Das Wirtschaftswunder trägt Arbeitskluft, natürlich, das Kopftuch ist eingestaubt von all dem Aufräumen. In der einen Hand hält die fabelhafte Schauspielerin Annie Nowak einen Eimer, in der anderen eine Schippe, nun besucht sie als Verkörperung des Wiederaufbaus eine Hochzeitsfeier Ende der Fünfzigerjahre, bei der man zeittypisch Freddy Quinns „Unter fremden Sternen“ spielt und die Frage nach den „notwendigen Papieren“ fröhlich beantwortet mit: „Ich bin längst entnazifiziert.“
Tatsächlich haben sich die Karrieren der Gäste nach 1945, wie es scheint, mehr oder weniger bruchlos fortgesetzt, auch die Machtverhältnisse zwischen ihnen gleichen noch den alten. Da zückt das Wirtschaftswunder sein Hochzeitsgeschenk: Theaterkarten für eine Inszenierung von Harry Buckwitz in Frankfurt, Brechts unvollendetes Stück „Schwejk im Zweiten Weltkrieg“ in westdeutscher Erstaufführung. Dasselbe Stück also, das erheblich bearbeitet unmittelbar vor dieser Szene gespielt worden war, als Eröffnung der Saison 2026/27 im Schauspiel Frankfurt.
Drei Werke, drei unterschiedliche Spielformen
Damit ist der Bogen zu einer früheren Station dieses langen Theaterabends geschlagen, bei dem ein Interview mit Karlheinz Braun, unter Buckwitz zweiter Regieassistent, auf den Bühnenvorhang projiziert worden ist, was später ein weiteres Mal aufgenommen wird. Das Wirtschaftswunder und Braun – beide erinnern jetzt daran, dass die Lust, sich 1959 mit Krieg und Diktatur zu beschäftigen, nicht besonders ausgeprägt war, und wenn die Hochzeitsgesellschaft lautstark darüber streitet, ob man eigentlich „über Hitler lachen“ dürfe, gerade jetzt, wo es doch „fünf vor zwölf“ sei, dann ist auch unsere Gegenwart schnell in den Blick genommen.
Jan Christoph Gockel hat als Regisseur von „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ gemeinsam mit Katrin Spira einen Text geschaffen, der auf Jaroslav Hašeks Romanfigur abzielt und mit ihr mehrere Vorlagen zusammenhalten soll – drei Stationen, drei Werke, drei unterschiedliche Spielformen. Den Anfang macht Hašeks unvollendeter Roman, der im Ersten Weltkrieg spielt und von einem, wie sein Autor schreibt, „verkannten, bescheidenen Helden“ handelt, jenem Soldaten Schwejk, der sich vor allem Verdienste im Unterlassen erworben habe.
Auf Gockels kurze Adaption des umfangreichen Romans folgt eine zusammengestrichene Version von Brechts Stück und nach der Pause dann ein szenischer Vortrag des Ensembles von Passagen aus Berichten russischer Soldaten, die Ende 2022 bis Mitte 2023 in der Ukraine um die erbittert verteidigte Stadt Bachmut gekämpft haben.
Schwejk als Stummfilm
Was den Roman angeht, rückt die Regie das Geschehen nachdrücklich in die Bilderwelt seiner Entstehungszeit, indem eine Art Stummfilm inszeniert wird: Eine Kamera folgt den Protagonisten, die den Mund öffnen und schließen, ohne einen Laut von sich zu geben, und die entstehenden Bilder werden auf zwei kleine Leinwände am Bühnenrand projiziert, ergänzt um das Flackern und die kleinen Fehlstellen, die man mit heutigen Stummfilmaufführungen assoziiert.
