
In diesem Sommer war es besonders stark zu spüren: Bei Hitze in der Stadt heizen sich Asphalt und Pflaster auf, speichern die Wärme und geben sie ab wie eine Bodenheizung, auch nachts. Das Entsiegeln und das Begrünen von Flächen ist daher eine zentrale Strategie der Städte im Umgang mit der Klimaerwärmung. Nicht nur wegen der Wärme – es hilft zudem bei Starkregen, weil das Wasser im Boden versickern kann. Dabei halten begrünte Flächen das Wasser wie ein Schwamm und können mit der Verdunstung die Umgebung kühlen.
Auch Städte im Rhein-Main-Gebiet haben sich das Entsiegeln als eine Kernaufgabe in ihre Klimaanpassungspläne geschrieben. Doch wie sieht es mit der Realisierung aus? Eine F.A.Z.-Recherche zeigt: sehr unterschiedlich. Auf Nachfrage nach konkreter Entsiegelung von öffentlichen Flächen in jüngerer Zeit reichen die Zwischenbilanzen von wenigen hundert bis zu mehreren tausend Quadratmetern. So nennt Frankfurt als größte hessische Stadt für das Jahr 2025 vier entsiegelte Flächen von zusammen gut 1000 Quadratmetern und für 2026 fünf weitere mit insgesamt 1680 Quadratmetern.
Studenten haben den Wettbewerb „Abpflastern“ initiiert
Die Stadt Wiesbaden führt die aktuelle Umgestaltung des Elsässer-Platzes im stark verdichteten Westend an. Aus einem großen Parkplatz entsteht dort ein Stadtpark. 9400 Quadratmeter Fläche seien entsiegelt worden, die Gestaltung soll diesen Herbst abgeschlossen werden. Als weiteres kleineres Projekt nennt die Stadt die Umgestaltung des Bülowplatzes, der ebenfalls im Westend liegt. Dort sei ein Teil des Pflasters entfernt worden und ein unterirdischer Bach werde an die Oberfläche verlegt.
In Darmstadt als drittgrößter Stadt des Rhein-Main-Gebiets tut sich dagegen bislang wenig in Sachen Entsiegelung auf städtischem Grund. Als einzige Beispiele aus der jüngeren Zeit werden zwei Flächen genannt: eine mit 30 und eine mit 300 Quadratmetern.
„Abpflastern“ lautet da die Devise. So nennt sich der bundesweite Wettbewerb, der für die Entsiegelung in den Städten eine zunehmende Rolle spielt. 2025 wurde er an der Koblenzer Hochschule für Gesellschaftsgestaltung als studentisches Langzeitprojekt begonnen. Unter dem Motto „Jeder Stein zählt“ können Kommunen, Organisationen und Bürger jeweils zwischen März und Oktober Projekte melden, und erhalten begleitend Tipps zum Entfernen von Pflastersteinen und Asphalt. Während sich 2025 rund 30 Kommunen unterschiedlicher Größe beteiligt haben, sind es in diesem Jahr laut Angaben der Organisatoren doppelt so viele – darunter auch einige aus dem Rhein-Main-Gebiet.
Frankfurt und Darmstadt sind von Anfang an dabei gewesen. Hessens größte Stadt errang im ersten Wettbewerbsjahr 2025 in der Kategorie Großstädte den ersten Platz mit knapp 50.000 „abgepflasterten“ Steinen, bei einer Maßeinheit von zehn mal 20 Zentimetern. Das entspricht 63 Steinen je 1000 Einwohner. Darmstadt hat mit 9500 Steinen – entsprechend 58 Steinen je 1000 Einwohner – voriges Jahr den zweiten Platz unter den Großstädten belegt. Maßgeblich zustande gekommen ist das durch Flächen der Technischen Universität Darmstadt sowie der Hochschule Darmstadt. Doch dieses Jahr will die Stadt auch mit eigenen Flächen punkten.
