
Millionen Kinder sind bereits in den Brunnen gefallen, in Deutschland soll ihnen jetzt ein „Seepferdchen“ beim Überwasserhalten helfen, künftigen Generationen in der Europäischen Union zudem die Aufsicht der Eltern und die Gnade der Brunnenbesitzer. Dieses überspitzte Bild kommt einem in den Sinn, wenn man sich Ursula von der Leyens Straßburger Rede zur Lage der Union vom Mittwoch anhört, in der eine Begrenzung von Social Media für Kinder und Jugendliche angekündigt wurde.
Doch der Nachteil des geplanten „EU Kids Act“ ist: Gegen den lockenden Brunnen „Social Media“, der in Wirklichkeit ein großes, reißendes Meer ist, in dem Kinder und Jugendliche in Europa täglich für mehrere Stunden oft wie in einer Sucht abtauchen, hilft die Wunschvorstellung einer erfolgreichen Verhandlung der EU mit den Techbros über jugendsichere Konten in den nächsten Monaten, vielleicht Jahren, nichts. Der deutsche Vorschlag eines Internetführerscheins namens „Seepferdchen“ wirkt symptomatisch putzig. Und auf die Eltern sollte man bei Social Media schon gar nicht setzen. Gegen abhängig gemachte Kinder und Jugendliche sind die meisten schon seit Jahren machtlos.
Ein überfälliges Eingeständnis
Konkret will die Kommission soziale Medien für Kinder unter 13 Jahren verbieten, unter Fünfzehnjährige sollen ein eingeschränktes Nutzerkonto unter Aufsicht der Eltern bekommen. Das Ganze muss jetzt noch zwischen den EU-Ländern und dem Europaparlament verhandelt werden, wobei Länder wie Frankreich weitergehende Verbote anstreben.
„Change takes time“, sagte Ursula von der Leyen, allein eine verlässliche Altersverifikation wird noch dauern, dabei ist höchste Eile geboten. In den USA gab es zuletzt einen Vergleich zwischen dem Meta-Konzern und mehreren Bundesstaaten, nachdem das Unternehmen im Prozess nicht widerlegen konnte, dass die Algorithmen von Instagram oder Whatsapp junge Menschen süchtig machen und dass es davon wusste. Der Konzern war dann nicht nur bereit, einen Ausgleich von mehr als 16 Milliarden US-Dollar zu zahlen, er muss jetzt auch dafür sorgen, dass die Nutzungszeit für unter Achtzehnjährige auf zwei Stunden am Tag begrenzt wird und es eine Nachtruhe (die in China schon existiert) sowie eine Art Nachrichtensperre während der Schulzeit gibt: Was für ein überfälliges Eingeständnis, dass gehandelt werden muss!
Vor einigen Tagen erwies die neue PISA-Studie ein weltweites Nachlassen der Leistungen beim Lesen und in der Mathematik. Junge Menschen verlernen den vertieften Umgang mit Sprache; in Fächern wie Mathematik und in den Naturwissenschaften fehlt die Anstrengungsbereitschaft. Dafür, dass diese beiden Phänomene in Korrelation zu einem verstärkten Gebrauch von sozialen Medien stehen, sprechen nicht nur Daten von Bildungsforschern; das bestreiten nicht einmal die Jugendlichen selbst.
Es ist also Eile angesagt. Wobei das aus Sicht der EU Machbare nicht das Sinnvolle ist: Die Union muss ihren Kurs ändern. Sie sollte die Forderungen der US-Bundesstaaten an Meta als eigenen Maßstab für alle Social-Media-Plattformen anlegen und dafür sorgen, dass diese im Gleichschritt mit den USA in Europa umgesetzt werden. In Deutschland wäre zudem ein umfassender Medienunterricht auf der Höhe der Zeit und ein Verbot von Smartphones an allen Schulen schnellstmöglich umzusetzen. Gekonnt muss wieder Leselust vermittelt werden, das Wundermittel schlechthin gegen Online-Deformationen aller Art. Sonst kommt demnächst noch das PISA-Seepferdchen ins Gespräch.
