Timur Turlow gilt als reichster Mann in Kasachstan, doch es ist schwer, jemanden zu finden, der über den 38 Jahre alten Russen, der Präsident der Weltschachföderation FIDE werden will, offen spricht. Seine Anwälte haben einige kasachische Journalisten hinter Gitter gebracht, die auf ihren Prozess warten. Auch in Russland lässt der Milliardär gegen kritische Berichterstattung vorgehen. Bei der Schacholympiade im usbekischen Samarkand, wo am 26. September gewählt wird, gibt er sich freundlicher: Vertretern ausgesuchter Medien hat eine Mitarbeiterin Turlows angeboten, alle Kosten zu übernehmen.
Ein ähnliches Angebot macht er dem Weltschach. Wann immer es brennt, will er zahlen. Größter Sponsor der FIDE ist seine Freedom-Holding ohnehin seit über drei Jahren.
Turlows Gegenkandidaten kommen aus Deutschland
Ursprünglich wollte er als Stellvertreter von Arkadi Dworkowitsch antreten. Kurz vor der Zweimonatsfrist für die Kandidaturen wurde der bisherige FIDE-Präsident von der EU sanktioniert, weil er bis 2018 höchste Regierungsämter im Kreml innehatte und die Besetzung der Krim rechtfertigte. Wenige Stunden nach der Veröffentlichung trat Dworkowitsch zurück. Der frühere Weltmeister Vishy Anand aus Indien erbte, vorübergehend bis zum Wahltag, das Präsidentenamt und Turlow die Kandidatur.
Die Wahl ist anders als vor vier Jahren, als Dworkowitsch nur von einem nahezu unbekannten ukrainischen Großmeister herausgefordert wurde, offen. Turlow hat zwei Gegenkandidaten. Beide kommen aus Deutschland, sind ebenfalls Unternehmer. Beide warnen, dass sich die FIDE mit Turlow in eine gefährliche Abhängigkeit von ihrem Geldgeber begebe. Ansonsten könnte ihre Strategie kaum unterschiedlicher sein.

Wadim Rosenstein wirft mit Geld um sich. Auf Stimmenfang reist er seit einem halben Jahr im Privatjet rund um die Welt, lässt Turniere und Konferenzen organisieren, um Kontakte zu knüpfen und zu vertiefen. In der Ausstellungshalle in Samarkand hat der 36 Jahre alte Düsseldorfer mit ukrainischen und russischen Wurzeln einen riesigen Stand gemietet. Er setzt auf Einzelgespräche und Unterstützungserklärungen befreundeter Verbände. Aufhorchen lässt, dass der zunächst von ihm bekämpfte Präsident der Europäischen Schachunion, Surab Asmaiparaschwili, sich hinter ihn gestellt hat.
Ukrainische Medien berichteten über seine russische Tochterfirma und angeblich hohe Gewinne. Die Firma lasse sich nicht zu normalen Konditionen verkaufen oder abwickeln, und die Gewinne verblieben in Russland, teilt er der F.A.Z. mit und bestätigt, dass er die Kosten seiner Kampagne nicht allein stemme. Einer seiner Investoren sei Gordon Tang, ein Immobilientycoon aus Singapur, der als sein Stellvertreter kandidiert.
Onlinedebatte? Nicht Rosensteins Format
Rosenstein setzt auf Einzelgespräche und meidet Interviews. Eine Onlinedebatte mit den beiden anderen Kandidaten verließ er nach einem kurzen Statement. „Das Format bot nicht die Voraussetzungen für eine sachliche und faire Debatte“, schreibt er auf Nachfrage.
Jan Henric Buettners Kandidatur entstand aus einer flapsigen Anmerkung der Mutter einer Spielerin, er habe Freestyle-Schach mit ausgeloster Grundstellung nur lanciert, um sich als FIDE-Präsident ins Gespräch zu bringen. Erst dachte er: Unfug. Dann fand der Hamburger Unternehmer Gefallen an der Idee. Zwölf Tage später traf er den englischen Schachunternehmer Malcolm Pein am Frankfurter Flughafen, und sie schmiedeten eine Allianz, um die russische Umklammerung der FIDE zu beenden. Entweder werde er sich vier Jahre dem Weltschach widmen, oder es sei ihn am Tag nach der Wahl los. Die Vermarktung von Freestyle-Schach habe er abgegeben.
Über seine Erfahrungen im Wahlkampf sagt Buettner: „Jeden Tag passieren die lustigsten Sachen.“ In Kapstadt, wo er einen guten Teil des Jahres wohnt, sei er unangemeldet auf einem von Turlow finanzierten Schulturnier aufgetaucht. Zwanzig eingeflogene Delegierte seien umgehend auf einen Busausflug verfrachtet worden, damit möglichst keiner mit Buettner sprechen konnte. Solche Veranstaltungen werde es von Oktober an sicher nicht mehr geben, feixt er.

