Im Arabischen gibt es die Redewendung: „Min taht la taht“ (von unten nach unten). Sie kann mehreres bedeuten: Jemand agiert unauffällig, schmiedet Pläne oder drückt sich minimalistisch-zurückhaltend aus. Diese Kunst des Subtextes beherrscht die Schriftstellerin Adania Shibli. Doch eine weltpolitische Zäsur hat bei der Palästinenserin eine Wunde hinterlassen. In den Wochen nach dem terroristischen Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hatte sie Angst, „eines Tages aufzuwachen und keine Sprache mehr zu haben“. Weshalb?

Die 1974 in einem palästinensischen Dorf geborene Autorin hatte mit ihrem 2022 erschienenen Roman „Eine Nebensache“ für Furore gesorgt. Darin erzählt Shibli – zunächst aus der Perspektive eines kommandierenden Offiziers – die Geschichte einer jungen muslimischen Beduinin in der Wüste Negev, die im Sommer 1949 von israelischen Soldaten missbraucht und ermordet wurde. In der zweiten Hälfte des Romans wird die Perspektive gewechselt: Eine Wissenschaftlerin versucht herauszufinden, wie es zu der mittlerweile Jahrzehnte zurückliegenden Tat gekommen war.
Das Werk erfuhr internationale Resonanz, mehrheitlich positiv, und sollte im Oktober 2023 auf der Frankfurter Buchmesse mit dem LiBeraturpreis ausgezeichnet werden. Infolge des Hamas-Massakers wurden „antiisraelische und antisemitische Narrative“ in Shiblis Roman kritisiert; Maxim Biller nannte ihn ein „unliterarisches Stück Propaganda“. Folglich entschied sich der veranstaltende Verein Litprom, die Preisverleihung abzusagen. Da Shibli, die die Kritik dezidiert zurückwies, in den Tagen nach dem beginnenden Gazakrieg nicht viel fühlte, habe auch die Absage „keine Gefühle“ in ihr ausgelöst: „Die Leere war stärker, bissiger, lähmte mich weiter.“
Hoffnungslosigkeit durch gescheiterte Friedensverhandlungen
Inzwischen hat sich die Palästinenserin von dieser Lähmung befreit. Mit Spannung ist ihr Roman „Täuschung“ erwartet worden, der bereits im vergangenen Jahr im libanesischen Verlag Dar al-Adab auf Arabisch erschien. Hartmut Fähndrich hat ihn ins Deutsche übersetzt (notabene: ausgezeichnet).
Darin werden die Lebensgeschichten eines Mannes und einer Frau in Palästina parallel erzählt. Sie leben unter israelischer Besatzung. Der Roman spielt in der Zeit von der ersten Intifada 1988 bis zu den Jahren nach dem Oslo-Abkommen in den frühen Neunzigern. Die gescheiterten Friedensverhandlungen verstärken die Hoffnungslosigkeit. Beide Protagonisten versuchen im Laufe des Romans, gegen die unerträglichen Zustände zu rebellieren. Als politische Aktivisten versuchen sie, Widerstand (muqāwama) zu leisten. Mit dieser Strategie stoßen sie an Grenzen. Es folgen Ohnmacht, Enttäuschungen und Entfremdungen. Daraus entfaltet Shibli ein Panorama der palästinensischen Identität, das frei von Larmoyanz und Selbstviktimisierung ist. Für diesen Zugang hat die Autorin einen einprägsamen Satz formuliert: „Für etwas Gutes ist etwas Schlechtes gut, es kommt nur auf den Blickwinkel an.“
Zweifellos schlecht sind die Entwurzelung der Bäume, die Enteignung von Land, die Festnahmen, die Angriffe der Besatzungstruppen auf die Bevölkerung. Der Wechsel von Repression und Leid zieht immer weitere Kreise. Ausgesprochen gut ist, dass Protagonisten und Orte namenlos bleiben. Wie schon in „Eine Nebensache“ bleibt Shibli sich treu; ein originelles Wagnis, das sich bei solch einem diffizilen Sujet lohnt. Sie verleiht Gesten und Gefühlen mehr Raum – die Zwischentöne sind essenziell.