Nicht überall wurden Steine und Asphalt entfernt
Allerdings stellt sich die Frage, inwiefern wirklich entsiegelt wurde. Im Fall des Wettbewerbsbeitrags 2025 von der Technischen Universität Darmstadt sind auf einer knapp 100 Quadratmeter großen Fläche vor der Innenstadt-Mensa 26 Tonnen Kies durch ein Pflanzsubstrat ersetzt worden. Darauf wurden Beete mit Stauden und Blumen angelegt. Jedoch liegt das Beet auf einer betonierten Dachfläche mit einer Tiefgarage darunter. Regenwasser versickert dort also nach wie vor nicht im Boden, wie die universitäre Pressestelle auf Nachfrage bestätigt. „Durch den Austausch von Kies durch Pflanzsubstrat kann jedoch mehr Wasser gebunden werden, sodass weniger Wasser in die Kanalisation eingeleitet und so auch das Mikroklima vor Ort verbessert wird“, heißt es.
Auch auf der größeren Fläche von 300 Quadratmetern, die Darmstadt dieses Jahr in den „Abpflastern“-Wettbewerb einbringt, wurden weder Asphalt noch Pflaster entfernt. Auf dem dreieckigen Grundstück zwischen Botanischem Garten und einem Grünstreifen mit Bäumen fand sich kleinkiesiger Sandboden, wie die städtische Pressestelle mitteilt. Dieser sei aufgerissen und ein Sand-/Kompostgemisch eingebracht worden, um eine Biodiversitätsfläche zu schaffen.
Aktion ist nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“
Darmstadts Klimaschutzdezernent Michael Kolmer (Die Grünen) sieht das nicht als Etikettenschwindel im Wettbewerb. Es habe sich um eine stark verdichtete wassergebundene Wegfläche gehandelt, und solche Flächen zeigten laut weiterführender Fachliteratur ähnlich geringe Abflusswerte wie versiegelte Flächen. „Diese Fläche war zuvor so verfestigt, als wenn sie asphaltiert gewesen wäre“, sagt er, „– abgesehen davon, dass sich Asphalt schneller aufheizt.“
Wie sieht man das bei den Organisatoren von „Abpflastern“? Die Projektkoordinatorin des Koblenzer Studentenprojekts bekräftigt auf Nachfrage, das Kernanliegen sei das Entfernen von Asphalt und Pflastersteinen. Erfasst werde das in Form von Vorher-Nachher-Fotos, die die Teilnehmenden einreichen müssen. „Aber wir können das nicht alles immer so streng nachprüfen.“ Ihnen gehe es vor allem darum, durch das Projekt Bewegung in das Thema Entsiegelung zu bringen und Erfolgserlebnisse zu schaffen. Auch wenn das nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“ sei.
„Eine zentrale Herausforderung bei der Entsiegelung ist die begrenzte Verfügbarkeit von Flächen im dicht bebauten Stadtgebiet“, erläutert das Frankfurter Klimadezernat. „Viele Flächen erfüllen wichtige Funktionen für Mobilität, Erschließung, Aufenthalt oder Infrastruktur und können nicht ohne Weiteres entsiegelt werden.“ Das sehen Darmstadt und Wiesbaden ähnlich.
Dennoch meinen die Städte, dass ein effektives Entsiegeln im größeren Stil durchaus möglich sei. „Das setzt im dicht bebauten urbanen Raum aber häufig eine politische Prioritätensetzung voraus“, heißt es aus dem Pressereferat der Landeshauptstadt. „Wenn beispielsweise größere Flächen von Stellplätzen oder Verkehrsflächen zugunsten von unversiegelten Flächen und Grünflächen umgewandelt werden sollen, müssen entsprechende Richtungsentscheidungen politisch getroffen werden.“
Doch nun scheint mit der zunehmenden Klimaerwärmung mehr Dynamik einzuziehen. „Aktuell ist ein Entsiegelungskonzept in Arbeit“, heißt es etwa aus Frankfurt. Verwiesen wird auf den Leitfaden zur klimaangepassten Stadtplatzgestaltung, der die Neugestaltung von 13 besonders belasteten Plätzen vorsieht – jeweils ein Platz pro Jahr.
Auch in Darmstadt will die Stadt künftig mehr tun. Im vorigen Herbst wurde die ämterübergreifende Arbeitsgruppe „Entsiegelung“ gegründet, die den Rückbau versiegelter Flächen vorantreiben soll. Laut Klimadezernent Kolmer ist bislang eine Liste mit 30 auch größeren Flächen erarbeitet worden, die absehbar entsiegelt werden sollen. Er versichert: In allen Fällen werden Asphaltbrocken oder Pflastersteine entfernt. „Wir werden dort auf jeden Fall zu einer Hitzereduzierung beitragen.“