Schwejk, gespielt von Wolfram Koch, geht ins Wirtshaus „Zum Kelch“, führt dort unvorsichtige Reden – hier auf den üblichen Stummfilmtafeln wiedergegeben – über den jüngst erschossenen österreichisch-ungarischen Thronfolger, was ein Spitzel registriert, der Schwejk der Polizei übergibt. Er muss zur Armee, nachdem er gemustert und sogar für schwachsinnig erklärt worden war. All das vollzieht sich vor einem wiederum von grotesken Kontrasten bestimmten Bühnenbild. Aus der riesigen Kanone werden am bitteren Ende lauter Projektile abgeschossen, in denen sich jeweils ein Ensemblemitglied verbirgt, Kanonenfutter eben, und vor jedem Schuss sehen wir noch ein letztes Porträtfoto des betreffenden Soldaten, als Gruß an die Familie in der Heimat. Wer sich lieber davonmachen will, wird nachdrücklich in das große Rohr genötigt. Am Ende zielt es auf das Theaterpublikum.
Puppen als Panzer und Tarnung
Die Adaption von Brechts Stück, der Tonfilm ist mittlerweile erfunden, folgt dann anderen ästhetischen Maximen. Seine Zuneigung zu Puppen als Ausdrucksform auf der Bühne hat Gockel schon in früheren Inszenierungen deutlich ausgestellt, etwa im Februar 2020 in seiner „Orestie“ und zuletzt im „Faust“, als man den Eindruck gewinnen konnte, die Puppe des alten Gelehrten, die kalt dem Treiben seines verjüngten anderen Ichs zusah und dabei zwischen Unverständnis und Wehmut changierte, spiele die menschlichen Akteure bisweilen an die Wand.
Während dort also die Puppe als Gegenüber des Menschen auftrat, als abgelöste, andere Existenz, die eigenen Regeln folgt, konnte man im „Schwejk“ nun Michael Pietschs Geschöpfen in weniger inspirierten Funktionen zusehen. In Brechts „Schwejk“ hatte der Autor in seinen „Zwischenspielen“ zur Handlung ursprünglich überlebensgroße Avatare von Hitler, Göring und Himmler vorgesehen, während Goebbels winzig sein sollte. Hier nun führt Annie Nowak als Concierge eine kleine Hitler-Marionette, die wiederum riesig an eine Leinwand projiziert wird, gesprochen wiederum von Nowak im Hitler-Ton.

Andere Puppen tragen die Schauspieler auf den Leib geschnallt, auch das Gesicht wird in der Regel von einer ausdrucksvollen Maske verdeckt, die Stimme gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Tonlagen wiedergegeben. Dass man sich in einer Diktatur besser nicht zeigt, wird dadurch ebenso dargestellt wie die Qual, so reden und solches hören zu müssen. Auch Brecht konzentriert sich in seinem Stück auf die beiden Pole Gasthaus und Front, der Spitzel treibt sein Wesen und Schwejk gerät durch seinen missglückten Versuch, einen gefangenen Rassehund zum Faustpfand für eine Erpressung zu machen, unter die Soldaten. Er aber trägt als einziger keinen Puppenpanzer vor sich her und keine Maske. Und während die Stimmung in diesem zweiten Teil des Theaterabends keinen Slapstick mehr verträgt, weil die Dinge furchteinflößender erscheinen, agiert er noch immer als Sand im Getriebe der Staatsmaschinerie, indem er allen recht gibt, zu allem Ja sagt und die Befehle durch übertriebenen Gehorsam in ihrer Idiotie entlarvt.
Was aber wird aus einem solchen Schwejk in unserer Gegenwart? Die Frage versucht der dritte Teil zu beantworten, der Soldaten von Anwerbung, Musterung, Ausbildung und Fronterfahrung berichten lässt, von Angst und Abstumpfung, vom Töten und Plündern und von der Rückkehr in die Heimat. Die Texte, die teils vorgetragen, teils gespielt werden, sind grauenhaft und unvergesslich, das neunköpfige Ensemble agiert großartig, und auch hier erweisen sich die Puppen, nunmehr die Leichen der Gegner darstellend, als hervorragend eingesetzt – erst werden sie ängstlich umgangen, nach ein paar Tagen Krieg dann ungerührt auf einen Einkaufswagen gestapelt, damit sie nicht beim Plündern stören.
Gibt es da Platz für einen Schwejk? Der Versuch, sein früheres subversives Handeln hier allein im Erzählen vom Krieg wiederzufinden, überzeugt nicht völlig. Und dass am Schluss das Rohr der riesigen Kanone verknotet ist, wird man als Bild genießen. Ein Trost ist es nicht.
