
Seit kurz nach seiner Gründung im Jahr 1855 führt der „Daily Telegraph“ ein Emblem mit einem beflügelten Telegraphenzeiger, dessen Zifferblatt die Worte, „Was“, „Is“ und „Will be“ trägt – „War, Ist und Wird Sein“. Der auf „Will“ gerichtete Zeiger hebt ebenso wie die Telegraphenmaste und Leitungen des damals gerade erfundenen „Internets des 19. Jahrhunderts“ die Zukunftsorientierung des in Vergangenheit und Gegenwart verankerten Blattes hervor.
Unter dem Symbol für Modernität und Geschwindigkeit ist ein Buch mit dem Zeitungsnamen aufgeschlagen. Daraus sprießen die emblematischen Blumen der vier Teile des Vereinigten Königreichs. Sie bekräftigen die Identität des Traditionsblatts, dessen Innovationsbereitschaft im Widerspruch zum altmodisch-konservativen Image steht. Es wird leicht vergessen, dass der „Electronic Telegraph“ 1994 die erste digitale Tageszeitung in Europa war.
Gegengewicht zur linksliberalen Meinungslandschaft
Seit dem Abschluss der Übernahme durch den Springer Verlag Ende Juni ist diese hochgradig britische Marke nun in deutscher Hand. Im Rahmen seiner Strategie, „führender Anbieter von digitalem und KI-unterstützten Journalismus in der freien Welt“ zu werden, strebt der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner eine stufenweise Globalisierung des „Telegraph“ an. Durch die Erschließung des amerikanischen und breiteren englischsprachigen Markts soll der konservative Titel im Kampf um die westlichen Werte ein Gegengewicht zur linksliberalen Meinungslandschaft setzen.
Zum Ende der Sommerpause lud Döpfner jetzt mit der neuen, von der „Bild“-Gruppe gewechselten Geschäftsführerin Carolin Hulshoff Pol und dem „Telegraph“-Chefredakteur Chris Evans zur Feier „des Beginns eines neuen Kapitels für den Telegraph“ ein. Die Versammlung wirkte eher wie eine Echokammer, die den Beinamen „Torygraph“ des konservativen Flagschiffs veranschaulichte, als eine Begegnung mit der britischen Medienwelt oder der politischen Elite. Aus der Politik war die konservative Oppositionsführerin Kemi Badenoch der prominenteste Gast. Im Wesentlichen aber ging es bei dem Empfang wohl um eine erste Begegnung von „Telegraph“-Mitarbeitern mit ihren neuen Eigentümern.
Statt ein Londoner Traditionshaus als Standort zu wählen, wie man es vielleicht von einem konservativen Blatt erwartet hätte, signalisierte das von der Star-Architektin Zaha Hadid gestaltete Restaurant der Serpentine Gallery für zeitgenössische Kunst den Blick nach vorn, den Döpfner in einer kurzen Ansprache hervorhob, mit der er sich beim Publikums einschmeichelte.
Nebeneinander von Geschichte und Gegenwart
Hadids Anbau an das ehemalige Pulverarsenal aus der Zeit der Napoleonischen Kriege wirkt wie eine Versinnbildlichung des Nebeneinanders von Geschichte und Gegenwart in einem zukunftsweisenden Forum. Döpfner griff das Logo seiner neuen Akquisition auf, um darzulegen, dass er schützen werde, was war und ist: das Vermächtnis, die Werte, das „Charisma“ der Marke, die journalistische Güte. Als Kapitalist, der Geldverdienen als nötige Voraussetzung für die Schaffung gesellschaftlicher Werte sehe, wolle er vor allem Potentiale durch die Investition in Journalismus und Technologie aktivieren.
Was auch immer die Veränderungen sein mochten, und es werde sich viel verändern, unterstrich Döpfner, verbürge er sich persönlich dafür, die journalistische Integrität des „Telegraph“ zu schützen. Mit der Aufforderung, robust zu sein und mitunter auch den Eigentümern Ärger zu bereiten, erklärte er, sich darauf zu freuen, das nächste Kapitel des „Telegraph“ zu gestalten. Zweiundzwanzig Jahre nach dem Scheitern von Döpfners erstem Versuch, den „Telegraph“ zu erwerben, ist Springer der sechste Eigentümer in der 171-Jahre-langen Geschichte der Zeitung.
