Nur zwei Stunden später seien es „über 60“ Spieler gewesen, sagte Klopp am Donnerstagvormittag. Als der Jetzt-schon-Bundestrainer auf dem Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt zum ersten Mal seine Auserwählten vorstellte, hatten es zwar nicht mehr als 60 und auch nicht 57 Namen seiner Liste auf die beiden Bildschirme, die links und rechts von ihm platziert waren, geschafft, aber doch erstaunlich viele.
Vier Spieler sollen die ganze Zeit bleiben
Klopp nominierte für die vier Nations-League-Spiele, die bis Anfang Oktober auf dem Spielplan stehen, genau genommen gleich zwei Kader mit insgesamt 44 Spielern – einen für die Partien am kommenden Donnerstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und bei RTL) in den Niederlanden und das Heimspiel gegen Griechenland (27. September), einen zweiten für das Duell mit Serbien (1. Oktober) und das Rückspiel in Griechenland (4. Oktober).
Nur wenige Spieler, wie die zuletzt verletzten Nico Schlotterbeck, Jamal Musiala und Serge Gnabry, sollen über den gesamten Zeitraum im Kreis der Nationalmannschaft bleiben, auch der Torwart Finn Dahmen ist von Anfang bis Ende eingeplant. Abseits davon jedoch gibt es viele neue Namen. Aus Klopps kleinem Gedankenexperiment vom Hochsommer wird in den nächsten gut zwei Wochen im Frühherbst ein großer Fußballfeldversuch.
Klopp freut sich sehr darauf, das war zu spüren, als er mehr als eine Stunde darüber sprach. „Nach der WM konnte man das Gefühl haben, der deutsche Fußball liegt komplett am Boden“, sagte er. „Aber es ist uns ganz, ganz viel Talent ins Auge gesprungen.“ Wie groß dieses Talent tatsächlich ist, sollen die kommenden Tage auf der großen Fußballbühne beweisen.
Gleich 16 Probanden nominierte Klopp, die nie ein Länderspiel absolviert haben, elf von ihnen waren auch noch nie in die A-Nationalmannschaft eingeladen. Nun gibt Klopp ihnen die Möglichkeit, sich auf internationalem Niveau zu beweisen, wenngleich mancher bisher kaum in der Bundesliga gespielt hat: „Ihre Chance nutzen müssen sie selbst.“
„Bambasé Conté hat zwei Minuten am Stück gelacht“
Der Ansatz von Klopp und seinem Trainerteam sollte positiv sein: „Wir haben nicht geguckt, was wir nicht haben, sondern, was wir haben.“ Offensichtlich eine ganze Menge. Klopps Botschaft: Wir setzen erst mal auf neue Gesichter, auf gänzlich unbelastete Spieler, die ihr Fußballglück in den Gesprächen mit Klopp teilweise kaum fassen konnten. Bambasé Conté aus Hoffenheim etwa habe, als er am Telefon den Namen „Jürgen Klopp“ hörte, erst mal „zwei Minuten am Stück gelacht“, wie der Bundestrainer berichtete.
Von den 26 WM-Spielern sind noch 15 übrig. Torwartrückkehrer Manuel Neuer hat seine Karriere in der Nationalauswahl mit dem frühen WM-Aus endgültig beendet, auch Antonio Rüdiger verkündete seinen Rücktritt vor gut zwei Wochen. Leon Goretzka und Assan Ouédraogo kommen aufgrund von Verletzungen derzeit nicht infrage, auch Angelo Stiller und Jamie Leweling litten zuletzt unter gesundheitlichen Problemen.
Für andere aus dem WM-Kader gilt das nicht, ihre Namen erschienen nicht auf den Bildschirmen, weil Klopp sie nicht für die Versuchsanordnungen einplant: Oliver Baumann, Pascal Groß, Leroy Sané, Maximilian Beier und Deniz Undav. Vor allem der Verzicht auf den Stuttgarter Quotenstürmer, der neun Tore in dreizehn Länderspielen erzielt hatte, davon drei Treffer als Joker bei der WM, verwunderte manche auf den ersten Blick.
Klopp sprach mit Undav und begründete seinen Verzicht. „Deniz hat seine Probleme, er hat noch nicht so richtig in die Saison reingefunden. Ich wollte mich hier für vier Stürmer entscheiden und habe mich für die anderen entschieden – für den Moment.“ Ähnliches gelte für Sané. „Leroy hat in der Saison noch nicht wirklich Fuß gefasst.“ Mit ihm jedoch sprach Klopp nicht einmal, möchte das aber – „wenn es etwas zu bereden gibt“.
Klopp setzt auf ter Stegen – und nicht auf Baumann
Geredet hat Klopp dagegen mit Baumann, dem erst der WM-Stammplatz von Neuer genommen worden war und nun vom neuen Trainer der Kaderplatz. Im Tor wollte Klopp nur einen älteren Torwart nominieren – und entschied sich für den 34 Jahre alten Marc-André ter Stegen und gegen den 36 Jahre alten Baumann. „Danach wollte ich die nächste Generation haben“, die für Klopp erst einmal aus Jonas Urbig (23 Jahre), Noah Atubolu (24), Finn Dahmen (28) und Alexander Nübel (29) besteht.
