Als der neue Lehrling Krabat zum ersten Mal die Osternacht auf der gespenstischen Mühle in der Lausitz erlebt, nimmt ihn sein Freund Tonda mit. Die Knappen sollen jeweils in Paaren irgendwo draußen an einer Stelle übernachten, an der ein Mensch ums Leben gekommen ist. Tonda macht ein Feuer an, sie reden. Irgendwann wird er immer einsilbiger, dann reagiert er auf nichts mehr und sitzt wie erstarrt bei der Glut. Viel später erfährt Krabat, dass der Freund währenddessen aus seinem Körper hinausgegangen ist, unsichtbar, aber hellwach für alles, was ihn umgibt. Vor der Morgendämmerung kehrt Tonda in seinen Leib zurück. Krabat lernt das auch.
Wie soll man das nennen, was die Mühlknappen, zugleich Zauberlehrlinge, in Otfried Preußlers Roman „Krabat“ erleben? Mancher würde von Schamanismus sprechen und hätte gute Argumente dafür. Denn traditionell gehört zu den damit verknüpften Vorstellungen das zeitweilige Verlassen des Körpers, der leblos zurückbleibt, während sich der Schamane auf eine Reise begibt: Begleitet von Hilfsgeistern, versucht er, in anderen Welten Auskünfte darüber zu erhalten, wie etwa Probleme der Gemeinschaft zu lösen wären, der er angehört, oder Krankheiten einzelner Mitglieder zu heilen.
Wer der Meeresgöttin die Haare kämmt
Oder der Schamane sorgt für reiche Jagdbeute: Der Arktisforscher Knud Rasmussen berichtet von einer Erzählung der grönländischen Inuit, nach der ein Schamane auf einer solchen Reise in die Tiefen des Polarmeers gelangt sei, um der Meeresgöttin die Haare zu kämmen und sie günstig zu stimmen, damit es den Inuit künftig nicht an Robben und Fisch mangelt.
In Mannheims Reiss-Engelhorn-Museen findet nun eine Ausstellung statt, die sich dem Schamanentum widmet, eingegrenzt auf das immer noch ungeheure Gebiet Sibiriens, aber mit knappen Ausblicken auf andere Ethnien. Für diese Konzentration gibt es zwei Gründe: Einmal ist der Schamanismus durch Forschungsreisende in Nord- und Nordostasien früh und besonders gut dokumentiert, zum anderen verfügt die Mannheimer Sammlung über reiche ethnologische Bestände aus Sibirien, die aus dem Nachlass des Malers Gabriel von Max (1840 bis 1915) stammen. Der allergrößte Teil der jetzt gezeigten Exponate geht auf seine Sammlung zurück, aus der die Kuratoren wiederum Lebenszeugnisse dreier sibirischer Völker ausgewählt haben: der Tschuktschen im äußersten Nordosten, der südlich von ihnen am Pazifik lebenden Korjaken und der Nanai (oder Hezhen), die im Amur-Gebiet beiderseits der russisch-chinesischen Grenze zu Hause sind.
Wer hat ihnen nur das alte Gewehr verkauft?
Darauf stimmen schon vor dem Eingang zur Ausstellung drei gezeichnete Vertreter dieser Ethnien ein. Das weist noch auf den naheliegenden Befund hin, dass Schamanismus als Phänomen nicht unabhängig von der jeweiligen Kultur derer, die ihn praktizieren, gesehen werden kann und deshalb regional sehr unterschiedlich ausgeprägt ist.
So stehen hier die mit ausufernden Ornamenten manchmal bis in den letzten Winkel geschmückten Kleidungsstücke und Schuhe der Nanai neben etwas schlichterem Werkzeug der anderen, ein Mantel aus Fischhaut der Nanai neben einem aus Tierdarm der Tschuktschen, entstanden auf einer Insel in der Beringsee und offenbar durch Handel zu seinen letzten sibirischen Besitzern gekommen. Auch Jagdwaffen wie eine Vogelschleuder, eine Hermelinfalle oder gar ein irgendwie erworbenes und wenig vertrauenerweckendes Gewehr erzeugen Konturen eines Bildes vom Überleben unter sibirischen Bedingungen.
Die Vorstellung der drei Ethnien geschieht in einer ersten Abteilung der Ausstellung, die aber lediglich durch Stellwände mit breiten Durchlässen unterteilt ist. Alles gehört zusammen, die allgemeine Kultur und der Schamanismus im Speziellen, die Zeugnisse der sibirischen Ethnien und die anderer Völker, deren schamanistische Praktiken in einem letzten Teil der Schau in den Blick genommen werden, die Gegenstände aus dem 19. Jahrhundert, die Gabriel von Max ankaufte, und diejenigen, die sich dem Neoschamanismus unserer Zeit verdanken.
Die körperlose Reise
Tatsächlich zeugt die Ausstellung von einigem Kulturtransfer zwischen den Ethnien, etwa bei importierten Essstäbchen oder einem besonders schönen Exponat, einer Ledertasche der Nanai, die mit eingetauschter chinesischer Seide geschmückt ist. Ihre Farben sind verblichen, wie die vieler anderer Stücke, dafür geizen die Ausstellungsgestalter nicht mit Farbakzenten an den Wänden.
Was aber von alldem gehört spezifisch zum Schamanentum? Voraussetzung für die damit verbundenen Praktiken, allem voran die körperlose Reise, ist die Trance, in die sich der Schamane versetzt. Dafür stehen hier einige hinreißend schöne Trommeln, darunter ein Exemplar aus Nordnorwegen, aber auch ein Gürtel aus Leder und Eisenschellen wiederum der Nanai, der die Bewegungen seines Besitzers akustisch untermalt. Eine Geweihkappe aus bemaltem Leder war bis vor Kurzem noch in der Schamanin-Ausstellung in Halle zu sehen, ein anderes Exponat ist noch dort, eine von mehreren Holzfiguren, die für die Geister stehen, die eine solche körperlose Reise begleiten. Auch kleine Tierfiguren aus Holz oder Walfischknochen können diesem Zweck gedient haben.

Solche Helfergeister wurden durchaus gebraucht, etwa um Kinderseelen in ihren Körpern zu halten, mit denen sie, so die Vorstellung, anfangs nur lose verbunden sind – in Mannheim ist eine hölzerne Wiege zu sehen, die deshalb mit Amuletten versehen ist. Sich dieser Geister zu bedienen, war Teil der schamanistischen Ausbildung, die mit einer Initiation endete. Diese Laufbahn war kein Ergebnis einer persönlichen Entscheidung, sondern einer Berufung, der man sich nicht gut entziehen konnte.
Der sibirische Schamanismus war durch Christianisierung ebenso gefährdet wie später durch den Anspruch der Sowjetunion auf die Kontrolle aller Lebensbereiche, während er im Westen als Neoschamanismus seit den Sechzigerjahren blühte, sodass es inzwischen mancherorts zu einem Kulturtransfer in umgekehrter Richtung gekommen ist. Welchen Wandlungen der Schamanismus dadurch unterworfen ist: Auch davon erzählt die Mannheimer Ausstellung.
Schamanen Sibiriens – Zwischen den Welten. Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim; bis 27. Juni 2026. Der reichhaltige Katalog kostet 27 Euro.
