Anfang September setzte der Inspekteur der Marine, Jan Christian Kaack, eine geradezu überschwängliche Nachricht auf Instagram ab: „Mit dem erfolgreichen Schuss einer ballistischen Rakete gestern Nacht im Nordantlantik haben wir Marinegeschichte geschrieben. Ich bin hochzufrieden mit dieser Leistung.“ Das erprobte System, eine Kurzstreckenrakete mit dem Akronym Lora (für Long Range Attack), übersteige mit seiner Reichweite „alles, was die Deutsche Marine bislang gekannt“ habe.
Einerseits ist es Alltag in den Streitkräften, dass neue Waffensysteme erprobt werden, und beileibe nicht alle werden dann auch beschafft. Andererseits lassen Art und Tonfall des Posts doch auf schon recht weit gediehene Überlegungen schließen. Einen Probeschuss im Wert von mutmaßlich mehr als einer Million Euro macht man nicht aus der Hüfte. Daher hätte man gerne etwas mehr über taktischen Nutzen und strategischen Zweck einer solchen Beschaffung erfahren. Aber überraschenderweise blocken sowohl das Verteidigungsministerium, als auch die Marine Nachfragen mit dem Hinweis ab, der Admiral habe dazu alles gesagt.
Um Nuklearwaffen geht es nicht
Das deutet darauf hin, dass man das Projekt für heikel hält. Womöglich ist man gar über den Hussa-Ruf erschrocken. Obwohl es für die Bundeswehr nicht ein völliges Novum wäre, ballistische Raketen im Arsenal zu haben. In den Sechzigerjahren erhielt die deutsche Luftwaffe 79 Pershing-I-Kurzstreckenraketen. Allerdings ohne Gefechtsköpfe, denn die blieben im Rahmen der nuklearen Teilhabe in der Obhut der amerikanischen damaligen Besatzungsmacht. Jedenfalls hatte die Bundeswehr noch keine solche Waffe wie Lora in ihrem Arsenal.
Um Nuklearwaffen geht es jetzt nicht. Es geht um die Fähigkeit zu präzisen Luftschlägen mit konventionellen Waffen, aber weit hinter der Front. Im angelsächsischen Militärjargon heißen sie Deep Precision Strikes, DPS. Der russische Krieg gegen die Ukraine – und inzwischen auch die Gegenwehr des Angriffsopfers – haben gelehrt, wie aktuell dieses Thema ist.
Bislang hat die Bundeswehr nur eine Waffe mit dieser Fähigkeit, den Taurus. Das ist jener Marschflugkörper, den die Ukraine gerne bekommen hätte, aber nach langem Hinhalten durch selbst entwickelte Waffen ersetzt hat. Der Taurus ist luftgestützt, wird also von Kampfflugzeugen aus gestartet und hat eine Reichweite von bis zu 600 Kilometern.

Beschafft wurde er für Einsatzszenarien, wie sie seit den Neunzigerjahren vordringlich erschienen: Bekämpfung von Punktzielen, etwa Terroristenkommandozentralen, die fest verbunkert sein können, aber nicht in Staaten mit hochentwickelter Luftabwehr liegen. Für solche Szenarien mochte auch die ursprünglich angeschaffte Stückzahl von 600 genügen.
Politisch eine glatte Kehrtwende
Die Zeitenwende stellt andere Anforderungen. Deshalb ist längst geplant, dem Taurus weitere Systeme mit DPS-Fähigkeit zur Seite zu stellen. Das ist auch nicht geheim. In der 2023 verabschiedeten nationalen Sicherheitsstrategie heißt es: „Die Bundesregierung wird die Entwicklung und Einführung von Zukunftsfähigkeiten wie abstandsfähige Präzisionswaffen befördern.“
Auch im Koalitionsvertrag von Union und SPD findet sich dazu ein Hinweis. Von „Zukunftstechnologien für die Bundeswehr“ ist dort die Rede, beispielsweise „Hyperschallsysteme“. Das sind Gefechtsflugkörper, die mit einer ballistischen Rakete in den Weltraum geschossen, dort aber ausgeklinkt werden, um innerhalb der Erdatmosphäre mit sehr hoher Geschwindigkeit (mindestens fünffache Schallgeschwindigkeit) und sehr hoher Manövrierfähigkeit gezielt ins Ziel zu gleiten.
Politisch ist das eine glatte Kehrtwende. Noch im Koalitionsvertrag der Ampel – vor dem russischen Überfall auf die Ukraine ausgehandelt – wurde vor Hyperschallwaffen gewarnt und nach Strategien gesucht, sie einzuhegen.
