Natürlich hat Peter Heidler das Tor gesehen. Was für eine Frage. Wann immer er kann, schaut er die Spiele von Ryan Naderi. Der spielt gerade in Schottland für die Glasgow Rangers.
Ihn und Naderi verbindet eine enge Beziehung, seit sie sich vor 19 Jahren kennenlernten. Heidler war gerade dabei, in Dresden eine Fußballschule aufzubauen, der damals vier Jahre alte Naderi gehörte zu seinen ersten Kursteilnehmern. Und entwickelte sich schnell zu einem der Besten.
Der Bekannteste ist Naderi heute allemal, auch wenn sein Name nur den Drittligafans unter den deutschen Zuschauern etwas sagt. In Schottland dürfte sich seine Bekanntheit dagegen rasant steigern. Wer das Old Firm, das Derby zwischen den beiden Glasgower Branchenführern Celtic und Rangers, entscheidet, dem sind die Schlagzeilen sicher.
Lange unter dem Radar geblieben
In Deutschland zog der 23 Jahre alte Angreifer eher selten die Aufmerksamkeit auf sich. Nur einmal, da wurde ausführlicher über ihn berichtet. Das war zu Beginn des Jahres, als er für eine Ablösesumme von rund 5,5 Millionen Euro vom FC Hansa Rostock zu den Rangers wechselte. Rekord für einen Fußballer aus der dritten Liga.
Ansonsten bewegte sich Naderi weitgehend unter dem Radar. Vor seiner Zeit in Rostock spielte er für die zweite Mannschaft von Borussia Mönchengladbach und davor in den Nachwuchsmannschaften von Dynamo Dresden. Die längste Zeit aber verbrachte er in der Fußballschule von Peter Heidler, der er bis zu seinem zwölften Lebensjahr angehörte. „Ein Bewegungstalent war er vom ersten Tag an. Dazu lernte er schnell, mit dem Ball umzugehen. Den Kopf hatte er dabei immer oben. Das haben nur wenige Kinder in so jungen Jahren. Dazu kommt ein angeborener Instinkt“, sagt Heidler.
Von den Stärken, die Naderi als Kind zu entwickeln begann, profitiert er heute. „Das Tor gegen Celtic, das ist typisch Ryan. Dieses Wissen, ob der Ball hinkommt, das hatte er schon früher. Er wusste von Anfang an, wo das Tor steht“, sagt Heidler. Gegen Celtic traf Naderi per Nachschuss. Celtics Torhüter Viljami Sinisalo hatte einen Schuss nur nach vorne abwehren können, der Abpraller landete direkt bei Naderi, der keine Probleme hatte, den Ball im Tor unterzubringen. „Das war kein Zufall, sein Gespür für solche Situationen ist enorm ausgeprägt“, sagt Heidler.
Ein klassischer Mittelstürmer
Ryan Naderi ist ein Typ Stürmer, der immer mal wieder vor dem Aussterben stand, weil ihn der moderne Fußball angeblich nicht mehr benötigt. Bei einem Wettlauf unter Kollegen würde er sehr wahrscheinlich nicht unter den ersten Plätzen landen. Seine Geschwindigkeit ist höchstens mittelmäßig, in Sachen Pressing ist er nicht immer die größte Hilfe. Dafür verfügt er trotz 1,93 Meter Körpergröße über eine passable Technik, einen exzellenten Torabschluss und ganz viel Gespür für Strafraumsituationen. Sprich, Ryan Naderi ist ein klassischer Mittelstürmer.
Einer, wie ihn die deutsche Nationalmannschaft seit Miroslav Klose nicht mehr hat. Angeblich soll ihn Jürgen Klopp zumindest in Betracht ziehen. Sollte dem wirklich so sein, müsste sich der neue Bundestrainer vermutlich beeilen. Naderi ist zwar in Deutschland geboren, sein Vater ist aber Bulgare, die Mutter Tschechin. Für beide Nationen ist er ebenso spielberechtigt. Laut übereinstimmenden Meldungen beschäftigt sich der tschechische Verband am intensivsten mit ihm.
Für Naderi wäre eine Nominierung der vorläufige Höhepunkt einer rasanten Entwicklung. Das Tor gegen Celtic war sein zweites Saisontor, mittlerweile hat er sich bei den Rangers einen Stammplatz erspielt. „Von seinen Anlagen und seiner Statur passt er hervorragend nach Schottland“, sagt Peter Heidler. Trotzdem dauerte es ein halbes Jahr, ehe sich der Stürmer an den rauen Umgang in der Liga dort gewöhnt hatte. Der Sprung von der dritten Liga zu einem Europapokalteilnehmer war dann doch recht groß.
„Viel Entwicklungspotential“
„Ryan verfügt über viel Entwicklungspotential. Ich denke auch nicht, dass die Rangers seine letzte Station sein werden. Er war schon als Kind sehr wissbegierig, lernte schnell und konnte das Erlernte meist besser umsetzen als die anderen Jungs. Sogar wenn er auf anderen Positionen wie Torwart spielte“, sagt Peter Heidler. In den Eins-gegen-eins-Duellen mit Altersgenossen hatte der schon immer großgewachsene Naderi irgendwann keine Gegner mehr.
Heidler selbst musste gegen ihn antreten. „Da wusste ich, dass sich unsere Wege trennen müssen“, sagt er. Der Wechsel zu Dynamo war der logische Schritt. Auch dort schoss er regelmäßig seine Tore. Bei den Männern kam er aber nicht zum Zug. Naderi rächte sich, indem er mit Hansa einmal ein wichtiges Tor im Dresdner Stadion gegen Dynamo schoss. „Da habe ich nicht nur positive Schulterklopfer bekommen“, sagt Heidler.
Der Stolz ist dem Trainer in jeder Silbe anzuhören, auch dass Naderi lange Zeit zu den Absolvententreffen seiner Fußballschule zwischen Weihnachten und Silvester kam, freut ihn. In diesem Jahr sieht es dahingehend schlecht aus, in Schottland ruht der Ligabetrieb nicht. Ryan Naderi wird dann versuchen, das zu machen, was er am besten kann: Tore schießen.