Ihr Kapitän wird auch unter Klopp Joshua Kimmich bleiben. Der mit 114 Länderspielen mit Abstand erfahrenste Nationalspieler im Kreis der vielen Neulinge behält die Binde am Arm – spielt aber, wie in seinem Verein beim FC Bayern, wieder im Mittelfeld und nicht mehr als Rechtsverteidiger wie oft unter Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann. Dort soll sich ein neuer Spieler wie der Freiburger Philipp Treu zeigen dürfen.
Eine Überraschung war Klopps große Experimentierfreude am Donnerstag nicht nur ob der Indiskretionen über Nominierte und Nichtnominierte in den Tagen zuvor nicht mehr. Wenn nicht jetzt, wann dann? Nach der dritten WM-Blamage hat die Nationalmannschaft im ersten Spiel danach zum ersten Mal einen neuen Bundestrainer. Nach der WM 2018 in Russland machte erst Joachim Löw weiter, nach der WM 2022 in Qatar Hansi Flick.
Nun bekommt Bundestrainer Klopp zwei Jahre vor der Europameisterschaft Zeit und Raum für Experimente. In der Nations League, von Klubtrainer Klopp bei der Einführung 2018 als „der sinnloseste Fußballwettbewerb der Welt“ bezeichnet, stehen dank einer Spielplanreform gleich vier Partien in elf Tagen an, die Klopp bei seiner Versuchsanordnung mit 44 Spielern nun durchaus entgegenkommen. Daher kann er der Nations League nun mehr abgewinnen: „Es ist mir lieber, es geht um was.“
„Ich bin es gewohnt, keine Zeit zu haben“
Die Optionen zum Tüfteln sind jedoch nicht grenzenlos. In Nations-League-Spielen sind Kader mit maximal 23 Spielern inklusive drei Torhütern – zu benennen bis Mitternacht vor dem Spieltag – und fünf Auswechslungen möglich. Reisen und Regeneration erlauben zudem nur sechs volle Trainingseinheiten im Camp in Herzogenaurach.
Sorgen bereitet die knappe Zeit Klopp, der sich in seiner Zeit in Liverpool an den engen englischen Spielplan gewöhnen musste und ihn kritisierte, nicht. „Ich bin es gewohnt, keine Zeit zu haben, das ist im Fußball völlig normal.“ Trotzdem freut sich Klopp, „so viele Eindrücke wie möglich“ zu sammeln. Daran sollte es bei der Rekordzahl von 44 Spielern nicht scheitern.
Kader 1 für Niederlande und Griechenland:
Tor: Finn Dahmen (FC Augsburg), Alexander Nübel (Besiktas), Marc-André ter Stegen (Ajax Amsterdam)
Abwehr: Hennes Behrens (FC Augsburg), Yann Aurel Bisseck (Inter Mailand), Nathaniel Brown (Bayern München), Max Rosenfelder (SC Freiburg), Nico Schlotterbeck (Borussia Dortmund), Jonathan Tah (Bayern München), Philipp Treu (SC Freiburg), Josha Vagnoman (VfB Stuttgart)
Mittelfeld: Nadiem Amiri (FSV Mainz 05), Bambasé Conté (TSG Hoffenheim), Yannik Engelhardt (SC Freiburg), Chris Führich (VfB Stuttgart), Serge Gnabry (Bayern München), Lennart Karl (Bayern München), Joshua Kimmich (Bayern München), Jamal Musiala (Bayern München), Felix Nmecha (Borussia Dortmund), Kevin Schade (FC Brentford), Anton Stach (Leeds United)
Angriff: Younes Ebnoutalib (Eintracht Frankfurt), Kai Havertz (FC Arsenal)
Kader 2 für Serbien und Griechenland:
Tor: Noah Atubolu (Eintracht Frankfurt), Finn Dahmen (FC Augsburg), Jonas Urbig (Bayern München)
Abwehr: Waldemar Anton (Borussia Dortmund), Ridle Baku (RB Leipzig), Finn Jeltsch (VfB Stuttgart), Maximilian Mittelstädt (VfB Stuttgart), David Raum (RB Leipzig), Malick Thiaw (Newcastle United)
Mittelfeld: Karim Adeyemi (FC Barcelona), Mika Baur (Celtic Glasgow), Tom Bischof (Bayern München), Said El Mala (1. FC Köln), Brajan Gruda (RB Leipzig), Vitaly Janelt (FC Brentford), Felix Keidel (SV Elversberg), Aleksandar Pavlović (Bayern München), Derry Scherhant (SC Freiburg), Florian Wirtz (FC Liverpool)
Angriff: Jonathan Burkardt (Eintracht Frankfurt), Nick Woltemade (Juventus Turin)
