Als es dunkel wird in Shaoshan, füllt sich die Zuschauertribüne.
Gut 100 Menschen trotzen dem Spätsommerregen, überwiegend chinesische Familien in
Ausflugsstimmung. Unter freiem Himmel nehmen sie Platz, um eine Aufführung zu
verfolgen, die hier seit mehr als zehn Jahren zweimal täglich gegeben wird:
»China hat einen Mao Zedong hervorgebracht!«, so heißt das Stück. Es
porträtiert jenen Mann, dessen Tod am heutigen Mittwoch genau 50 Jahre
zurückliegt – und der 1893 in Shaoshan zur Welt kam. Heute ist der kleine Ort Chinas
berühmteste Wallfahrtsstätte des sogenannten »Roten Tourismus«.
Von den Stufen des Amphitheaters blicken die Zuschauer hinab
auf eine Bühne mit den Umrissen der Volksrepublik China – inklusive eines
kleinen Zipfels am rechten Rand, der die Insel Taiwan darstellt. Die gehört
nach eigenem Verständnis zwar nicht zur Volksrepublik, wird von der
Staatsführung in Peking aber als Teil des eigenen Staatsgebietes angesehen.
Keine Kartendarstellung des Landes ist aus chinesischer Sicht komplett ohne
diesen Zipfel, und sei es eine Theaterbühne.
Auf der Bühne verspricht Mao den Chinesen gute Tage
Dann erklingt die Nationalhymne. Das Licht geht aus. Und
Chinas Geschichte beginnt. »Wenn wir es nicht wagen«, ruft ein jugendlicher Mao von
einer Dampflok herab, »wer wagt es dann?« Auf der Bühne ist es 1921, der junge
Revolutionär macht gerade die ersten Schritte in der kommunistischen Bewegung. Die
sieht sich im beginnenden 20. Jahrhundert vor der Herausforderung, das politisch
zerfaserte und kolonial gedemütigte chinesische Reich in die Moderne zu führen.
Den Arbeitern eines Kohlewerks verspricht Mao: Eines Tages würden sie »gute
Tage verleben« – ein chinesischer Ausdruck für die Sehnsucht nach einem
einfachen, erfüllten Leben. »Dann«, ruft Mao, »wird unser Land einen anderen
Namen haben: das Neue China!« Auf der Bühne bleiben ihm 90 Minuten, um sein Versprechen
einzulösen.
Das Stück klappert die Stationen ab, die chinesische Schüler
aus ihren Geschichtsbüchern kennen. Mao inspiziert die Bauernbewegung in der
Provinz Hunan, es fällt der berühmte Satz: »Die politische Macht kommt aus den
Gewehrläufen.« Mao verabschiedet sich von seiner Familie, um sich auf den »Langen
Marsch« zu begeben, bei dem seine kommunistischen Truppen vor den anrückenden
Nationalisten zurückweichen. Von anfänglich 80.000 Bauern und Soldaten erreicht
am Ende nur rund ein Zehntel den Zielort Yan’an. Aber der legendäre Marsch hilft
Mao, sich zur Ikone der Kommunistischen Partei zu stilisieren.
Besonders aufwendig wird die Schlacht um die Luding-Brücke
inszeniert, ein zentraler Gründungsmythos der Partei. Der Legende nach kämpften
sich 26 Kommandos im Mai 1935 über den reißenden Fluss Dadu. Von der Brücke
waren nur die Stahlketten geblieben. Wasser- und Feuerfontänen schießen über
die Bühne, letztere stellen den Beschuss durch die Nationalisten dar. Vier
Kommandos stürzen in den Tod, der Rest robbt über die Brücke und rettet sich
nach Yan’an. Wie die Schlacht wirklich ablief, ob es sie in dieser Form
überhaupt gab, ist umstritten. Selbst Maos Nachfolger Deng Xiaoping bezeichnete
die Querung des Dadu später als »einfache militärische Operation«.
Kaum sind die Nationalisten abgewehrt, fallen 1937 die Japaner
in China ein. Röhrende Motorräder entern die Bühne, ein japanischer Soldat
spießt eine Babypuppe auf seinen Dolch. Mao richtet sich an seine Gefolgsleute:
»Kämpfen wir oder nicht?« Und natürlich kämpfen sie, bis Japan im August 1945 kapituliert.
Dass die Nationalisten unter Chiang Kai-shek die wichtigsten Schlachten fochten
und deutlich mehr Todesopfer erlitten, dass die USA das japanische Kaiserreich
nuklear in den Abgrund bombten, bleibt unerwähnt. Um historische Fakten aber geht
es hier ohnehin weniger als um den Mythos der Partei. Mao und die KP verschmelzen
– und das Volk war schon immer auf ihrer Seite.
