
Yasar Gür sieht sein Lokal als das „Eingangstor zur Frankfurter Innenstadt“. Der Fette Bulle ist das erste Restaurant an der Kaiserstraße, wenn man aus Richtung Hauptbahnhof kommt. Bis in den Winter hinein stehen dort Tische auf dem Bürgersteig. Gürs Gäste essen dort ihre Burger, „wenn sie nicht dabei gestört werden“, wie der Wirt einschränkt. Gür sucht nach Worten, er will niemanden in eine Ecke drängen, weder Junkies noch Bettler, das merkt man ihm an. Aber er sorgt sich um sein Restaurant.
„Früher haben Leute aus dem Zug heraus bei uns einen Tisch reserviert, sind danach weitergelaufen zum Shoppen in der Zeil“, sagt er. „Mittlerweile fahren die alle mit dem Zug weiter bis zur Hauptwache.“ Nur noch Messebesuchern und Pendlern, die im Bahnhofsviertel arbeiteten, sei es zu verdanken, dass überhaupt noch Geschäft möglich sei. „Frankfurter kommen doch derzeit erst gar nicht mehr ins Bahnhofsviertel“, sagt Gür.
Ihn persönlich belastet auch, dass er sich bis Mitternacht stets sorge, ob seine Mitarbeiter sicher nach Hause gekommen seien. Oft frage er das per Kurznachricht ab. Ein weiteres Restaurant direkt zwei Ecken weiter habe er bereits aufgegeben, weil die Zustände dort noch viel schlimmer gewesen seien. Sein Nachbar Kanwall Gill, Betreiber des Tandoori-Restaurants Eatdoori, berichtet davon, dass er oder sein Bruder immer im Lokal sein müssten, weil sie ihre Mitarbeiter ebenfalls nicht allein lassen wollten mit den Schwierigkeiten, die ständig entstehen könnten. „Eigentlich müsste ich zwölf Stunden hier sein und mein Bruder die anderen zwölf“, sagt er.
„Ordnung muss sein“
Gür wie Gill müssen sich seit einigen Wochen zudem noch mit weiteren Erschwernissen beschäftigen: Die Verwaltung habe die Regelungen der Sondernutzungssatzung auf einmal wieder schärfer sanktioniert, Mitarbeiter hätten bei Rundgängen auf Regelwidrigkeiten hingewiesen und Strafen angedroht. Strom- oder Gasversorgung im Außenbereich seien seither nicht mehr möglich, weil das Verlegen von Leitungen untersagt worden sei. Illumination und Heizpilze an kühleren Abenden seien nicht mehr möglich.
Zwischen Blumenkästen oder anderem Mobiliar, das zur Abgrenzung der Außenterrasse gegenüber unliebsamen Gästen aufgestellt worden sei, müsse nun wieder wegen angeblicher Sicherung von Rettungswegen Platz gelassen werden. Nachbarschaftliche Zustimmung, beispielsweise die eines angrenzenden Juweliers, um die Fläche vor seinem Geschäft nutzen zu können, reiche laut Gill plötzlich nicht mehr aus. „Dabei gilt ganz simpel: Je kleiner die Terrassen und die Außengastronomie insgesamt, umso mehr Platz ist für die falschen Leute“, sagt er. „Ordnung muss sein, das akzeptieren wir. Aber Ordnung darf nicht alles kaputt machen.“ Die Gastronomen nehmen für sich und insgesamt 240 Kollegen in Anspruch, dass sie allen Widrigkeiten zum Trotz normales Leben ins Bahnhofsviertel bringen und somit die vollständige Verelendung bremsen.
Pragmatische Lösungen für die letzten Sommerwochen
Oberbürgermeister Mike Josef ist am Freitag ins Bahnhofsviertel gekommen, um die Gemüter zu beruhigen und sich ein Bild von der Lage zu machen. „Ich will verstehen, was die Sondernutzungssatzung genau bedeutet“, sagt er bei der Begrüßung im Kultkiosk Yok Yok. Im Gefolge hat er drei Dezernenten. Josef sowie Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (beide SPD) auf der einen Seite sowie die CDU-Stadträte Yannick Schwander, unter anderem für Verkehr zuständig, und Ordnungsdezernent Martin-Benedikt Schäfer erwecken drei Wochen nach der Magistratsumbildung den Eindruck, dass sie mit einem schwarz-roten Dezernentenschulterschluss die Situation verbessern wollen. Josef verspricht, sich noch in dieser Woche für pragmatische Lösungen für die bevorstehenden letzten Wochen des Spätsommers einzusetzen und über den Winter die Satzung überarbeiten zu lassen.
