
Die XXV. Olympischen Winterspiele, die an diesem Freitag im Mailänder San-Siro-Stadion offiziell eröffnet werden, rücke Italien „ins Zentrum der Welt“, sagt die Regierung in Rom. Nicht nur die Welt des Sports wird die kommenden zweieinhalb Wochen auf Italien blicken.
Auch die Politik mischt tüchtig mit. Aus Washington kommen Vizepräsident J.D. Vance und Außenminister Marco Rubio zur Eröffnungsshow. Für die Sicherheit von Vance und Rubio, vor allem aber der riesigen US-Delegation mit Hunderten Athleten, Trainern und Betreuern, kommt auch eine Handvoll Beamte der Einwanderungsbehörde ICE zum Einsatz.
Die werden nicht auf den Straßen Italiens nach illegalen Migranten suchen, sondern im Konsulat am Computer nach möglichen Gefahren für US-Bürger bei Olympia. Für Sicherheit und Ordnung würden einzig die 6000 italienischen Polizeikräfte sorgen, so musste Italiens Inenminister im Parlament das Selbstverständliche bekräftigen.
Der Name ist ein Etikettenschwindel
Denn in Mailand hatte der links-grüne Bürgermeister Stimmung gegen die rechte Regierung in Washington (und in Rom) gemacht, indem er die ICE als „Miliz, die tötet“ bezeichnete und deren Beamte zu unerwünschten Personen erklärte. In schicker Winterkleidung gingen sodann Tausende Mailänder auf die Straße, um sich der kalkulierten Empörung anzuschließen, den Button „ICE OUT“ als aktuelles Accessoire am Revers. Die Mailänder Bourgeoisie gilt im Rest Italiens als blasiert und borniert.
Jedenfalls stößt sie sich nicht daran – auch der aufgeweckte Bürgermeister nicht –, dass die Leibwächter des Emirs von Qatar seit Wochen die olympischen Pisten bevölkern, um ihren Boss, der ebenfalls in Oberitalien erwartet wird, auch auf Skiern beschützen zu können. Qatar ist der Hauptsponsor der islamistischen Hamas im Gazastreifen, die ohne das viele Geld aus Doha kaum den schlimmsten Massenmord an Juden seit dem Holocaust hätten verüben können. Und auch gegen ein beispielloses Massaker der Mullahs in Iran an der eigenen Bevölkerung gab es in Mailand keine Proteste.
Offiziell heißen die Spiele „Milano – Cortina 2026“. Das ist ein Etikettenschwindel, denn die Wettbewerbe werden an zwei Dutzend Stätten ausgetragen, von Cortina d’Ampezzo in Venetien über Wintersportzentren in Südtirol und im Trentino bis nach Bormio, Livigno und Mailand in der Lombardei. Ob das Experiment der ersten wirklich dezentralen Spiele gelingt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
Manche klagen, dass die „olympische Familie“ damit auseinandergerissen werde. Doch die Vorstellung vom gemütlichen Brettspielabend der Athleten und Betreuer nach dem knallharten Medaillenkampf ist im Zeitalter des Profisports bei Olympia obsolet. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist seit einigen Jahren dem Zeitgeist der Nachhaltigkeit verpflichtet, man fordert die Nutzung bestehender Sportstätten statt „weiße Elefanten“ zu errichten.
Regierung in Rom ist vom Erfolg überzeugt
Die Bob- und Rennrodelwettbewerbe hätten nach dem Willen des IOC in der Schweiz, in Österreich oder gar in den USA ausgetragen werden sollen. Aber davon wollte die Regierung in Rom unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die der Förderung des „Made in Italy“ ein eigenes Ministerium gewidmet hat, nichts wissen – und ließ in Rekordzeit in Cortina einen neuen Eiskanal errichten. Das neue „Sliding Centre“ wird von den Athleten enthusiastisch gefeiert, von Kritikern als überteuerte Bau- und Umweltsünde beklagt. 90 Prozent der für Olympia 2026 in Norditalien genutzten Stätten sind bestehende Anlagen oder werden nach den Spielen abgebaut und anderweitig genutzt. Gewiss, für die restlichen zehn Prozent Neubauten sowie für die umfassenden Infrastrukturprojekte wurde viel Geld ausgegeben.
Doch das nationale Organisationskomitee und die Regierung in Rom sind überzeugt, dass der Milliardensaldo für die Spiele am Ende positiv ausfallen wird, noch lange nach der Schlussfeier in Verona: nicht nur mit Blick auf die Nutzung der Sportstätten, sondern auch und gerade auf die Infrastruktur und die Förderung des Tourismus.
Nach 20 Jahren sind die Winterspiele in die Alpen zurückgekehrt, sozusagen in ihre Heimat. Die Spiele „Made in Italy“ könnten zum nachhaltigen Gegenmodell werden zu den gigantischen Betonhochämtern in Sotschi 2014 und Peking 2022. Das waren zudem olympische Wettbewerbe, mittels welcher sich Autokraten profilieren wollten. Geblieben sind in Russland und China Bauruinen, und der Ruf der Potentaten wurde auch nicht aufpoliert, im Gegenteil.
Auch das ist ein gutes Zeichen für die zuletzt unsichere Zukunft der Olympischen Winterspiele, denn nach Italien finden die Spiele 2030 in Frankreich und 2034 in den USA statt. Schließlich scheint der Abgesang auf den Wintersport in den Alpen wegen des Klimawandels verfrüht. Am Donnerstag musste in Cortina das Abfahrtstraining der Frauen ausfallen: zu viel Neuschnee.
