Was Meta in den USA einführt, dürften sich viele auch für Deutschland wünschen. Dort hat der Konzern hinter Instagram und Facebook angekündigt, ein Zeitlimit für minderjährige Nutzer einzuführen und ihnen während der Schul- und Schlafenszeit keine Push-Benachrichtigungen mehr zu schicken. Nicht aus Nächstenliebe, sondern als Bestandteil eines Vergleichs, der ein möglicherweise teures Gerichtsurteil abwendet. Diese Maßnahmen werden jedoch nur in den Vereinigten Staaten gelten. In Deutschland bleiben die Social-Media-Plattformen vorerst, wie sie waren.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Zwar hat die Europäische Kommission kürzlich einen Elfpunkteplan vorgelegt, der die Plattformen regulieren soll. Nach dem Entwurf sollen die Anbieter auf suchtfördernde Mechanismen wie das endlose Scrollen bei Jugendlichen verzichten. Vor allem plant die Kommission Alterskontrollen und weitere Einschränkungen auf den Plattformen für Jugendliche bis 15 Jahre. Aber bis daraus – wenn überhaupt – ein Gesetz wird, dürfte noch einige Zeit vergehen.
Es muss glücklicherweise keiner darauf warten, bis der Entwurf durch den langen Gesetzgebungsprozess gewandert ist. Es gibt längst ein breites Angebot von Digital-Detox-Produkten. Sie sollen dabei helfen, weniger Zeit vor dem Handybildschirm zu verbringen. Die Palette reicht von Apps, die Zeitlimits setzen, bis zu Produkten, mit denen sich einzelne Plattformen sperren und entsperren lassen. Manches davon ist gratis, anderes kostet Geld.
Etwas Grundsätzliches vorab: Das Smartphone selbst ist nicht das Problem. „Der Alkoholiker ist schließlich nicht abhängig von Flaschen“, sagt Christian Montag, der Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität Macau in China ist. Zuvor arbeitete er über zehn Jahre an der Universität Ulm und schrieb mehrere Bücher über die neurologischen Auswirkungen von Smartphones und sozialen Medien.
Schädlich ist nach der Analyse des Experten – wie beim Schnaps der darin enthaltene Alkohol – das Design der Plattformen. Diese sind darauf ausgelegt, dass die Nutzer möglichst viel Zeit damit verbringen. Es funktioniert unter anderem, indem das Gehirn immer wieder Dopamin ausschüttet, wenn der Nutzer Inhalte sieht, die ihm gefallen, und er in der Erwartung der nächsten Ausschüttung weiterwischt. Genau diese Wirkung versuchen die verschiedenen Produkte und Strategien zu brechen.
„Gelegenheit macht Diebe“, sagt Montag. Es könne deshalb schon helfen, die potenziellen Griffe zum Smartphone im Laufe des Tages zu reduzieren. Ein typischer Fall ist die Frage nach der Uhrzeit. Wer dafür aufs Handy schaut, läuft Gefahr, auch noch auf Instagram vorbeizuschauen – und dort zu versinken. Eine Armbanduhr und ein Wecker im Schlafzimmer können dieses Risiko senken.
Ein grauer Bildschirm lockt schon viel weniger
Eine weitere kostenlose Strategie ist es, Social-Media-Apps nicht auf dem Handy zu installieren, sondern auf dem Laptop. Dann ist der Konsum an einen festen Ort gekoppelt, man kann nicht mehr überall die Timeline rauf- und runter-scrollen. Ganz ohne zusätzliche App funktioniert auch das sogenannte Grayscaling. Dafür stellt man das Handy schlicht auf Schwarz-Weiß. Je nach Fabrikat muss man ein wenig suchen, die Farbfilter-Funktion ist in den iPhone-Einstellungen etwa unter den „Bedienungshilfen“ im Unterordner „Anzeige & Textgröße“ versteckt. Nach einer Studie der Universität Amsterdam sinkt die Bildschirmzeit um 20 Minuten am Tag, wenn der Handybildschirm keine bunten Farben mehr zeigt. „Es macht das Erlebnis auf der Plattform sehr unattraktiv“, sagt Christian Montag. Allerdings zeigt die Studie aus Amsterdam auch, dass die durchschnittliche Anzahl der App-Aktivierungen dadurch nicht abnimmt.
Wer auf die Farbenpracht nicht verzichten möchte, kann den Social-Media-Konsum womöglich mit digitalen Helfern einhegen. Beispielsweise gibt es Apps wie Freedom, mit der die Nutzer eine maximale Zeitspanne für verschiedene Plattformen einstellen können. Ist die Zeit aufgebraucht, können sie sich dort nicht mehr einloggen.
Einen anderen Weg geht Onesec. Das Programm erzwingt eine kurze Wartepause von standardmäßig wenigen Sekunden, bevor eine App sich öffnet. Anschließend stellt sie dem Nutzer auch noch die Frage, ob er wirklich die folgende App nutzen möchte. „Damit versucht das Produkt, die Gewohnheiten zu durchbrechen und auszubremsen“, sagt Montag.
Onesec geht sogar noch weiter und entpuppt sich als ein virtueller pädagogischer Wächter. Die Kunden können sich beispielsweise für ihre Apps verschiedene Zeitspannen festlegen, bis Onesec eingreift. Nach längerem Scrollen durch die endlose Flut an Instagram-Videos fragt Onesec irgendwann etwa: „Brauchst du noch Instagram?“ Entweder man schließt dann die App. Oder man durchläuft eine sogenannte Intervention, um danach wieder scrollen zu können. Das kann eine Atemübung sein, ein Quiz – oder die App fragt nach, warum man denn noch mehr Instagram braucht, was es im Chat mit der App zu beantworten gilt.
