
Charles Cagniard de la Tour wollte einfach nur die Luft zum Klingen bringen. Als er im Jahr 1819 erstmals von seiner „sirène“ berichtete, konnte er nicht ahnen, dass das von ihm entwickelte Instrument eines Tages Pate stehen würde für jene Sirenen, deren Klang seit den Kriegen des 20. Jahrhunderts mit Tod und Verderben assoziiert wird – als Warnung vor Luftangriffen oder umgekehrt als Angriffszeichen von deutschen Sturzkampfbombern, an deren Fahrwerken sie angebracht waren.
Spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges schien auch das Ende der Sirene besiegelt, Zehntausende wurden in Deutschland stillgelegt. Dass sie nun ein Comeback erleben, ist ein unmissverständliches Zeichen für den Wandel der Zeitläufte. Wenn an diesem Donnerstag zum sechsten Mal ein länderübergreifender Warntag durchgeführt wird, kehrt ein Geräusch zurück, von dem wir gehofft hatten, es nie wieder hören zu müssen.
Die Sirenen stammen aus der antiken Mythologie
Dem lockenden Wohlklang des Gesangs mythischer Vogelwesen mit Frauenköpfen aus der griechischen Mythologie, der de la Tour als Vorbild für seinen Apparat vorgeschwebt haben muss, und dem enervierenden Ton moderner Warnsirenen ist zweierlei gemeinsam: die Assoziation mit Gefahren und, damit verbunden, der Umstand, dass sie von den Hörern absolute Aufmerksamkeit einfordern.
Jüngst hat Christopher Nolan die Erzählung von der todbringenden Gefahr der Sirenen in seiner Odyssee-Verfilmung in Erinnerung gerufen. Er zeigt, wie sich Odysseus’ Gefährten die Ohren mit Wachs zuschmieren, um nicht den betörenden Klängen zu erliegen, der Held selbst sich aber in seiner unersättlichen Neugierde an den Schiffsmast ketten lässt, um sich in Ekstase versetzen lassen zu können, ohne mit dem Leben dafür zu zahlen. Eine ganz andere Taktik hat dagegen Orpheus gewählt, als er an der Sirenen-Insel vorbeifuhr; er übertönte den Gesang der Sirenen mit seiner Leier und rettete so sich und seine Mannschaft.
Bei Kafka schweigen die Sirenen
Eine moderne Variante des Mythos hat Franz Kafka in seinem postum durch Max Brod veröffentlichten Prosastück „Das Schweigen der Sirenen“ geliefert. Odysseus, in dieser Fassung ein Alleinsegler, hat sich mit Fesseln und Wachs gleich doppelt gesichert; der Erzähler macht sich über ihn und seine Mittelchen lustig, denn die Sirenen hätten daraufhin „eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang“ angewendet: ihr Schweigen. Sein „Gefühl, aus eigener Kraft sie besiegt zu haben“, führt zur „alles fortreißenden Überhebung“ des vermeintlichen Helden – ein Schicksal schlimmer als die Vernichtung.
Wer wie Kafkas Odysseus in „unschuldiger Freude“ der Gefahr beikommen will, droht taub für ihresgleichen zu werden. Wenn am Warntag die Sirenen tönen, kann sich glücklich schätzen, wer sie vernimmt. Was aber, wenn die Gefahr unhörbar ist?
