ich nach, wie ich etwas plane, was erledigt werden muss. Dann ist mein Kopf zumindest beschäftigt. Aber wenn ich um drei Uhr morgens aufwache, kann meine Angst sich definitiv gegen mich wenden. Dann höre ich einen Podcast, nur keinen zum Thema Politik!
Niemand assoziiert Susan Sarandon mit Angst, viel eher mit Courage und Furchtlosigkeit.
Man tut, was man tun muss. Das heißt nicht, dass man keine Angst hat. Ich halte mich nicht für einen mutigen Menschen. Oft höre ich: „Sie sind so stark wie in ‚Thelma & Louise‘. Nein! Diese Figur zerbricht. Louise weiß, dass sie dafür bestraft werden wird, jemanden getötet zu haben. Sie ist verletzlich. Sie ist vergewaltigt worden. Ich weiß gar nicht, wie daraus dieses Bild von Stärke entstanden ist! Was ich von mir selbst fordere, ist: authentisch zu sein und freundlich. Wenn es einem gelingt, authentisch zu sein, wirkt das vielleicht wie Stärke. Das Mutigste überhaupt für mich ist, wenn man es wagt, einem anderen Menschen wirklich nahe zu sein – egal ob einem Kind, einer Frau oder einem Mann –, und wenn man sich für wirkliche Verbundenheit entscheidet.
In Ihrem jüngsten Film „The Echo Chamber“, der gerade beim Filmfest in Venedig Premiere feierte, wird Henry James zitiert: „Unser Zweifel ist unsere Leidenschaft, und unsere Leidenschaft ist unsere Aufgabe. Alles Übrige unterliegt dem Wahnsinn der Kunst.“ Beschreiben diese Worte, was Sie nach 60 Jahren vor der Kamera heute empfinden?
Ich bin nur eine Geschichtenerzählerin. Ich unterscheide nicht groß zwischen Kunst und dem, was keine ist. Es gibt Projekte, die primär Geld verdienen sollen, wo heute Statistiken und Algorithmen bestimmen, was sich verkauft. Dann gibt es Projekte, die aus einem Bedürfnis entstehen: weil jemand eine Geschichte erzählen muss, weil ihn etwas leidenschaftlich verfolgt – und das sind die anderen Filme.
In „The Echo Chamber“ spielen Sie eine Sängerin, die zu einem Comeback ermuntert wird. Können Rollen Ihnen noch Angst machen?
Diese Figur hat mir Angst gemacht! Daher betrachtete ich es als Übung, mich der Vision des Regisseurs Andrea Pallaoro und dem wunderbaren Zusammenspiel mit meinem Kollegen Luca Marinelli zu überlassen, der Gestaltung des Sounds, meiner Garderobe, meinem Look. Es hat Spaß gemacht, mich zu verlieren. Wir hielten uns nur in der Wohnung auf, in der gedreht wurde, arbeiteten dort, aßen dort. Alicia Vikander lebte in einem Apartment direkt nebenan. Diese „Dreh-Blase“ war sehr schön. Es ist wunderbar, sich an einem Set so sicher zu fühlen – und gleichzeitig eine großartige Carbonara zu bekommen.
Was hat Sie am meisten berührt: dass die ältere Frau, die Sie darstellen, aus dem Schatten tritt oder dass sie um eine verlorene Liebe trauert?
Nun, Frauen leben heute länger als Männer. Viele erleben das also, dass sie sehr lange mit ihrem Partner zusammen waren – und er plötzlich aus dem einen oder anderen Grund nicht mehr da ist. Ava muss sich nun aus dieser Verbindung lösen: Sie entdeckt, wie sehr ihr Selbstbild durch die Augen ihres Mannes geprägt war, und beginnt, sich wiederzufinden. Ihre Wiedergeburt wird durch diesen jungen Künstler ausgelöst, der sie zu einem Comeback bewegt.