Der „Topspeed“ ballistischer Raketen
Noch etwas anderes ist die getestete Rakete Lora. Jonas Schneider von der Stiftung Wissenschaft und Politik bezeichnet sie als ein „sehr potentes Waffensystem“, das seit 2006 in den israelischen Streitkräften einsatzbereit sei. Es sei auch schon im Gefecht eingesetzt worden: Von den Israelis 2018 gegen Hizbullah-Ziele in Syrien sowie 2024 gegen Iran, um eine Stellung mit dem russischen Luftabwehrsystem S-300 auszuschalten. Auch Griechenland habe es erworben, sowie Aserbaidschan, das es in seinem Krieg um Berg-Karabach gegen Armenien eingesetzt habe. Die Reichweite werde von israelischer Seite mit 250 bis 430 Kilometern angegeben, je nach Gewicht des Sprengkopfes. Von deutscher Seite sei nun die Angabe 500 Kilometer zu finden.
Je größer die Reichweite ballistischer Raketen, desto höher ihr „Topspeed“. Interkontinentalraketen können über Mach 22 (22-fache Schallgeschwindigkeit) erreichen, Mittelstreckenraketen (mehr als 1000 Kilometer Reichweite) teilweise mehr als Mach 11, Kurzstreckenraketen wie Lora Mach 5. Die hohe Geschwindigkeit erschwert es, diese Systeme abzuwehren; ebenso die Manövrierfähigkeit. Marschflugkörper wie der Taurus, dessen Höchstgeschwindigkeit knapp unter der Schallgrenze von 1235 Stundenkilometern liegt, können zwar „unter“ dem Bodenradar fliegen; sind sie aber einmal entdeckt, können sie leichter abgeschossen werden.
Die hohe Geschwindigkeit ist außerdem wichtig, wenn es darum geht, ein „zeitkritisches“, etwa bewegliches Ziel anzugreifen. Dafür braucht man nicht unbedingt einen bunkerbrechenden Gefechtskopf, wie ihn der Taurus hat. „Wenn man auf 500 Kilometer Entfernung in zehn Minuten wirken kann, ist das etwas, was ein üblicher Marschflugkörper nicht bieten kann. Die brauchen fünfmal so lang“, sagt Schneider.
Eine „Familie“ unterschiedlicher weitreichender Systeme
Lora wurde ursprünglich von speziellen Startfahrzeugen abgeschossen. Inzwischen gibt es auch die luftgestützte Version (eingesetzt von den Israelis gegen iranische S-300) sowie Starteinheiten und Steuerungssektion in Containern, die wie handelsübliche Frachtbehälter aussehen. Die können auf eine Fregatte oder auch auf ein einfaches Frachtschiff gestellt werden. Vor allem hat diese israelische Rakete den Charme, dass sie ausgereift und marktverfügbar ist. Sie oder vergleichbare Waffen, die auf dem Markt sind, könnten die zeitliche Lücke füllen, bis die von der Bundeswehr geplanten Entwicklungen weitreichender Präzisionswaffen abgeschlossen sind.
Auch unter dem Eindruck drohender amerikanischer Unzuverlässigkeit unter einem Präsidenten Trump haben Deutschland und Großbritannien im Herbst 2024 im Trinity-House-Abkommen schon vor der Präsidentenwahl in den USA die Absicht vereinbart, bei DPS-Systemen zusammenzuarbeiten. Schneider weist darauf hin, dass die Briten, nicht jedoch die Deutschen, nach einem Treffen der Rüstungsstaatssekretäre im April dieses Jahres mitgeteilt haben, man habe ein Programm zur gemeinsamen Entwicklung einer ganzen „Familie“ von Hyperschallwaffen und Marschflugkörpern beschlossen. Inoffiziell sei die Rede von Hyperschallgleitern.

Zur Entwicklung von DPS-Waffen gibt es überdies das Projekt Elsa, an dem rund ein halbes Dutzend europäischer Länder beteiligt ist. Die Bundeswehr ordnet die Entwicklung eines europäischen Hyperschallflugkörpers in diesen Zusammenhang ein.
Der Erwerb einer Hyperschallwaffe zählt zum Bemühen, das DPS-Arsenal zu erweitern und vielfältiger zu machen. Schneider verweist darauf, dass sich Marschflugkörper und ballistische Systeme gut ergänzten, auch weil sich ein Gegner bei seiner eigenen Luftverteidigung nicht nur auf ein mögliches Angriffsprofil einstellen könne. Daher wird auch bei Marschflugkörpern nachgerüstet.
