Es gab wohl keinen Vulkanausbruch in der jüngeren Geschichte, der so viel Aufsehen erregt hat wie die gewaltige Eruption des Krakatau am 27. August 1883. Nach Wochen seismischer und vulkanischer Unruhe brach der in der Sundastraße zwischen den indonesischen Inseln Sumatra und Java gelegene Vulkan mit einem derart lauten Knall aus, dass Menschen selbst in 100 Kilometern Entfernung noch die Trommelfelle platzten. Der Knall war als dumpfes Grollen selbst in Australien sowie auf Mauritius im Indischen Ozean zu hören. In dem vom Ausbruch erzeugten Tsunami kamen mindestens 37.000 Einwohner Indonesiens ums Leben.
Nun hat ein neuer Ausbruch dieses Vulkankomplexes Indonesien in Aufruhr versetzt. Vulkanische Asche wurde bis in 15 Kilometer Höhe geschleudert. Aus Sicherheitsgründen wurden acht Flughäfen geschlossen. Bei fast 3000 Flügen kam es zu Ausfällen, Umleitungen und Verspätungen. Rund 340.000 Reisende waren nach offiziellen Angaben betroffen. Noch immer wird ein Boot mit fünf Journalisten und drei weiteren Passagieren an Bord vermisst. Die Gruppe war vor der Küste von Java in See gestochen, um die Eruption des Vulkans zu dokumentieren.
Niemand erkannte zunächst die Gefahr durch den Krakatau
Lange galt Krakatau als dicht mit tropischen Pflanzen bewachsene Insel. Angeblich soll es 1680 einen Ausbruch gegeben haben, von dem es aber keine direkten Aufzeichnungen gibt. Holländische Kolonialbehörden errichteten einen kleinen Marinestützpunkt auf der Insel und versuchten dort Pfeffer anzubauen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde eine Strafkolonie geschaffen, die man aber etwa um 1880 wieder aufgab. Danach schenkten die Kolonialherren in der damaligen Hauptstadt Batavia der Insel kaum Beachtung. Niemand befürchtete, dass es sich bei Krakatau um ein Pulverfass handeln könnte, das nach Jahrhunderten der Ruhe als aktiver Vulkan ausbrechen könnte.
Das änderte sich am 20. Mai 1883, als es plötzlich zu kleineren Ausbrüchen auf der Insel kam. Kleine Krater taten sich auf, die immer wieder glühende Aschewolken ausbliesen. Diese Aktivität hielt mehrere Monate an, bis es dann Ende August zu dem kataklysmischen Ausbruch kam. Innerhalb weniger Stunden stieß der Vulkan mehrere Kubikkilometer Magma als Asche und Bims aus. Mehr als zwei Drittel der Insel wurden durch die Druckwellen der vielen Explosionen regelrecht zu Asche zerstäubt.
Die Vulkanasche der Eruption gelangte bis in 80 Kilometer Höhe in die Stratosphäre, wo sie mehrere Jahre als Staubwolke verblieb. Diese Wolke streute so viel Sonnenstrahlung, dass sich der Mond blau verfärbte. Schlimmer noch: Die Lufttemperatur sank im weltweiten Durchschnitt, was in vielen Teilen der Welt zu Missernten und Hungersnöten führte. Das veränderte Licht hatte zudem tiefgreifende Auswirkungen auf die Kunstgeschichte, beispielsweise auf den Impressionismus. Von dem üppigen Bewuchs auf der Insel blieb bei der Eruption nicht viel übrig.
Die Zahl der Opfer wird auf mehr als 100.000 geschätzt
An den Küsten der Sundastraße richtete der vom Ausbruch hervorgerufene Tsunami riesige Schäden an. Ganze Dörfer und wichtige Verkehrswege wurden zerstört. Offiziell zählten die holländischen Behörden etwa 37.000 Tote, aber Wissenschaftler schätzen die Zahl der Opfer auf weit mehr als 100.000. Selbst an den Küsten Australiens und Neuseelands wurden damals noch Wellenhöhen von mehr als zwei Metern gemessen. Wegen der weitreichenden Schäden galt diese Vulkaneruption lange als die größte Naturkatastrophe seit Jahrhunderten.

Nach einigen Monaten nachlassender Aktivität kam der Vulkan wieder zur Ruhe. Anstatt eines großen Bergs mit grünem Bewuchs stand nun ein weitgehend nackter Felsen von mehr als 800 Metern Höhe, Rakata genannt, in der Sundastraße. Im Laufe der kommenden Jahrzehnte begann sich die Natur wieder zu erholen, auch der Vulkan nahm seine Tätigkeit wieder auf.
Am 29. Dezember 1927 tauchte neben Rakata eine kleine Insel aus dem Wasser auf. Im Laufe der Jahre wuchs dieser Vulkan, von Indonesiern Anak Krakatau (Kind des Krakatau) benannt, immer weiter. Kleine Ascheausbrüche ließen den Berg um etwa neun Meter pro Jahr wachsen. Immer wieder beobachteten Fischer, wie Lavafontänen aus dem Krater stiegen. Im Jahr 2018 war der Aschekegel so weit gewachsen, dass er in einem weiteren Ausbruch kollabierte und dabei einen weiteren Tsunami auslöste. Mindestens 500 Menschen kamen dabei ums Leben. Seitdem ist Anak Krakatau nicht mehr zur Ruhe gekommen. Diese Aktivität erreichte zu Beginn der Woche mit dem großen Ascheausbruch ihren bisherigen Höhepunkt.
Die bei solchen Ausbrüchen ausgestoßene Asche ist nicht nur für die menschlichen Atemwege gefährlich. Sie macht auch das Fliegen nahezu unmöglich. Die Asche kann sich in den Düsentriebwerken von Verkehrsflugzeugen absetzen und sie allmählich verstopfen; das verringert den Schub, den die Triebwerke leisten müssen, um das Flugzeug in der Luft zu halten. Außerdem wirkt die Asche auf die Cockpitfenster wie Schmirgelpapier. Durchfliegt ein Flugzeug eine solche Wolke, kann die Asche die Cockpitscheiben vollkommen zerkratzen.
Spätestens seitdem sich eine solche Aschewolke, die der isländische Vulkan Eyjafjallajökull im Frühjahr 2010 ausstieß, über dem westeuropäischen Luftraum festsetzte, sind Fluggesellschaften vorsichtig geworden. Um Zwischenfälle zu vermeiden, wurden damals mehr als 100.000 Flüge in Europa und über den Atlantik gestrichen. Fast der gesamte Flugverkehr kam damals tagelang zum Erliegen. Nach dem jüngsten Ausbruch des Anak Krakatau reagierte die indonesische Luftaufsicht nun ebenso vorsichtig, aus gutem Grund.