Sie selbst waren mit Ihrem Kollegen Tim Robbins 21 Jahre eines der berühmtesten Hollywood-Paare, bis zu Ihrer Trennung 2009 …
Ich kannte das schon als jüngere Frau: Wenn ich einen Partner hatte und zu Dreharbeiten fuhr, ins Nirgendwo, nur mit einem kleinen Koffer, war ich anfangs nervös, alles war anders, ich war weit weg. Dann packte ich aus und dachte plötzlich: Ach ja, das bin ja ich! Sobald man ein Paar ist, begegnen einem die Menschen anders. Wenn man verheiratet ist, erst recht. Noch bevor ich Kinder hatte, konnte ich beobachten, was das alles mit einem macht. Und wenn man dann Mutter wird, kommt eine weitere Rolle hinzu.
Man nimmt sich zurück, immer mehr, um sich seiner Arbeit, der Partnerschaft oder den Kindern zu widmen?
Als meine Kinder älter waren und ich begann, einen Mann zu daten, sagten sie mal: „Wir erkennen dich gar nicht wieder. Bist du das?“ Und ich entgegnete: „Das war ich, bevor ihr gekommen seid. Das bin ich!“ Sie waren verblüfft. Irgendwann müssen Kinder anfangen, ihre Eltern als Menschen zu sehen – und ihnen möglicherweise sogar verzeihen, wie schrecklich sie angeblich zu ihnen waren. Mit zunehmender Reife verändert sich der Blick. Sich in meinem Alter noch einmal solche Fragen zu stellen, ist hochinteressant.
Wo stehen Sie heute: Haben Sie sich mit dem Alleinsein angefreundet, genießen Sie es, ganz bei sich zu sein und sich als Künstlerin neu auszuprobieren?
Ich versuche, mich auf alles einzulassen, was mir Angst macht! Ich habe zum Beispiel mehrere Monate am Londoner Theater „Old Vic“ gespielt. Das war furchteinflößend, gerade weil dieses Haus so renommiert ist. Die Produktion war eine enorme Herausforderung, schon weil wir ohne Mikrofone spielten. Aber irgendwann merkte ich, dass ich tatsächlich auch Spaß hatte – und darauf war ich sehr stolz. Darum ging es mir: herauszufinden, ob ich den weiten Weg von der reinen Angst bis zum Vergnügen schaffe. In den vergangenen Jahren habe ich das ziemlich oft getan.
Weil Sie sich gern herausfordern?
Singen Sie deswegen in „The Echo Chamber“ auch?
Oh Gott, damit habe ich wirklich gerungen. Ich bat den Regisseur immer wieder, lieber jemanden zu nehmen, der sich auskennt, Annie Lennox oder so, bis er meinte, Ava sei eher wie Marianne Faithfull. Daraufhin fand ich den völlig absurden Clip von David Bowie und Marianne Faithfull, die „I Got You Babe“ singen. Ich weiß nicht, welche Drogen die beiden da genommen hatten – aber ich dachte: „Gut, so einen Sprechgesang kriege ich vielleicht noch hin.“

Dabei litten Sie mal unter einer Art Musikphobie, oder?
Ja, mein Vater war Big-Band-Sänger und hatte eine großartige Stimme. Ich bin das älteste von neun Kindern, und mir wurde schon sehr früh und sehr oft gesagt, dass ich nicht singen könne. Daraus entwickelte sich fast eine Phobie. Deshalb habe ich „The Rocky Horror Picture Show“ gemacht: Erst protestierte ich, als das Angebot kam, obwohl es hieß, das könne jeder, der auch nur „Happy Birthday“ singen könne. Irgendwann dachte ich: Eigentlich ist es ein ziemlicher Egotrip, solche Angst zu haben – jeder summt, jeder singt. Aber heute? Ich habe eine völlig andere Stimmlage, mir war das Singen gar nicht geheuer. Aber wir haben es geschafft. Die Texte haben mich sehr berührt, Zeilen wie „Everyone wants to dance, but no one wants to take your hand at the end of the day“.
Woran liegt es, dass Sie sich selbst immer wieder ins kalte Wasser werfen?
