
Die Sache liegt zweieinhalb Jahre zurück. Doch die Erinnerung daran lässt in dem Mann den ganzen Ärger wieder hochkochen. Noch immer stellt sich nicht nur ihm die Frage: Wie konnte eine Mutter mit einer frei erfundenen Geschichte über zwei Krebserkrankungen ihres Sohnes durchkommen und alles in allem mehr als 350.000 Euro an Spenden einsammeln? Und das über eine Zeitspanne von mehr als zwei Jahren? Wie bringt ein Mensch so etwas überhaupt fertig? Antworten dazu soll der laufende Prozess gegen die Mutter vor dem Landgericht Gießen bringen. So viel ist schon klar: Die vorbestrafte Frau hat alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gleich am ersten Verhandlungstag über ihren Anwalt eingestanden.
Trotzdem stellen sich Fragen. Wie konnte es so weit kommen? Weshalb stoppte niemand aus dem sozialen Umfeld die Frau? Schließlich ging der Junge weiter in die Grundschule, während seine Mutter ihn auch über Social-Media-Plattformen als schwer krank darstellte und Geld sammelte. Hier kommt der Mann ins Spiel, den angesichts des Falls noch heute die Gefühle überwältigen. Er ist mit der Schule vertraut, die das Kind besucht hat.
Zweieinhalb Jahre war der Junge dort. Bis sich Anfang 2024 das Jugendamt plötzlich mit der Botschaft meldete: Der Junge wird die Schule nicht mehr besuchen. „Die Frau von der Behörde hat noch gesagt, wir sollten uns keine Sorgen machen, der Junge sei gesund“, berichtet der Mann im Gespräch mit der F.A.Z., „da bin ich fast vom Stuhl gefallen.“
Die Mutter ist in der Schule „sehr freundlich und engagiert aufgetreten“
Zweieinhalb Jahre lebte die Schulgemeinde an jenem Tag schon in dem Glauben, ein sterbenskrankes Kind in ihren Reihen zu haben, das vielleicht die Grundschulzeit nicht überleben werde. Daraus sollte auch gar kein Geheimnis gemacht werden, sagt der Mann, dessen Name in diesem Artikel nicht genannt werden soll. Schließlich sei die Mutter mit der Geschichte selbst an die Öffentlichkeit gegangen. „Und sie ist bei uns in der Schule sehr freundlich und engagiert aufgetreten.“
Das Kind habe öfter krank ausgesehen, erinnert sich der Mann. „Es war nicht so, dass er jeden Tag quietschfidel über den Schulhof gelaufen wäre.“ Die Mutter habe auch Atteste vorgelegt. Die Schule habe deren Echtheit nicht angezweifelt. Vor diesem Hintergrund habe die Schule sich an Spendenläufen für den Jungen beteiligt und auch in anderer Form um Spenden für ihn gebeten. „Die Klassenteams haben sich sehr ins Zeug gelegt. Denn für uns war klar: Wir haben ein besonderes Kind, und mit ihm müssen wir sensibel arbeiten.“
Umso größer war der Schock, als die Lügengeschichte aufflog – durch Artikel in der Lokalpresse. In den Berichten hieß es im März 2024 unter Berufung auf die Polizei zunächst, die Eltern des Kleinen hätten sich die Geschichte ausgedacht, als der Junge fünf Jahre alt gewesen sei. In einem Video sei von einer seltenen Art von Hautkrebs die Rede gewesen, der gestreut habe. Angesichts dessen könne nur eine experimentelle und teure Therapie in Amerika dem Jungen helfen. Daraufhin seien erste Spenden eingegangen. Die nächste Botschaft lautete: Die Behandlung sei erfolgreich. In der Folge spendeten weitere Hilfswillige und überwiesen Geld in der Absicht, für die Übernachtungskosten und kleinere ärztliche Eingriffe aufzukommen.
Diese Spender stammen aus Mittelhessen, wie die „Gießener Allgemeine“ schrieb. Sie nannte unter anderem den Gießener Kultursommer, die Siegener Elterninitiative für krebskranke Kinder und das Deutsche Rote Kreuz als Spender. Gegen Ende des Jahres 2023 lief die nächste Spendenkampagne an mit der Aussage, das Kind sei wieder an Krebs erkrankt, dieses Mal handele es sich um Leukämie. Sie benötige bis Ende März 50.000 Euro, ließ die Familie wissen. Wieder ließen sich Menschen zu Spenden verleiten. Doch im Laufe der Kampagne meldeten sich Zeugen mit Zweifeln an der Geschichte.
Die Kinderärztin des Jungen brachte schließlich das Lügengebilde zum Einsturz. Nachdem sie über Social-Media-Kanäle von den Spendenaufrufen erfahren hatte, schaltete sie das Jugendamt ein. Die Behörde nahm den Jungen in Obhut, eine Sozialarbeiterin klärte ihn auf, er sei gar nicht krank. Staatsanwalt Kai Karges nennt die Höhe der in Rede stehenden ergaunerten Spendensumme und das „Tatbild“ sehr außergewöhnlich. Dergleichen habe er noch nicht erlebt.
Allein die Siegener Elterninitiative spendete rund 175.000 Euro, heißt es. Dafür wurden von der Mutter auch Rechnungen der behandelnden Klinik vorgelegt, wie ein Sprecher der Initiative sagte. Vor Gericht meinte der Vorsitzende des Vereins in Gießen nun: „Was für eine Sauerei.“ Dass die Mutter dem Kind eine schwere Krankheit eingeredet habe, berührte den Funktionär sichtlich. Nach seinen Schilderungen ließen sich auch hiesige Ärzte täuschen. Er habe angeblich aus den Vereinigten Staaten stammende medizinische Dokumente, die ihm von der Mutter überreicht wurden, ihm bekannten Medizinern vorgelegt. „Die haben gesagt, der Junge ist nicht krank, der ist schwerstkrank“, zitierte die Vereinsvorsitzende sie vor Gericht.
Schulvertreter wünscht sich „sinnvolles Urteil“ für Mutter
Skepsis kam eher im Umfeld der Familie des Jungen auf. Etwa bei einer Elternbeirätin aus dem Kindergarten des Bruders des angeblich kranken Jungen. Sie stutzte nach ihren Angaben angesichts der Aussage der Mutter des Jungen, sie komme mit einer Übereinstimmung von mehr als 95 Prozent als Spenderin für eine Stammzelltherapie infrage. Als Biologielehrerin wusste sie: Eltern haben in der Regel eine Übereinstimmung von 50 Prozent. Sie habe sich aber nicht getraut, ernste Zweifel an der Krankheit des Kindes zu äußern.
Der mit einem Teil der Grundschulzeit des Jungen vertraute Mann meint angesichts der Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft, die Geschichte um die erfundenen Krankheiten sei „wie ein Sechser im Lotto, nur negativ“. Er spricht von einer extremen Erfahrung. „Niemand, der an unserer Schule arbeitet, wäre auf die Idee gekommen, dass so etwas möglich ist.“
Der Prozess wird am 28. September am Gießener Landgericht fortgesetzt. Der Mann, der den Jungen, der heute bei seinem Vater lebt, von der Schule kennt, wünscht sich ein „sinnvolles Urteil“ zu dieser „absurden und schrecklichen Geschichte“.
