
Die Männer machen draußen ihr Ding, und die Frauen sitzen zu Hause und träumen. Nur ein Klischee? Nicht unbedingt. Da ist im neuen „Tatort“ aus Köln zum Beispiel Nina, die in der Pflege arbeitet, einen sechzehnjährigen Sohn hat und mit ihrem Mann nicht mehr glücklich ist. Was soll sie tun? Sie zieht sich etwas Bequemes an, öffnet eine Flasche Weißwein und legt eine CD mit Schlagern von Vicky Leandros auf.
Sie weiß, dass ihre Familie in Schwierigkeiten steckt, aber sie will es nicht wirklich wahrhaben. Und Katrin Wichmann als diese frustrierte und dennoch loyale Mutter zeigt den Schmerz in jedem Blick und die Sehnsucht nach Freiheit in jeder Geste. „Nein, sorg dich nicht um mich/Du weißt, ich liebe das Leben“ singt Vicky Leandros voller Begeisterung als eine Frau, die endlich wieder auf eigenen Beinen stehen will.
Die beschwipste Nina weint erst ein bisschen, dann lacht sie und tanzt. Es könnte peinlich sein, wäre Katrin Wichmann nicht so wahrhaftig in dem ganzen Kitsch und nicht so aufrecht in dem Morast aus Lügen, Gewalt und Zerstörung. Doch in diese kurze Szene der Selbstermächtigung platzen überraschend schwer bewaffnete Angehörige des SEK. Sie brechen die Tür auf, reißen Ninas Arme auf den Rücken, tasten sie nach Waffen ab. Die tapfer behauptete Illusion ist kaputt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Eine Welt mit wenig Farbe und keinerlei Charme
Das ist der schön nachvollziehbare Strang in dem Film „Die letzten Menschen von Köln“, dem 96. Fall der Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk. Hier prallen die Widersprüche heftig gegeneinander, und das in einer sehr beklemmenden Atmosphäre. Wesentliche Teile spielen sich nämlich in einem ehemaligen Bunker ab, den der amüsant diabolische Florian Stetter als Ninas Ehemann Moritz für Survival-Workshops mietet, die er für teures Geld anbietet.
Was genau da gelehrt wird, ist unklar, denn vorgeführt werden nach dem Drehbuch von Eva und Volker A. Zahn vor allem gruppendynamische Spannungen und wie Moritz eine Teilnehmerin bekämpft, die sich ihm nicht unterwerfen will. Zwar sind die Aufnahmen des Kameramanns Ralph Kaechele von harter, düsterer Prägnanz und schildern eine Welt mit wenig Farbe und keinerlei Charme, aber die Geschichte verliert sich irgendwo zwischen Familiendrama und Prepper-Paranoia. Parallel zum zwielichtigen Ambiente in der Kölner Unterwelt herrscht auch oben unheimliche Leere, weil in der Innenstadt eine Weltkriegsbombe entschärft wird und Stadtviertel evakuiert wurden.
Was das eine mit dem andere zu tun hat? Eine gute Frage, die bis zum Ende des Films in der ausgesprochen behäbigen Regie von Marcus Weiler nicht beantwortet wird. Allerdings gelingt es ihm, die inhaltliche Indifferenz durchaus spannend auszugestalten. Über allem schwebt latent die Frage, wie sich Menschen in Todesangst verhalten – werden sie solidarisch oder egoistisch? Teilen sie ihr Brot miteinander oder stechen sie zu? Warum wurde Moritz zum Survival-Krieger, der das Recht des Stärkeren vertritt? Weswegen dressiert er seinen Sohn genau nach dieser Ideologie? Und was hat die tierliebende Birgit der Ann-Kathrin Kramer auf ihrem Reiterhof damit zu tun?
Klaus J. Behrendt als Ballauf und Dietmar Bär als Schenk machen dazu altersweise-betrübte Gesichter und reichern ihren amtlichen Polizistenhabitus mit Achtsamkeit für die gequälten Frauen an, denen sie begegnen. Zu ihnen zählt auch Katharina Schüttler als Elara Schmidtke, die den Survival-Workshop bloß auf Wunsch ihres Bruders besucht, der inzwischen umgebracht wurde. Deshalb leidet sie nun allein neben ein paar durchgeknallten Preppern, die für die Situation nach einem Atombombenabwurf üben. Schließlich klärt eine Rückblende alles auf, und ein extrem vergrößertes Pferdeauge schaut uns traurig an.
Das Autorenehepaar Zahn hat viel gewollt, doch leider im Sperrgebiet aus Bedrohung und Untergang, Rache und Hass bald die erzählerische Orientierung verloren. Das jedoch lassen die eindringliche bildnerische Umsetzung und die fabelhaften Schauspieler immer wieder vergessen, die sich der Dystopie entschlossen an den Hals werfen, selbst wenn sie bei genauerem Hinsehen nur eine überkonstruierte Phantasmagorie ist. Dass ausgerechnet ein Schlager für den bleibenden Eindruck sorgt, ist dabei so lustig wie absurd.