Grandios verdichtete Sprachbilder
Die Frau will studieren und schreibt sich in einer israelischen Universität ein. Als sie den riesigen Hörsaal betritt, wird ihr klar, dass überall laut und lebhaft geredet wird, und immer auf Hebräisch. „Es ist das erste Mal, dass die arabische Sprache völlig aus der Umgebung verschwunden ist.“ Sie fühlt sich nicht nur wie eine Außenseiterin, sondern wie ein Phantom: „Das Gefühl, übersehen zu werden, kriecht näher, erklimmt ihren Stuhl, dann den Tisch und besetzt schließlich ihren Körper, der zu zittern beginnt.“
Der Mann sprühte politische Parolen an Häuserwände und wurde deshalb zu vier Jahren Haft verurteilt. Wegen seiner Zeit im Gefängnis sei er „wortkarg“ geworden. Insbesondere die „dreiwöchige Einzelhaft lehrte ihn mehr als jede andere Erfahrung zu schweigen. Außerdem ist es eine Form des Widerstands, beharrlich zu schweigen und trotz vielfältiger Folter nichts zu bekennen.“ Der junge Palästinenser arbeitet zunächst im Falafel-Laden seiner Mutter. Dabei fragt sie ihn mehrfach, was seine Pläne für die Zukunft sind. Besonders glücklich ist er nicht.
Zwischendurch arbeitet Shibli mithilfe ihrer grandios verdichteten Sprachbilder Charakteristika der palästinensischen Identität heraus. Da ist das Palästinensertuch, die Kufiya, das die Frau verstecken muss, weil sie sich in einem Auto einem Checkpoint mit Soldaten nähert. Da sind Feigen- und Olivenbäume, die gegen die Witterungsbedingungen Widerstand leisten. Da ist das Land, aus dem die Orangen stammen – die Jaffa-Apfelsine war für palästinensische Bauern eine Quelle des Wohlstandes bis zur Staatsgründung Israels 1948. Seit der Flucht und Vertreibung von mehr als 700.000 Palästinensern im Zuge der „Nakba“ werden in der palästinensischen Literatur Früchte wie Orangen und Wassermelonen als kulturelles Erbe angeführt.
Werden da die Debatten zum Nahostkonflikt persifliert?
Überdies bauen beide Protagonisten kurzzeitige Liebesbeziehungen auf. Der Mann lernt, als er einen Sommerjob am Strand annimmt, eine Frau kennen. Ihr verschweigt er seine Herkunft. Sie erfährt die Wahrheit, verlässt ihn, auch seinen Job verliert er darüber. Den flüchtigen Glücksmomenten, in denen Shiblis Figuren Verbindungen aufbauen, ist eine gewisse Tragik inhärent.
Die Frau lernt einen ausländischen Journalisten kennen, der über den Nahen Osten berichtet. Sie entwickeln eine Verbindung zueinander, die an der Wucht der Realität zerschellt. Da wären die Sprachbarriere und die Übersetzungen, bei denen wichtige Details untergehen. Die zuweilen arrogante Haltung der Bekanntschaft gegenüber ihren Landsleuten führt zu Disputen. Gleichzeitig scheint in einigen Passagen Kritik an der – aus Shiblis Sicht – schnelllebigen und empathielosen Berichterstattung über den palästinensisch-israelischen Konflikt durch. Phasenweise wirkt es, als würde die Schriftstellerin aktuelle Debatten zum Nahostkonflikt persiflieren.
Je präziser Shibli wird, desto mehr verbirgt sich hinter den Beschreibungen. Je intensiver die Ortschaft verbildlicht wird, desto kraftvoller erscheinen die Gefühlslagen ihrer Protagonisten. Die Autorin begeistert nicht nur, sie verunsichert, bisweilen verstört sie auch. Der Roman „Täuschung“ zeigt, wie Shibli sich vortastet, um den Schmerz, den auch sie als Palästinenserin mit israelischem Pass empfindet, auszudrücken. Sie entwickelt mit ihrer Sprache einen literarischen Rhythmus, der sich durch seine intensive Präzision und Raffinesse hervortut.
Es ist ein Roman, der konzentrierte Lektüre erfordert. Er lebt von Adania Shiblis „Dhaka’“, ihrer scharfsinnigen Tiefe, die die Erzählung koloriert. „Literatur ist für mich der einzige Ort, der Stille akzeptiert“, bemerkte die gegenwärtig bedeutendste und streitbarste palästinensische Schriftstellerin einmal. Mit dieser Stille überlässt sie den Leser abermals sich selbst.
Adania Shibli: „Täuschung“. Roman. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Hanser Verlag, München 2026. 208 S., geb., 24,– €.