Ich halte das für etwas Gutes. Wenn ich mal abtrete, möchte ich völlig aufgebraucht sein. Meine Batterie soll total leer sein. Nach dem Motto: „Du hast alles gegeben. Alles gelebt. Was für ein gutes Leben!“
Sie sind spät Mutter geworden …
Aber inzwischen habe ich Enkelkinder. Zu ihnen kann ich eine Beziehung haben, ohne für etwas verantwortlich gemacht zu werden. Gerade ist noch ein Kind unterwegs, daher will ich so präsent wie möglich für meine Familie sein. Ich habe meine drei Kinder früher überallhin mitgeschleppt, und ich bin froh darüber! Heute leben sie alle an der Ostküste, was es für mich sehr einfach macht, da ich in New York lebe. Ich verbringe also viel Zeit mit ihnen. Zugleich versuche ich herauszufinden, wie wir als Gesellschaft die nächste Zeit überstehen.
Sie waren immer eine kritische und engagierte Beobachterin der Welt. Was entdecken Sie heute noch neu?
Die Landwirtschaft. Das ist mein nächstes Projekt: zu lernen, meine eigenen Lebensmittel anzubauen. Auf meiner Terrasse in New York habe ich schon Gemüse angebaut. Für meine Kinder habe ich in Vermont ein Haus gebaut, das eine eigene Wasserversorgung hat und autark ist. Dazu gibt es auch einen kleinen Acker, und ich überlege, was ich dort anbaue. Daher lerne ich jetzt etwas über Bienen – und zwischendurch fahre ich auf Filmfestivals. Mein Leben hat gerade sehr viele unterschiedliche Farben.
2023 sagten Sie auf einer Kundgebung über die Angst amerikanischer Juden nach dem 7. Oktober vor möglichen Gewalttaten: „Sie bekommen nun einen Eindruck davon, wie es sich anfühlt, in diesem Land ein Muslim zu sein: so oft der Gewalt ausgesetzt.“ Später entschuldigten Sie sich für Ihre Wortwahl und nannten sie „einen schrecklichen Fehler“. Wie drastisch hat sich Ihr Leben seit damals verändert?
Ich bin noch nie so hart auf meine Grenzen geprüft worden. Es geht mir ja nicht nur um die Verletzung des Ersten Verfassungszusatzes …

Der die Meinungsfreiheit und andere Rechte schützt.
Jeden einzelnen Tag wird Gaza weiter zerstört, genauso das Westjordanland, täglich werden Kinder erschossen. Es ist wichtiger, darüber zu reden, als darüber, was mir persönlich widerfahren ist.
Wie sehr schmerzt es, dass viele in Hollywood sich von Ihnen distanziert haben?
Inzwischen empfinde ich es als Ehre, dass ich die Gelegenheit habe, herauszufinden, wo meine moralische Untergrenze liegt. Aber ich bin okay. Ich weiß, wer meine Freunde sind. Und ich bin im Reinen mit allem. Ich bin im Reinen mit dem, was mir deswegen widerfährt.
Wussten Sie nicht immer, wo diese moralische Untergrenze liegt?
Sie war noch nie so hart geprüft worden. Als ich bei der Oscarverleihung 1993 darüber sprach, was in Guantánamo mit 266 HIV-positiven inhaftierten Haitianern geschah, wurde ich aus der Academy of Motion Picture Arts and Sciences ausgeschlossen.
Das war damals eine große Sache, und es gab viel Hass. Aber diesmal ist es ganz eindeutig anders.
Sie haben Rollen verloren, Ihre Agentur hat sich von Ihnen getrennt. Wie gehen Sie mit der Ablehnung Ihrer Person wegen Ihrer politischen Überzeugungen um? Wie stellen Sie sicher, dass Sie nicht selbst in einer Blase landen, sondern mit anderen im Dialog bleiben?
Ich denke, dass es immer wichtig ist, zuzuhören und nicht nur Reden zu führen. Das Zuhören haben wir etwas verlernt. Ich halte mich nicht für eine Expertin, aber ich verfüge über Informationen, die in Mainstream-Medien nicht vorkommen. Meine Funktion besteht nur darin, weiterzugeben, was Journalisten in Gaza posten, oder Umweltfakten, von denen man sonst nichts hört, etwa, dass Flüsse ausgetrocknet sind. Ich hoffe, dass ich auf diese Weise etwas beitragen kann.