Unter fadenscheinigen Ausflüchten sei er wochenlang hingehalten worden, bis er im Hotel der Delegierten ein ungenutztes Esszimmer mieten durfte. Dass ausgerechnet die Teilnehmer der Schacholympiade für Menschen mit Behinderungen, auf die die FIDE so stolz ist, nicht zur Eröffnungsfeier eingeladen waren, wunderte ihn. Einem Funktionär, der nur noch einen Schlafplatz auf dem Boden bekam, bot Buettner ein Zimmer in seiner Villa am Rand des Festivalgeländes an.
Debatte über Verschiebung der Wahl
Die Nachbarvilla bewohnt Dworkowitsch. Beim Frühstück stellte er dem Russen die Frage, was passiere, wenn Turlow gewählt werde und wegen finanzieller Transaktionen für russische Auftraggeber das nächste Sanktionspaket der EU komme. Laut Dworkowitsch müsse dann neu gewählt werden.
Zunächst wurde in Samarkand aber über eine Verschiebung der Wahl debattiert, weil zahlreiche Delegierte kein Visum bekamen. Laut Buettner habe das Turlow-Team gemerkt, dass es keine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang kriegen würde. Inzwischen haben die usbekischen Behörden die Visa erteilt, und der Wahltermin am kommenden Samstag steht.
Der 62 Jahre alte Unternehmer hat merklich Spaß an den Abgründen der Schachpolitik. Die Delegierten wollen gewöhnlich gleich von ihm wissen, was er ihnen bietet. Nur einen fairen Anteil an allen Einnahmen der FIDE, sagt er dann. Aber sie sollen gern mitnehmen, was sie von Turlow und von Rosenstein bekommen – und in der geheimen Wahl trotzdem für ihn stimmen.

Alle Kandidaten hatten Beschwerden bei der Wahlkommission eingedient. Buettner beanstandete, dass das hochbezahlte Managementteam der FIDE Turlows Kampagne führt. Ein Wahlkämpfer Turlows wurde dabei abgehört, dass er für kompromittierende Informationen über Rosenstein bezahlen wolle. Gegenseitig forderten sie ihren Ausschluss von der Wahl. Ihr Schlagabtausch entzündete sich auch an einem nicht näher definierten Sponsoring Rosensteins für den Deutschen Schachbund, als dessen Delegierter er in Samarkand auftritt. Dabei ist Turlow selbst Hauptsponsor des kasachischen, österreichischen und zyprischen Verbands. Und die Schweiz, wo er demnächst Millionen für einen WM-Kampf zuschießt, hat sich daraufhin öffentlich zu ihm bekannt.
Vaterlos am Moskauer Stadtrand aufgewachsen, hat Turlow mit 20 Freedom Finance gegründet, das seinen Landsleuten das Spekulieren an amerikanischen Börsen erleichterte und seit 2019 selbst an der New Yorker Nasdaq notiert. Dass er schon früh nach Kasachstan expandierte, kam ihm zugute, als Russland in die Ukraine einmarschierte und er rasch die Staatsbürgerschaft wechseln konnte. Inzwischen gehören auch Mobiltelefonie, der Betrieb eines Flughafens und Finanzdienstleistungen in diversen Ländern zu seinem Portfolio. Aufgaben delegieren sei sein tägliches Geschäft und seine Stärke, so Turlow. Dagegen will Rosenstein im Fall seiner Wahl rund um die Uhr dem Schach zur Verfügung stehen.
Wie das aussieht, war während der pompösen Eröffnungsfeier am Dienstagabend zu besichtigen. Rosenstein tippte ständig auf seinem Handy. Turlow stand bereits kurz nach den Reden auf und ging. Buettner erfreute sich an der Show und den schwachen Zügen seiner Gegner.