„Wir müssen auch mal fünfe gerade sein lassen“, sagt er mehrfach in den anderthalb Stunden seines Rundgangs. Rettungswege seien natürlich nicht diskutabel, aber sonst müsse im Sinne der Gastronomen auch mal ein Auge zugedrückt werden, sagt auch Schwander. „Satzungen sind auch keine Naturgesetze, wir sollten immer wieder gemeinsam daran arbeiten“, sagt er. Zu wichtig sei die Gastronomie dafür, das Bahnhofsviertel zu beleben und auch eine gewisse soziale Kontrolle auszuüben.
Gastronomen gewährleisten soziale Kontrolle
Diese Rolle auszuüben, das nimmt Rahwa Bumba für sich und das Fünfsternehotel Lume mit dem Edellokal Le Petit Royal in Anspruch. „Wenn wir Hotelbetreiber und Gastronomen hier nicht mehr wären, dann ginge es dem Bahnhofsviertel noch viel schlimmer“, sagt die geschäftsführende Hoteldirektorin. Man merkt, mit welchem Enthusiasmus sie für ihre Sache kämpft, als sie auf dem Jürgen-Ponto-Platz den Politikern zeigt, wie sie die Außenterrasse ihres Lokals mit mobilen Blumenkübeln gegen Störer schützt. Auch vom Uringeruch, der beißend in der Luft hängt, lässt sie sich nicht demotivieren. „Wir versuchen alles, den Platz zu beleben, weil es um unsere Betriebe geht.“
Mit ähnlich viel Verve kämpft Ahmet Erisik nur eine Ecke weiter um sein Ristorante Bacco. „Ich habe hier ein wunderschönes Objekt gestaltet, mit meinem ganzen Herzblut“, sagt er. Er wolle sich deshalb nicht gefallen lassen, dass man mit sinnlosen Vorschriften sein Geschäft beeinträchtige.
Stadtoberhaupt Josef hört auch ihm geduldig zu und sagt, dass er nicht versprechen könne, alle Probleme der Gastronomen lösen zu können. Aber er sei sich mit seinen drei Magistratskollegen in ihrer jeweiligen Zuständigkeit einig, an Lösungen zu arbeiten. „Wir geben der Verwaltung Rückendeckung dafür, dass sie vielleicht auch mal im Sinne der Gastronomen ein Auge zudrückt“, sagt Josef. Im Gegenzug appelliert er an die Gastronomen, städtische Mitarbeiter nicht anzugehen, wenn sie ihrer Pflicht nachgingen. „Wir Politiker sind mit dickem Fell dafür da, dass Sie uns kritisieren und attackieren, wir können uns wehren. Die Verwaltung hat diese Mittel nicht“, sagt er. Josef spielt damit auf Proteste im Stadtplanungsamt am Vortag an, wo Mitarbeiter recht direkt und auch namentlich angegangen worden sind.
Der Protest ging von einer Initiative aus, die sich vornehmlich für die Mainzer Landstraße engagiert, Alt-Oberbürgermeister Peter Feldmann ist dort auch aktiv. Weitere Initiativen setzen sich derzeit für die Gastronomie vornehmlich im Bahnhofsviertel ein, sie heißen SOS Bahnhofsviertel oder Initiative Gastronomie Frankfurt, sie unterscheiden sich in der Schärfe ihrer Argumentation, fordern aber beispielsweise die Erlaubnis, die Außenterrassen der Betriebe auf den Bürgersteigen mit bis zu 1,20 Meter hohen Pflanzkübeln oder gar 1,60 Meter hohen Windschutzwänden abgrenzen zu dürfen, um ihre Gäste gegen Diebstahl oder Belästigung schützen zu können.
Planungsdezernent Gwechenberger präsentiert derweil bereits Konkretes: Er stellt ein Fünfpunkteprogramm vor, will mit einem Förderprogramm aus seinem Dezernat helfen. Dadurch soll durch gestalterische Möglichkeiten das Straßenbild verbessert werden. Auch das soll zur Entspannung der Lage beitragen.