Gehören dazu auch Ihre Filme?
Ein Film wie „Dead Man Walking“ sollte niemanden zwingen, gegen die Todesstrafe zu sein. Aber er hat gezeigt, was alles zu diesem Thema gehört – und dann kann jeder eigene Schlüsse ziehen. Wie soll man eine Entscheidung ohne relevante Informationen treffen? Wenn man ausschließlich CNN oder Fox schaut, bekommt man nicht das ganze Bild.
Sie haben gegen Kriege, Polizeigewalt und die amerikanische Einwanderungspolitik protestiert, und Sie tun es nun gegen den Krieg in Gaza. Dort haben Sie Küchen organisiert und versucht, Schulen zu bauen. Gibt es für Sie ein Prinzip, das diese Kämpfe miteinander verbindet?
Ja: Mir geht es um Menschen, die keine Stimme haben.
Sie gelten als Ikone – bedeutet Ihnen das etwas?
Ich habe nur überlebt. Es gibt nur wenige, die so lange durchhalten. Und wenn man ein bestimmtes Alter überschritten hat, wird man plötzlich zur Ikone. Ich weiß gar nicht, was das bedeuten soll. Im Grunde wohl nur, dass man ziemlich lange da ist.
Vielleicht auch, dass man irgendwie einzigartig ist.
Es war schön, wie herzlich ich in Venedig empfangen wurde. Italien war schon früher etwas Besonderes: Als ich das letzte Mal wegen meiner politischen Haltung ernsthafte Probleme bekam, während des Irakkriegs, verlieh Italien mir einen Preis und bat mich, bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele mitzuwirken. In solchen Momenten merkt man, in welch einem kleinen Kosmos man in den USA lebt. Dort meint man, man sei der Nabel der Welt – wen interessieren Frankreich oder Italien? Man wird geradezu konditioniert. Dann verlässt man das Land und stellt fest: All das, was in den USA als Problem an mir gilt, wird in Italien als Tugend betrachtet. Hier bin ich Jeanne d’Arc. Wie kann das sein? – Das war damals schon sehr schön, und deshalb hat mich dieser Empfang jetzt auch wirklich berührt. Damit hatte ich nicht gerechnet.
Haben Sie je überlegt, den USA den Rücken zu kehren und in Europa zu leben?
Ich versuche schon seit einiger Zeit, einen italienischen Pass zu bekommen. Ich bin zur Hälfte Sizilianerin und habe oft gedacht, Italien wäre der perfekte Ort, um zur Ruhe zu kommen und mal Sonnenaufgänge und -untergänge zu sehen. Aber das Problem sind diese Kinder! Ich kann einfach nicht so lange von ihnen getrennt sein. Sie sind viel zu wichtig in meinem Leben, als dass ich weit weg sein wollte.
Sie personifizieren Alterslosigkeit – und werden am 4. Oktober 80. Wie werden Sie diesen Tag feiern?
Einen Wunsch habe ich mir schon erfüllt: Ich habe in Montana eine Ranch gemietet und war eine Woche lang mit meiner gesamten Familie dort, den Kindern, ihren Partnern – allen. Wir sind geritten, geschwommen, haben uns am Bogenschießen versucht und den Yellowstone-Nationalpark besucht. Mein Sohn brachte meinem Enkel bei, online auf Pferde zu wetten – lauter Familiendinge. Meine Tochter hat für alle Sweatshirts anfertigen lassen, auf denen „Honey’s 80th Rodeo“ stand – meine Enkel nennen mich „Honey“. Es war großartig. An meinem eigentlichen Geburtstag, am 4. Oktober, werde ich mit meinen Söhnen die Redwood-Wälder in Nordkalifornien besuchen, bevor diese Küstenmammutbäume vielleicht noch abgeholzt werden. Danach treffe ich meine engsten Freundinnen, die unbedingt mit mir feiern wollen. Aber das eigentliche Geschenk war Montana. Und alle haben sich vertragen. Wären wir drei Wochen länger zusammen gewesen, wäre wahrscheinlich etwas passiert (lacht). Aber eine Woche war perfekt. Das hat mich sehr glücklich gemacht.