Erleichterung, dass ein Fonds aus den Vereinigten Arabischen Emiraten raus ist
Nach drei Jahren des energieraubenden Schwebezustands unter Zwangsverwaltung wegen der massiven Überschuldung der Barclay-Familie, die Springer 2004 im Kampf um den „Telegraph“ überboten hatte, herrscht in der Führungsriege der britischen Mediengruppe Erleichterung darüber, dass Döpfner sein Ziel diesmal erreicht hat. Die Redaktion hatte sich energisch gegen die Übernahme durch einen von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützten Vermögensfonds gewehrt und mit anderen Medienunternehmen auf die damals noch konservative Regierung eingewirkt, ausländische staatliche Beteiligungen an britischen Zeitungen und Magazinen zu verhindern. Im Gespräch bezeichnet Chris Evans, seit 2014 Chefredakteur des „Daily Telegraph“, die Übernahme durch Springer aufgrund der gemeinsamen Werte und Vorstellungen als die bestmögliche Lösung. Innerhalb des Unternehmens wird die Zuversicht allerdings durch Unbehagen über mögliche Stellenverluste im Zuge der von Springer angestrebten Beschleunigung des digitalen Wandels und des Einsatzes von KI gedämpft.
Es bleibt die große Frage, wie ein deutsches Unternehmen, zumal unter einer deutschen Geschäftsführerin, die ihren blutjungen, mit Digitalisierung und KI befassten Stabschef Tim Häberle von „Bild“ als Transformations-Manager mitgebracht hat, das Gespür für die Besonderheiten des „Telegraph“ entwickeln kann, um die Globalisierung voranzutreiben, ohne das britische Wesen der Marke preiszugeben. Dazu zählen profilierte, von Heldentum und Ausdauer erzählende Nachrufe auf britische Veteranen ebenso wie mittelständische englische Marotten, wie Schlaglöcher oder Dorfgemeinschaftshäuser und Nachbarstreite um Gartenhecken, die zum Gewebe des englischen Lebens gehören, sich aber im Ausland schwer vermitteln lassen.
Das patriotische Erbe hält nach
Es ist nicht ohne Ironie, dass ein deutscher Zeitungskonzern ausgerechnet den Titel erworben hat, in dem das patriotische Echo des Zweiten Weltkrieges bis vor Kurzem lauter nachhallte als in anderen britischen Blättern. Der „Telegraph“ sei nun „Zeh Telegraph“ geworden, witzelte ein Leser der „Financial Times“. Im „Telegraph“ kommentierte ein anderer Leser die Springer-Übernahme mit der Feststellung, dass die Schlacht um England also doch verloren worden sei. Und eine weitere Stimme warnte, dass sie ihre 65 Jahre lange Beziehung zum „Telegraph“ beenden werde, wenn Springers Europa-Begeisterung das Blatt durchdringe. Das, fügte sie hinzu, würde das Ende des „Daily Telegraph“ bedeuten.
Der ins Oberhaus beförderte Thatcher-Biograph Charles Moore, der in den ersten Jahren des Jahrtausends Chefredakteur des „Daily Telegraph“ war und heute noch Kolumnist der Zeitung ist, hält den kriegsbedingten Vorbehalt gegen einen deutschen Eigentümer nicht mehr für problematisch. Vor zwanzig oder dreißig Jahren hätte sich dies als Verhängnis erweisen können. Davon sei wenig geblieben. Allerdings könne die Stimmung umschlagen, wenn alles schiefgehe. Der Argwohn von „Telegraph“-Lesern richte sich eher gegen die EU als gegen Deutschland. Aber das verstehe Döpfner als Euroskeptiker, der gegen den Brexit gewesen sei, nach Moores Einschätzung jedoch „keine leidenschaftliche emotionale Verehrung für die EU“ empfinde.
Für Moore liegt die Herausforderung darin, die Identifikation des Mutterschiffs mit Britannien bei der Globalisierung nicht zu kompromittieren. Vieles könne in der Übersetzung von einer nationalen zu einer internationalen Leserschaft verloren gehen. Moore weist auch darauf hin, dass die Polarisierung zwischen Linksliberalen und Konservativen im britischen Journalismus weniger markant sei als in den USA. Ziemlich viele „Telegraph“-Leser seien eher kulturell kohärent als ideologisch motiviert. Wie Evans hält Moore die Springer-Übernahme für „besser als fast alles, was uns hätte zustoßen können“, weil keine Regierung involviert sei und der neue Eigentümer die Medien verstehe.
Mathias Döpfner erzählt gern, wie der „Telegraph“ für Axel Springer ein Leitstern gewesen sei. Dabei ist die Marke international längst nicht so bekannt wie die um 70 Jahre ältere „Times“. Als Springer in den frühen Jahren der Bundesrepublik begann, sich um den Erwerb der damals im Besitz der britischen Militärregierung befindlichen „Welt“ zu bemühen, erzählte er einem Besatzungsoffizier mit engen Verbindungen zu den Zeitungen in der britischen Zone, darunter „Spiegel“ und „Zeit“, dass er eine deutsche „Times“ machen wolle, auch wenn das immer ein Verlustgeschäft bleiben sollte. Diese Form von Einschränkung liegt gewiss nicht in Döpfners Kalkül.
