
Es ist noch keine Woche her, da äußerten die Bosse der großen KI-Unternehmen Sorgen, Künstliche Intelligenz könne die Menschheit auslöschen. Da mutet es banal an, gleich wieder zum Tagesgeschäft überzugehen. Aber Anleger ticken so. Erst gehen die Kurse etwas zurück. Und dann, ein paar Tage später, scheint alles wieder vergessen.
Vielleicht ist es aber auch ein gutes Zeichen, dass die Märkte das nicht ganz so wörtlich genommen haben. Stattdessen sorgen sich Investoren eher um die Inflation und die Wirtschaftslage. Nachdem sowohl die EZB als auch die Fed mit ihren jüngsten Leitzinserhöhungen die steigende Inflation adressiert haben, rücke nun der Konjunkturtrend wieder in den Fokus, schreibt Robert Greil, Chefstratege bei der Privatbank Merck Finck. „Zahlreiche Frühindikatoren werden nächste Woche zeigen, wie stabil der Wachstumstrend diesseits wie jenseits des Atlantiks derzeit wirklich ist.“
Die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für Europa inklusive Deutschland wie auch für die USA und Japan werden kommende Woche am Donnerstag veröffentlicht. Hinzu kommen in Deutschland ebenfalls am Donnerstag das ifo-Geschäftsklima sowie am Freitag das GfK-Verbrauchervertrauen.
„Ich rechne sowohl bei den Einkaufsmanagerumfragen als auch beim Verbrauchervertrauen mit energiepreisbedingt leichten Rückgängen“, so Greil. Noch sehe es aber eher nach einer kleinen Konjunkturdelle aus. Aber je länger die Energiepreise aufgrund des anhaltenden Irankriegs hoch blieben, desto größer sei das Risiko für einen stärkeren Konjunkturdämpfer, warnt der Stratege. Der Ölpreis stieg zuletzt wieder deutlich an, was alle Fahrer von Autos mit Verbrennermotor hierzulande schmerzlich an den Preisschildern an Tankstellen merkten. Zum Teil kostete der Liter Benzin fast drei Euro – ein Rekord.
DWS: Weltwirtschaft hat Energiepreisschock erstaunlich gut verkraftet
Vincenzo Vedda, Chefanlagestratege der DWS, findet: „Die Weltwirtschaft hat den durch den Irankonflikt ausgelösten Energiepreisschock erstaunlich gut verkraftet.“ Er rechnet mit weiterem Wachstum. Allerdings zeichne sich zunehmend eine Zweiteilung der wirtschaftlichen Dynamik ab. Einerseits blieben Investitionen in KI ein zentraler Wachstumstreiber für die USA und stützten die Unternehmensgewinne. Andererseits gebe es auch Bereiche mit deutlichen Bremsspuren.
Die Dynamik beim Konsum, im Wohnungsmarkt und auch in Teilen des Arbeitsmarktes sei rückläufig. Und auch beim Thema KI sei Realismus gefragt. „Das Wachstum der Investitionen dürfte allmählich seinen Höhepunkt erreichen“, erwartet Vedda. Ob die Erfolgsgeschichte so fortgeschrieben werden kann, hänge maßgeblich davon ab, ob die enorm hohen Investitionen zu einer entsprechenden Monetarisierung und zu Produktivitätsgewinnen führen.
Positiv bewertet er, dass sich das Gewinnwachstum in den USA zuletzt deutlich auf mehr Unternehmen verteilt habe und nicht mehr ganz so stark auf die „Glorreichen Sieben“ – die Technologiekonzerne Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Nvidia, Meta Platforms, Tesla – beschränkt gewesen sei.
Anleiherenditen im Fokus
Damit sich diese positiven Erwartungen realisieren, müssen laut Vedda allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein: Die Straße von Hormus muss zumindest teilweise geöffnet bleiben, die Industrieländer müssen nahe an ihrem Potential expandieren und eine Rezession vermeiden. Zudem komme dem künftigen Zinsniveau eine wichtige Rolle zu. „Wir gehen davon aus, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen unter fünf Prozent bleiben wird“, so Vedda. Ansonsten könnte der Stressfaktor an den Aktienmärkten steigen.
Global waren die Renditen von Staatsanleihen Ende August stark gestiegen. Wenn Länder mehr finanzielle Mittel brauchen, emittieren sie Anleihen und leihen sich somit Geld von Investoren. Diese wiederum verlangen einen höheren Zins, je höher sie das Rückzahlungsrisiko durch den emittierenden Staat einschätzen.
Zum Ausklang der Börsenwoche herrschte am Freitag eine bessere Stimmung. Der Dax gab zwar leicht nach. Auf Wochensicht stand aber bis zum Mittag ein Plus von 0,5 Prozent zu Buche. Auch der S&P 500 legte vorbörslich in den USA leicht zu.
Grund dafür sind laut Jochen Stanzl, Chefmarktanalyst der Consorsbank, neue Zuversicht hinsichtlich der Entwicklung der Nachfrage nach Künstlicher Intelligenz und nachgebende Ölpreise. Die Worte von Dario Amodei, Chef des KI-Unternehmens Anthropic, man müsse das Tempo verlangsamen, mit dem „wir KI-Modelle verbessern“, waren offenbar schnell wieder vergessen.
