Die UÇK betrieb laut Anklage zahlreiche Gefangenenlager mit Hunderten Insassen – außer Serben und Roma auch Albaner, die als Kollaborateure verdächtigt wurden. In diesen Lagern wurden Häftlinge laut Anklage regelmäßig mit Gewehren, Baseballschlägern, Hämmern und Knüppeln geschlagen und durch Elektroschocks oder vorgetäuschtes Ertrinken gefoltert. Laut Aussagen Überlebender wurden Familienangehörige gezwungen, sich gegenseitig zu misshandeln – bis zu Knochenbrüchen, Bewusstlosigkeit oder Tod. Einem Gefangenen seien mit Zangen die Zähne ausgebrochen worden. Ein Mann, der über Durst geklagt hatte, habe Farbverdünner trinken müssen. Andere seien erschossen worden.
Thaçi war zur Zeit des Krieges der NATO gegen Serbien 1999 politischer Sprecher der UÇK. In der entscheidenden Phase vor dem Krieg, während des Krieges und in den Jahren danach war er der wichtigste Ansprechpartner des Westens im Kosovo. Sollte er schuldig gesprochen werden, würde das zumindest vorläufig die Propaganda Belgrads und Moskaus stärken. Dort wird seit Langem behauptet, die NATO habe im Kosovo auf die Dienste eines Kriegsverbrechers gesetzt. Allerdings wird das Verfahren am Mittwoch nicht enden. Bei einem Schuldspruch für Thaçi dürfte die Verteidigung in Berufung gehen, bei einem Freispruch die Anklage.
Thaçi soll versucht haben, Zeugen zu beeinflussen
In Haft bleiben muss Thaçi ohnehin, denn in Den Haag läuft ein zweites Verfahren gegen ihn, das sich aus dem ersten entwickelt hat. In diesem zweiten Verfahren ist Thaçi wegen versuchter Zeugenbeeinflussung sowie „Vergehen gegen die Strafrechtspflege“ angeklagt. Ihm drohen bis zu sechs Jahre Haft zusätzlich zu einer möglichen Strafe im Hauptverfahren. Der Vorwurf lautet, Thaçi habe aus dem Gefängnis heraus Weisungen gegeben, wie bestimmte Zeugen in seinem Verfahren auszusagen hätten.

Das sollen 28 Stunden heimlich abgehörter Gespräche belegen. Treffen Thaçis mit seinen Anwälten oder der Familie seien selbstverständlich nicht abgehört worden, heißt es aus Gerichtskreisen. Durchaus aber habe man wegen eines begründeten Verdachts über Monate hinweg dessen Gespräche mit Mitangeklagten und Dritten überwacht. Die Vorwürfe seien nun durch Tonaufnahmen aus neun Gesprächen sowie zusätzlich durch Schriftstücke belegt. So habe Thaçi Zeugen ausrichten lassen, sie sollten seine Anwesenheit an bestimmten Tatorten bestreiten.
Die Verteidigung bestritt nicht die Gespräche an sich, wohl aber deren Bedeutung: Keinerlei Drohung sei gefallen, es gebe keine Opfer, die Gespräche hätten „null Einfluss“ jenseits der Haftanstalt gehabt, in der sie geführt wurden. Das Urteil im Zeugenbeeinflussungsprozess soll im Herbst fallen – sofern sich der Zeitplan nicht wieder einmal verschiebt. Das ist bei dem zwar sorgfältig, aber auch sehr langsam arbeitenden Kosovo-Tribunal bisher fast stets der Fall gewesen.
Thaçi war auf dem Weg zu Trump, als er von der Anklage erfuhr
Auch das Hauptverfahren dauerte viele Jahre. Die Anklage gegen Thaçi wurde Ende 2020 öffentlich. Anders als serbische Angeklagte, etwa Ratko Mladić oder Radovan Karadžić, die ungleich größere Verbrechen begingen als jene, die Thaçi zur Last gelegt werden, lieferte sich der Albaner kein jahrelanges Versteckspiel mit der internationalen Justiz.
Thaçi war damals auf dem Weg nach Washington zu einem Treffen mit Donald Trump, als ihn die Nachricht von der drohenden Anklage erreichte. Er kehrte sofort um. Nach Bestätigung der Anklage trat er umgehend als Präsident zurück und stellte sich. Doch es dauerte zweieinhalb Jahre, bis der Prozess gegen ihn im April 2023 endlich begann. Drei weitere Jahre verstrichen, bis das erstinstanzliche Urteil in Sicht kam. Mindestens zwei zusätzliche Jahre dürften vergehen, bis die zu erwartende Berufung abgeschlossen ist.

