
Für die drei Kinder der „Waldfamilie“ in der mittelitalienischen Region Abruzzen hat am Mittwoch die Schule begonnen. Das jüngere Zwillingspaar – ein Mädchen und ein Junge im Alter von sieben Jahren – kam in die zweite Klasse einer öffentlichen Schule in der Gemeinde Vasto, die neun Jahre alte Tochter in die vierte Klasse.
Damit geht der Sorgerechtsstreit der Eltern Catherine Birmingham und Nathan Trevallion mit den italienischen Behörden in die nächste Runde. Die Eltern durften ihre Kinder am ersten Schultag nicht begleiten. Das australisch-britische Paar hatte sich aus weltanschaulichen Gründen für ein einfaches Leben mit seinen Kindern in einem einfachen Bauernhaus entschieden – mitten in der Natur, mit zahlreichen Haustieren, aber ohne Anschluss an die öffentliche Strom- und Wasserversorgung.
Am 20. November hatte eine Jugendrichterin in der Regionalhauptstadt L’Aquila verfügt, dass die Kinder aus dem Bauernhaus in Palmoli in eine rund 30 Kilometer entfernte staatliche Betreuungseinrichtung in Vasto verbracht werden. Dort leben die drei Geschwister bis heute. Nach Ansicht der Richterin waren die Wohnverhältnisse in dem einfachen Haus für die Kinder nicht angemessen. Zudem sollen die Eltern ihre Verpflichtung zur schulähnlichen Unterrichtung ihrer Kinder nicht erfüllt haben. Homeschooling ist in Italien erlaubt, sofern sich die Kinder regelmäßigen Prüfungen der Schulbehörden unterziehen.
Zuletzt hatten der Anwalt der Familie sowie deren Unterstützer vergeblich zu erreichen versucht, dass die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern die langen Sommerferien verbringen dürfen. Auch den Antrag, die Kinder im Wohnort der Eltern in Palmoli einzuschulen statt in Vasto, hatte die Jugendrichterin abgelehnt.
Gemeinde muss die Kosten tragen
Am Dienstagnachmittag war ein erster Besuch der drei Geschwister im neuen Domizil der Eltern in Palmoli, das von der Gemeinde kostenlos zur Verfügung gestellt wird, im letzten Augenblick gescheitert. Zur Begründung hieß es, die Sicherheit für die Kinder und die sie begleitenden Sozialarbeiterinnen hätte wegen der Anwesenheit von Journalisten nicht gewährleistet werden können.
Der Bürgermeister von Palmoli, Giuseppe Masciulli, wies die Behauptung als gegenstandslos zurück, weil sich sämtliche Berichterstatter lange vor dem angesetzten Besuchstermin auf Bitten der Eltern von dem Haus in Palmoli entfernt hätten. Das erste Treffen der Eltern mit ihren Kindern außerhalb der Betreuungseinrichtung in Vasto habe dann stattdessen und mit erheblicher Verzögerung an einem „neutralen Ort“ stattgefunden, teilte der Anwalt der Familie mit.
Die Gemeinde muss für die Unterbringung der in Palmoli gemeldeten Kinder monatlich 7500 Euro an das Kinderheim in Vasto überweisen. „Wir müssen die Kosten gemäß gesetzlichen Bestimmungen tragen“, klagt Bürgermeister Masciulli, der sich seit Monaten für die Rückkehr der Kinder zu ihren Eltern einsetzt. „75.000 Euro für inzwischen zehn Monate sind sehr viel für eine Gemeinde von gerade einmal 850 Einwohnern.“ Die Gemeinde hofft auf Zuschüsse vom Innenministerium in Rom.
Familie soll schrittweise mehr Kontakt haben
Die Jugendrichterin in L’Aquila hat verfügt, dass die Kinder allenfalls schrittweise zu ihren Eltern zurückkehren dürfen. Das Verfahren sieht Begegnungen von Eltern und Kindern an Wochenenden in Palmoli in der von der Gemeinde gestellten Unterkunft vor, jeweils in Begleitung von Sozialarbeiterinnen. Auch an Nachmittagen nach Schulschluss in Vasto sollen die Kinder gelegentlich ihre Eltern in Palmoli besuchen dürfen, was jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden ist. Catherine Birmingham ist es untersagt, ihre Kinder in der Betreuungseinrichtung zu besuchen, weil sie sich nach Ansicht der Jugendrichterin in L’Aquila unkooperativ gezeigt und die Inobhutnahme ihrer Kinder durch die staatlichen Behörden nie akzeptiert hat.
Der Fall der „Waldfamilie“ von Palmoli hat in Italien ein großes Medienecho gefunden. Eine Lösung ist auch deshalb schwierig, weil der Kasus in den Strudel des stark polarisierten politischen Streits in Italien geraten ist. Ranghohe Vertreter der Mitte-rechts-Koalition in Rom haben sich für die Eltern eingesetzt, während linke Politiker hinter der Jugendrichterin in L’Aquila stehen. Die Richterin hatte ihre öffentliche Laufbahn als Parlamentsabgeordnete der Kommunistischen Partei begonnen.
Der frühere Präsident der Region Kampanien und heutige Bürgermeister von Salerno, Vincenzo De Luca, forderte im März drei Jahre Gefängnis für die Eltern. Der Sozialdemokrat begründete seine Forderung damit, dass die Eltern ihre Kinder nicht hätten impfen lassen, sie nicht zur Schule geschickt und regelmäßig zum Kinderarzt gebracht hätten. Stattdessen hätten sie „wie Tiere in einer Hütte“ ohne Strom und Warmwasser leben müssen.
