
Es ist jetzt gut vier Jahre her, dass der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) die Deutschen aufforderte, weniger zu duschen, um Gas zu sparen. Der russische Machthaber Wladimir Putin hatte Europa zuvor den Hahn abgedreht, die Preise stiegen im Großhandel zwischenzeitlich auf mehr als 300 Euro je Megawattstunde. Das wiederum sorgte auf dem Strommarkt für Turbulenzen; auch dort schnellten die Preise in die Höhe.
Nun hat Europa die nächste Energiekrise am Hals, ausgelöst vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit seinem Angriff auf Iran. Weil Iran weiterhin die Straße von Hormus blockiert und die von ihm unterstützte Huthi-Miliz vor wenigen Tagen zudem aus dem Jemen heraus Saudi-Arabien angegriffen hat, fehlen dem Weltmarkt beträchtliche Mengen an Öl und Gas.
Das sorgt dafür, dass die Energiepreise seit Wochen nur eine Richtung kennen: nach oben. Ein Barrel Öl kostet deutlich mehr als 100 Dollar, rund 60 Prozent mehr als vor dem Krieg. Gas ist bei mehr als 80 Euro je Megawattstunde angelangt, ein Plus von 180 Prozent. Und auch auf den Strommarkt schlagen die Entwicklungen durch, weil Gaskraftwerke hier oft den Preis setzen.
Gasspeicher nicht mehr so wichtig
Die Politik zeigt in diesen Tagen wieder einmal, wie kurzsichtig sie unterwegs ist. Während die Debatte um die Entlastung von Autofahrern voll entbrannt ist, weil diese den hohen Ölpreis unmittelbar an der Tankstelle spüren, ist der hohe Gaspreis kaum Thema. Ähnlich wie der Strompreis wird er sich erst im kommenden Jahr auf der Nebenkostenabrechnung privater Haushalte bemerkbar machen.
Stattdessen kreist die Diskussion angesichts historisch niedriger Füllstände der Gasspeicher vor allem um die Versorgungssicherheit. Doch es gibt erhebliche Unterschiede zwischen der Energiekrise 2022/2023 und der heutigen. Noch kurz vor dem russischen Überfall auf die Ukraine hat Deutschland ein Drittel seines Rohöls und mehr als die Hälfte seines Erdgases aus Russland importiert. Das Angebot wurde physisch knapp.
Doch dann peitschten Habeck und die damalige Bundesregierung in Rekordzeit den Bau von Flüssiggasterminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Lubmin und auf Rügen durch. Heute verfügen Deutschland und seine Nachbarländer über Importkapazitäten, mit denen sich große Mengen kurzfristig importieren lassen. In wenigen Wochen soll auch das Terminal in Stade nach langen Verzögerungen endlich in Betrieb gehen. Die Gasspeicher werden immer noch gebraucht, sind aber nicht mehr ganz so wichtig.
Füllstandsziele messen nur noch öffentliche Erregung
Richtig ist, dass der Markt derzeit ganz anders funktioniert als in den Jahren zuvor: Normalerweise kaufen Händler im Sommer Gas zu niedrigen Preisen und speichern es ein, um es im Winter zu höheren Preisen wieder zu verkaufen. Der Anreiz dazu bestand zuletzt nicht, weil erstens der Irankrieg die Preise in die Höhe getrieben hat und zweitens mit dem Flüssiggas, das zunehmend auf den Markt drängt und auch im Winter kurzfristig verfügbar ist, der Preisaufschlag für Lieferungen im Winter sinkt.
Füllstandsziele sind in diesem Zusammenhang nicht hilfreich. Theoretisch sollen sie dafür sorgen, dass die Speicher im Sommer aufgefüllt werden. Praktisch verteuerten sie den Energieträger weiter, weil der Markt einpreist, dass im Sommer eingekauft werden muss. Nachdem Brüssel und Berlin das Problem erkannt und die Ziele „flexibilisiert“ haben, sind sie für den Markt praktisch bedeutungslos geworden und fungieren nur noch als Gradmesser der öffentlichen Erregung.
Wie lässt sich Verbrauch weiter senken?
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) war klug beraten, mit einem staatlichen Eingriff lange zu zögern und diesen minimal zu halten. Im liberalisierten Energiemarkt ist die Beschaffung von Gas Sache der Händler: RWE, Uniper, Sefe, VNG und Co. sind dafür zuständig, auf dem Weltmarkt genug einzukaufen und ihre Lieferverpflichtungen gegenüber Industrie und Stadtwerken einzuhalten. Risikomanagement beherrschen sie besser als der Staat.
All das bedeutet nicht, dass Europa gefeit ist vor hohen Preisen im kommenden Winter. Und: Sollte LNG-Importinfrastruktur mutwillig angegriffen werden oder Trump LNG-Exporte als Erpressungsinstrument nutzen, bekäme Europa nicht nur preis-, sondern auch mengentechnisch ein großes Problem.
Teure, überhastete Aktionen helfen jedoch nicht beim Aufbau von Resilienz. Wichtiger ist es, in Ruhe zu überlegen, wie sich der Verbrauch weiter senken lässt, und mittelfristig weniger abhängig vom Import fossiler Energieträger zu werden. Der Ausbau (der auch im Winter verfügbaren) Windkraft zur Stromerzeugung sowie eine schnellere Elektrifizierung von Gebäuden und Verkehr wären dazu probate Mittel.