Laut Schneider sollen von den ursprünglich beschafften 600 Taurus-Marschflugkörpern nur die Hälfte einsatzbereit sein, die übrigen würden derzeit ertüchtigt. Ab 2029 soll zudem eine modernisierte Version mit größerer Reichweite (Taurus Neo) hinzukommen. Die NATO-Partner Norwegen und Deutschland lassen darüber hinaus einen Seezielflugkörper mit doppelter oder dreifacher Schallgeschwindigkeit namens Tyrfing entwickeln, der eine Reichweite bis zu tausend Kilometern haben soll. Für einen Marschflugkörper wäre das eine außerordentlich hohe Geschwindigkeit. All diese neuen Entwicklungen brauchen aber Zeit.
Mehr Unabhängigkeit von den USA als Lieferant
Nach der Beschaffung amerikanischer F-35 Tarnkappenkampfflugzeuge, von denen Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) das erste auf einer USA-Reise diese Woche in Augenschein nehmen will, sind 2025 und 2026 auch Verträge zum Kauf des luftgestützten Marschflugkörpers Joint Strike Missile abgeschlossen worden. Diese Systeme aus norwegisch-amerikanischer Produktion mit einer Reichweite ähnlich der des Taurus sollen frühestens ab Ende dieses Jahres zur Verfügung stehen, allerdings in geringer Stückzahl.
Weiterhin geplant ist der Kauf von amerikanischen Tomahawk-Marschflugkörpern, die mit 1600 Kilometern eine große Reichweite haben und in vielfältigen Einsätzen erprobt sind. Allerdings haben die USA in ihrem Luftfeldzug gegen Iran einen beträchtlichen Teil ihres eigenen Arsenals verschossen und haben vorerst einen hohen Nachrüstungsbedarf. Die Lieferung an andere Streitkräfte könnte dadurch mindestens verzögert werden.

Daher hat die Meldung dieser Tage aufhorchen lassen, dass das amerikanische Unternehmen Covenant in Deutschland, nämlich in Leipzig, eine Fabrik zur Produktion von Marschflugkörpern aufmachen will. Die Waffe namens Anthem soll einen Gefechtskopf von 200 Kilogramm tragen können und bis zu 1500 Kilometer weit reichen. Laut israelischen Medien werde die Entwicklung durch israelische Technik und Fachleute unterstützt.
Die Jahresproduktion soll zunächst 1000 Stück betragen, so teilte das Unternehmen selbst mit, und dann auf 5000 Stück hochgefahren werden. Sie sei für europäische Kunden bestimmt – wen genau, das wurde nicht mitgeteilt. Der Gedanke liegt nahe, dass Deutschland dazu zählt, doch gibt es dazu keine offizielle Auskunft.
Für den Schutz des eigenen Luftraums
Kurz nach dem Teststart der Lora-Rakete durch die Deutsche Marine, aber ohne ausdrücklichen Bezug darauf, hat die Bundeswehr einen aktualisierten Text veröffentlicht, der den Zweck solcher weitreichenden Waffen erläutert. Als potentielle Ziele werden darin Gefechtsstände, Flugplätze, logistische Knotenpunkte oder Waffenfabriken im Hinterland eines Kriegsgegners genannt. Zugleich wird der Verteidigungsauftrag der Bundeswehr und die Funktion von DPS im Rahmen der Abschreckung betont: Einem Aggressor müsse glaubwürdig angedroht werden, dass er „bei einem Angriff unverhältnismäßig hohe Verluste erleiden würde. Gelingt dies, sieht der Gegner von einem Angriff ab und ein Krieg kann verhindert werden.“
Doch wird auch darauf verwiesen, in den gegenwärtigen Konflikten zeige sich, dass der eigene Luftraum nicht allein durch Luftverteidigungssysteme verteidigt werden könne. Drohnen und einfache Raketen seien deutlich billiger und leichter zu produzieren als komplexe Abwehr-Flugkörper, die folglich durch schiere Masse überfordert werden können. „Deshalb müssen in solchen Fällen die Ausgangspunkte der Angriffe, beispielsweise Flugfelder oder Produktionshallen, vernichtet werden, um den Schutz des eigenen Luftraums sicherzustellen.“
In der Militärtheorie heißt dieses Abschreckungskonzept „Deterrence by Denial“: Einem Angreifer wird vermittelt, dass eine Attacke keinen Erfolg haben werde. Daneben gibt es das Konzept „Deterrence by Punishment“: Einem Angreifer werden sehr schwerwiegende Schäden angedroht. Das gibt es in der Literatur, aber nicht in den Konzepten und der Kommunikation der Bundeswehr. Vielleicht auch, weil das Assoziationen mit den im Dritten Reich entwickelten Raketen erzeugen könnte, von der Goebbels-Propaganda „Vergeltungswaffen“ V1 und V2 genannt. Es ist halt ein heikles Thema.