Onesec verspricht, auf diese Weise die dauerhaften Dopamin-Ausschüttungen zu unterbrechen und dadurch den Kunden mehr Kontrolle über ihr Verhalten zurückzugeben. Für eine App sind die Sperrfunktion und die Atemübungen kostenlos; für mehrere Plattformen und diverse weitere Interventionen sind mindestens vier Euro im Monat zu bezahlen.
Ein kleines graues Kästchen gegen die Social-Media-Sucht
Wer Zweifel hat, dass ausgerechnet eine Handy-App gegen zu viel Handyzeit helfen wird, findet ein kleines graues Kästchen vielleicht effektiver. Die Firma Brick hat ein solches Kästchen für rund 60 Euro im Sortiment. Hat man die dazugehörige Software installiert und damit die Apps und Internetseiten gesperrt, die man sperren möchte, muss man zum Entsperren dieses Kästchen zuerst mit dem Handy berühren. Damit die Sache möglichst gut wirkt, bewahrt man das Kästchen schlecht zugänglich im Keller oder auf dem Dachboden auf.
Ähnlich funktioniert Foqos. Hier können sich die Kunden entscheiden, wie ihr analoger Schlüssel aussieht. Entweder sie kaufen sich einen kleinen Mikrochip, der Daten speichern kann und zum Entsperren angefunkt werden muss. So ein „NFC-Tag“ kostet nur ein paar Euro. Oder man lässt einen QR-Code erstellen, den man scannen muss, um vorher festgelegte Apps freizuschalten oder zu sperren. Die Foqos-App selbst ist kostenlos.
Manche werden alle zehn Minuten zu ihrem kleinen grauen Kästchen oder ihrem NFC-Tag laufen, um ihr Smartphone zu entsperren. Für sie gibt es härtere Mittel. Sogenannte Handysafes gibt es bereits für weniger als 30 Euro. Das sind Boxen, in die der Smartphone-Besitzer sein Gerät wegschließen kann. Dann kann er den Safe für eine gewisse Zeit sperren lassen und erst nach Ablauf wieder öffnen.
Der Nachteil: Wer zwischendrin doch einmal dringend telefonieren muss, kommt an das Gerät nicht dran.
Die radikale Lösung ist der Handysafe
Alle diese Digital-Detox-Produkte und mehr oder weniger ausgeklügelten Zeitbeschränkungsstrategien versuchen entweder, die Gewohnheiten der Nutzer zu durchbrechen oder das Handy vorübergehend aus ihrer Reichweite zu bringen. Die Plattformen halten nach Kräften dagegen, zum Beispiel mit „Push-Benachrichtigungen“, die zum unablässigen Scrollen verführen. Auch diese lassen sich übrigens ausschalten.
Reicht es dann nicht, schlicht an die Disziplin und Selbstverantwortung der Nutzer zu erinnern? Für Instagram stellt der Meta-Konzern sogar selbst eine Funktion bereit, mit der sich ein freiwilliges Zeitlimit einstellen lässt. Der Social-Media-Forscher sieht darin eine ungute Verschiebung der Verantwortung von der Industrie hin zu den Verbrauchern. Das lenke vom eigentlichen Übel des Plattformdesigns ab und lege zu viel Gewicht auf private Digital-Detox-Maßnahmen. „Wir müssen an den Maschinenraum der Apps rangehen“, fordert der Wissenschaftler.
Dazu noch eine Einsicht aus einer Studie der Universität Ulm. Junge Menschen, die maximal eine Stunde am Tag auf Social-Media-Plattformen verbringen, fühlen sich demnach besser im Vergleich zu der Zeit, in der sie sich kein Zeitlimit setzten, und wahrscheinlich über eine Stunde lang scrollten. Sie berichten nun von einem geringeren Stresslevel und weniger Schlafstörungen.
Die Netzwerke sind also offenbar nicht an und für sich schädlich. Es kommt auf die Dosis an. Nur machen sie es den Nutzern schwierig, nach einer Stunde genug von ihnen zu haben. Das dient dem Geschäft. Schließlich ist die Zeit, die von den Nutzern auf den Plattformen verbracht wird, neben den dabei preisgegebenen Daten das wichtigste Gut, mit dem die Betreiberkonzerne ihr Geld verdienen. Entsprechend wenig realistisch ist es, dass sie freiwillig ihre Algorithmen offenlegen und somit ihren Maschinenraum öffnen, wie es sich Wissenschaftler wünschen mögen.
So gesehen, wirken Digital-Detox-Strategien wie Erste-Hilfe-Maßnahmen zur Einschränkung der Bildschirmzeit bis Maßnahmen auf EU-Ebene greifen. Eine letzte sei hier noch erwähnt. Früher gab es Tastenhandys ohne Internetverbindung, da kümmerte sich noch niemand um die Bildschirmzeit. Findige Hersteller bieten heute wieder etwas Ähnliches an. Das „Lightphone“ zum Beispiel, mit dem man Musik abspielen und Online-Karten nutzen, aber nicht auf Social Media und Spiele zugreifen kann. Ein Smartphone also, das für 900 Euro weniger anbietet als jedes andere moderne Handy. Manchmal ist weniger eben mehr.