Die epische Länge des Verfahrens hat laut Prozessbeobachtern allerdings auch mit Thaçis Anwälten zu tun. Die hätten ihr Recht, das Verfahren in die Länge zu ziehen, durch allerlei Eingaben reichlich genutzt. So wurde anfangs die Zuständigkeit des Gerichtes bezweifelt. Weitere Verzögerungen, etwa durch den Antrag auf den Austausch eines Richters, seien hinzugekommen. Die Verteidigung habe das Recht zu all diesen Schritten gehabt, habe damit aber selbst zu der von ihr gerügten Dauer des Prozesses beigetragen. Oberflächlichkeit lässt sich dem Gericht jedenfalls nicht vorwerfen. In dem Verfahren wurden an 234 Verhandlungstagen mehr als 270 Zeugen gehört. Das Transkript der Aussagen umfasst 29.000 Seiten.
Viele von Thaçis einstigen Mitkämpfern wurden schon verurteilt
In Serbien wie auch im Kosovo ist das Verfahren ein Politikum ersten Grades. Beide Seiten verbreiten systematisch Falschmeldungen. In Serbien etwa wird behauptet, die internationale Jugoslawien-Justiz verurteile nur serbische Täter, ignoriere aber kroatische, bosniakische und albanische. Doch das ist falsch. Gegen UÇK-Veteranen gab es schon mehr als ein Dutzend Urteile.
Kosovarische Gerichte verhängten in mehreren Verfahren Haftstrafen von insgesamt einem Jahrhundert Dauer wegen Plünderung, Folter, ungesetzlicher Verhaftung, Geiselnahme und Mordes. Allein in einem Prozess zur Misshandlung von Gefangenen in zwei UÇK-Lagern in Albanien erhielten die Täter insgesamt 45 Jahre Haft. Das Kosovo-Sondertribunal in Den Haag verurteilte den UÇK-Veteran Salih Mustafa 2023 zu 15 Jahren Haft. Pjetër Shala, ein weiterer Veteran, erhielt 2025 eine Strafe von 13 Jahren.
Im Kosovo wird unterdessen behauptet, das Sondertribunal interessiere sich nur für serbische Opfer. Auch das ist falsch. Die Opfer Mustafas und Shalas etwa waren alle Albaner. Es wird heute oft vergessen, dass die UÇK nicht nur Serben tötete, sondern auch brutal gegen echte und vermeintliche albanische Abweichler oder Kollaborateure vorging. Auch im Verfahren gegen Thaçi sagten nicht nur serbische Opfer aus.
Zutreffend ist allerdings die kosovarische Darstellung, dass in Den Haag nur Albaner angeklagt sind. Serbische Täter wurden wegen der viel größeren Verbrechen im Kosovo bereits von dem mittlerweile geschlossenen Jugoslawien-Tribunal verurteilt. Sechs ranghohe serbische Angeklagte erhielten dabei gemeinsam mehr als ein Jahrhundert Haft.
Verfahren in Den Haag, weil die kosovarische Justiz zögerte
Das Kosovo-Tribunal wurde auf Druck der EU eingerichtet, nachdem klar wurde, dass die kosovarische Justiz zwar gegen kleine Fische vorging, sich an mächtige UÇK-Heroen wie Thaçi aber nicht heranwagte. Richter und Staatsanwälte wurden im Kosovo systematisch eingeschüchtert. Einige Zeugen verschwanden oder zogen nach „Beratungsgesprächen“ ihre Aussagen zurück. Daraus erst entstand die Konstruktion des Sondertribunals: Es ist formal Teil des kosovarischen Justizsystems, wurde aber außer Landes verlegt und mit ausländischem Personal beschickt. So sollte die Straflosigkeit für ehemalige UÇK-Größen überwunden werden.
Im Kern geht es im Thaçi-Prozess um die Frage, ob es in der UÇK eine lückenlose Befehlskette gab, die bis zum Hauptangeklagten reichte – respektive von ihm bis an die einzelnen Tatorte. Thaçis Verteidiger bestreiten das. Die UÇK sei eine dezentrale Bauerntruppe ohne einheitliches Kommando gewesen. Dem stehen die Memoiren vieler Veteranen gegenüber, die sich nach dem Krieg damit brüsteten, dass die UÇK wie eine reguläre Armee organisiert gewesen sei. Auch Aussagen aus Verfahren vor dem Jugoslawien-Tribunal deuten in diese Richtung. Dort sprachen albanische Zeugen in Verfahren gegen serbische Angeklagte über eine strikte Kommandostruktur der UÇK.
Thaçi selbst hob in einem aus der Haft heraus schriftlich geführten Interview mit der F.A.Z. vor einigen Monaten die Aussage des pensionierten US-Generals Wesley Clark hervor. Der war 1999 Oberbefehlshaber der NATO-Truppen in Europa. Vor Gericht sagte er zu Thaçis Gunsten aus, nannte die Anschuldigungen eine „russische Desinformationskampagne“. Thaçi habe in militärischen Fragen nichts zu sagen gehabt. Thaçi, so Clark und andere Zeugen, habe keine Ahnung gehabt, was in den einzelnen Kampfgebieten geschah – geschweige denn die Macht, Verbrechen zu befehlen oder zu verhindern. Nicht nur für Thaçi ist die Frage bedeutsam, ob die Haager Richter von dieser Darstellung überzeugt sind.
