Das Erfolgsrezept von „Platoon“: Pathos und rasante Gewalt
Das alles hat den Ruhm des Oliver Stone verdunkelt, und die öffentlichen Erklärungen, die er zum manchen seiner Filme nachreichte, haben leider nicht geholfen, das Dunkel aufzuhellen. Dabei war Stone einmal der Liebling des Publikums und der Kinoindustrie, und das mit einem Film, der die schlimmste Wunde der jüngeren amerikanischen Geschichte noch einmal aufriss, den verlorenen Krieg in Vietnam. Man schrieb das Jahr 1987, und Stones „Platoon“ war gerade rechtzeitig ins Kino gekommen, um bei der Oscarverleihung im März die Trophäen für den besten Film und die beste Regie abzuholen.
Was „Platoon“ gegenüber älteren Vietnamkriegsfilmen wie Coppolas „Apocalypse Now“ und Kubricks „Full Metal Jacket“ an charakterlicher Feinzeichnung und szenischer Genauigkeit fehlte, machte die Story um das Greenhorn Charlie Sheen und seinen teuflischen Sergeanten Tom Berenger durch Pathos und rasante Gewaltfotografie wett. Der Film ebnete den Weg für eine ganze Kohorte martialischer Heldengeschichten vor fernöstlicher Kulisse, und erst seit Werner Herzogs „Rescue Dawn“ ist an dieser Front wieder halbwegs Ruhe.

Oliver Stone aber wollte nicht Hollywoods Liebling sein. Deshalb drehte er schon bald nach dem Heldengesang das Klagelied eines Antihelden und gab Tom Cruise mit dem Part des Friedensaktivisten Ron Kovic in „Geboren am 4. Juli“ eine seiner bis heute besten Rollen. Der Schnitt, der am Anfang des Films direkt vom Schulabschlussball mit „Moon River“ und küssenden Pärchen aufs vietnamesische Schlachtfeld führt, ist typisch für Stones aufpeitschende Bildsprache.
So hat er in „Talk Radio“ vom Tod eines bekannten Radiomoderators, in „The Doors“ vom Leben und Sterben des Rockstars Jim Morrison, in „Nixon“ von einem der machiavellistischsten Vorgänger Donalds Trumps und in „Natural Born Killers“ von der Amok-Tour eines mörderischen Liebespaars erzählt, immer mit dem festen Willen zur Übertreibung, zum visuellen Exzess. Erst das 180-Millionen-Dollar-Budget seines Antiken-Epos „Alexander“ von 2004 hat Stones kinematographischen Furor ausgebremst, und so ganz hat er sich von dem teuren Flop seither nicht mehr erholt.
„Wall Street: Geld schläft nicht“ jedenfalls war ein braver Nachklapp des Kassenerfolgs von 1988, „World Trade Center“ ein sentimentales Kammerspiel und „Snowden“ die undeutliche Skizze eines bedeutenden Whistleblowers. Für dieses Jahr ist nun ein neues Filmprojekt namens „White Lies“ angekündigt, das von drei Generationen einer Familie handeln und autobiographische Züge tragen soll. Der Querkopf von Hollywood kehrt, wie es scheint, zu seinen Wurzeln zurück.
Oliver Stone, geboren in New York als Sohn eines jüdisch-amerikanischen Börsenmaklers und einer katholischen Französin, hat im Kino immer auch seine eigenen Verletzungen, Ängste und Träume bewältigt. Im Vietnamkrieg wurde er dreimal verwundet, und die Drogenräusche, von denen „The Doors“ handelt, hat er selbst erlebt. Seinem Vater setzte er mit „Wall Street“ ein Denkmal, und die drei Kinder, die er mit zwei verschiedenen Frauen hat, treten in vielen seiner Filme in Nebenrollen auf. Vielleicht ist die Zeit für ihn jetzt reif, ganz von sich selbst zu erzählen – nun, da er achtzig Jahre alt wird.
