
Wer in der Lidl-Filiale in Edermünde südlich von Kassel einkaufen geht, kann dort Zeuge eines innovativen Projekts werden. Denn einen Teil der Waren liefert ein Elektrolastwagen mit autonomer Fahrfunktion. Der Lkw hat kein Führerhäuschen und fährt von allein. Sein kurzer Weg vom Logistikzentrum in die nahe gelegene Filiale führt über eine öffentliche Straße. Lidl setzt damit nach eigenen Angaben als erster Einzelhändler einen kabinenlosen und autonomen Elektrolastwagen in festgelegten Bereichen zur Filialbelieferung im Realbetrieb auf öffentlichen Straßen in Deutschland ein.
Der Discounterbetreiber kooperiert bei dem auf vier Monate angelegten Projekt nicht etwa mit einem namhaften Lastwagenhersteller aus der deutschen Autoindustrie. Partner ist stattdessen das schwedische Technologieunternehmen Einride, das an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq notiert. An der Frankfurter Börse schoss der Kurs der Offshore-Papiere von Einride am Mittwoch rund 20 Prozent nach oben. Der Mittwochshandel mit den Originalaktien an der Wall Street hatte da noch nicht begonnen.
Einride feiert das Projekt mit Lidl in einer Pressemitteilung als internationalen Meilenstein für das autonome Fahren. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) habe grünes Licht für die autonomen Lastwagenlieferungen in Edermünde gegeben und zum ersten Mal eine Genehmigung dieser Art erteilt. Das Fahrzeug hat Platz für bis zu 15 Europaletten und kann bis zu dreimal am Tag liefern. Es kann die Lieferungen im Trockensortiment auf der Route komplett abdecken und während des viermonatigen Projektzeitraums bis zu 3000 Paletten bewegen.
Die Lidl-Filiale in Edermünde befindet sich direkt neben einem Lidl-Logistikzentrum. Der autonome Lkw fährt daher nur eine sehr kurze Strecke. Trotzdem ist die Miniroute technologisch anspruchsvoll. „Die Herausforderung unseres Projekts liegt in den Fahr- und Rangiermanövern im Realbetrieb und in der reibungslosen Integration in unsere operativen Logistikprozesse“, sagt ein Lidl-Sprecher der F.A.Z. So biege der Lkw völlig eigenständig ab, wenn er das Gelände des Verteilzentrums verlasse und auf die öffentliche Straße fahre. Ebenso steuere er autonom das Abbiegen von der Straße auf das Gelände der Filiale. Dabei überquere das Fahrzeug den Parkplatz vor der Lidl-Filiale und navigiere bis zur Rampe, an der es entladen werde. Einride hat ein Video der Belieferung auf der Plattform Linkedin geteilt.
Ist das Lidl-Projekt ein Mittel gegen den chronischen Mangel an Lastwagenfahrern? Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr, sieht das Lidl-Vorhaben als wegweisend. Autonomes und emissionsfreies Fahren sei keine Zukunftsmusik mehr, sondern werde auf unseren Straßen Realität. „Dass Lidl und Einride diesen Schritt jetzt gehen, unterstreicht die Innovationskraft moderner Logistik und die des Standortes Deutschland, der auch vom Mobility Data Space unterstützt wurde“, sagte Hirte laut der Lidl-Mitteilung. Der Mobility Data Space ist eine öffentlich geförderte Plattform für den Handel mit Mobilitätsdaten.
